Reisen

Sein Zelt in der Wüste von Oman aufschlagen: Unser Reporter hats getan

In Oman darf man überall umsonst sein Zelt aufschlagen. Wer das Abenteuer wagt, hat die gewaltigen Landschaften des südlichen Arabiens ganz für sich allein.

Den Skorpion fand meine Reisebegleiterin nicht witzig. Klar hatten wir uns über die Tierwelt in Oman eingelesen, bevor wir uns entschieden, mit dem Zelt quer durch das Sultanat zu reisen. Wir waren uns bewusst, dass neben den Kamelen, die stoisch in den flimmernden Wüsten stehen, auch weniger friedliche Viecher da leben. Dass der Skorpion, der unter unserem Sitzstein am abendlichen Lagerfeuer im Wadi Bani Khalid hervorkroch, so riesig sein musste, trübte die Stimmung kurzfristig.

Immerhin wurde ich danach nicht mehr ausgelacht, wenn ich vor dem Schlafengehen mein Seil auspackte und zweimal rund um unser Zelt legte, um die Schlangen vor nächtlichen Besuchen in unserem Schlafgemach abzuschrecken. Ob der Trick funktioniert hat (weil Schlangen das Seil offenbar als Artgenossen wahrnehmen und angeblich nie über andere Schlangen hinwegkriechen) oder ob uns die Schlangen aus anderen Gründen verschonten, wer weiss?

Anders als mit dem vielbeschriebenen Gekreuch und Gefleuch verhält es sich mit den Outdoor-Traveltips. Nützliche Literatur über Zeltferien in Oman gibt es nicht. Die Reiseführer, die man über das Land am südöstlichen Zipfel der Arabischen Halbinsel findet, sind voll mit Hinweisen auf luxuriöse Restaurants, teure Hotels und geführte Wüstentrips mit gut gefederten SUVs. Oman gilt als Luxusreiseziel, als Winterdestination für Sonnenhungrige, die sich Strandhotels und orientalische Gastfreundschaft wünschen. Dass man in Oman überall gratis wild campieren darf, das interessiert den geneigten Orient-Traveler nicht.

Träumen am Abgrund

Umso besser für uns. Die weiten Wüsten, die abgelegenen Gebirge, die ausgetrockneten Felsentäler (Wadis): Sie sind menschenleer. Und ein Paradies für Wildcamper, die sich die teuren Suiten in den Hotelpalästen nicht leisten können und lieber den Sternenhimmel bewundern als Bauchtänze aus folkloristisch aufgemotzten 1001-Nacht-Abendvorführungen. Als wir am Abgrund des Wadi An Nakhur, der tiefsten Schlucht des Nahen Ostens, unser Zelt aufschlagen, fahren gerade die letzten Offroader mit den Tagestouristen davon, die hier für ein paar Selfies in den Graben blickten. Und während sie in der steinigen Weite verschwinden, taucht die Abendsonne die Szenerie am arabischen Grand Canyon in goldenes Licht, das wir ganz für uns allein haben. Keine fünf Meter von unserem Zelt entfernt reisst der Schlund auf. Wir blicken hinein, der Abgrund starrt zurück, die Sonne geht unter, und das Camper-Glück ist perfekt.

Ähnlich ergeht es uns in der kleinen Bucht in Bandar Khayran, dem fjordartigen Küstenabschnitt südlich der Hauptstadt Muskat. Tagsüber dröhnen die Techno-Beats der arabischen Jeunesse dorée von den ankernden Jachten herüber. Am Abend aber, wenn der Menüplan der High-End-Bistros die gut betuchte Jugend zurück an Land lockt, kehrt hier magische Stille ein. Krabben mit in den Wind gereckten roten Klauen huschen seitwärts über den nassen Sand. Unser Feuer, das wenige Meter neben der Brandung auf dem Strand lodert, scheint sie anzuziehen.

Wo alle Strassen enden

Im Wadi Dham westlich der alten Stadt Nizwa, wo die Imame sich in den 50er-Jahren einst erfolglos gegen die Modernisierungsbemühungen des Sultans auflehnten, sind die Lagerfeuerbesucher weniger friedlich. Die Mücken entlang der plätschernden Bachläufe lassen einfach nicht von uns ab. Wir fliehen ins Zelt und schauen durch den Belüftungsspalt, wie der Mond das Tal mit silbernem Schimmer überzieht. Am nächsten Morgen sind die Mücken weg, dafür bedrängen uns wilde Ziegen, die von den Hängen her ins Tal hinunterstürmen, scheinbar direkt auf unser Mango-Frühstück zu. So exquisite Häppchen sind im omanischen Hinterland eine Rarität.

Noch abgelegener als das Wadi Dham sind die Zuckerdünen bei Al Khaluf. Das Dorf wirkt bitterarm. Die Pick-up-Trucks in den Gassen sind vom salzigen Wind zerfressen, die Bewohner überrascht von den Touristen, die nach dem Weg zu den Dünen fragen. «Einfach geradeaus dem Strand entlang», sagen sie. «Dem Strand entlang?» – «Ja.» – «Nicht der Strasse?» – «Es gibt keine Strasse.» Na dann, dem Strand entlang.

Sternenhimmel statt WLAN

Der Landcruiser wühlt sich durch den Sand, zwölf bange Kilometer lang. Niemand weit und breit, nur ein paar Möwen. Dann tauchen die Dünen auf. Wir richten unser Camp direkt am Strand ein, rennen hinauf auf die Dünen und folgen der Spur eines Schakals, die sich im Puderzucker verliert. Statt auf den Schakal treffen wir auf einen Käfer, der sich immer wieder aufs Neue in den Sand buddelt. Später am Abend blicken wir hinauf zu Orion, der am Firmament funkelt. Ausser uns ist niemand in der weissen Weite, um dem Schauspiel beizuwohnen.

Berühmter als die Zuckerdünen von Al Khaluf ist die Wahiba-Wüste, die sich im Osten des Sultanats auf über 12'000 Quadratkilometern ausbreitet. In der Beduinenstadt Al Minitrib am verwindeten Nordrand lassen wir Luft aus unseren Reifen und reiten unseren Allrad-Gaul gemächlich in die roten Sandberge hinein. Mehrmals passieren wir Schilder, auf denen findige Beduinen ihre Touristen-Camps bewerben: «Desert Nights Camp», «1000 Nights Camp», «Sand Delight Camp», alle mit Halbpension, Matratzen und WLAN. Wir fahren unbeirrt weiter und schlagen im Windschatten einer riesigen Düne unser eigenes kleines Camp auf: ohne WLAN, aber mit genauso vielen Sternen am Himmel.

Einzig das ans Bett servierte Beduinen-Frühstück, mit dem die professionellen Camps werben, vermissen wir am frühen Morgen, als wir, von der Sonne geweckt, aus dem Zelt kriechen. Unser Müesli knirscht zwischen den Zähnen, und die PET-Flaschen-Dusche ist nach der kalten Wüstennacht eine Spur zu erfrischend. Die Stille aber, die über der frühmorgendlichen Wüste liegt, haben wir ganz für uns allein.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1