Atomausstieg

Schweizer Forscher halten Energiewende bis 2050 für machbar – was es dafür braucht

Solarenergie wie hier auf dem Mont-Soleil ist eine Schlüsseltechnologie für die Energiewende.

Solarenergie wie hier auf dem Mont-Soleil ist eine Schlüsseltechnologie für die Energiewende.

Weg von fossilen Energieträgern und der Kernenergie. Das soll gemäss dem Forschungsprogramm «Energiewende» bis 2050 funktionieren.

Das Wichtigste gleich voraus: «Der Ausstoss aus den fossilen Energieträgern und der Kernenergie ist in der Schweiz bis 2050 technisch machbar», sagt ETH-Professor Hans-Rudolf Schalcher. «Zudem ist er wirtschaftlich interessant und sozialverträglich.» Berechnet haben das über 300 Forscherinnen und Forscher im Rahmen der beiden Nationalen Forschungsprogramme «Energie», die der Bundesrat 2012 lanciert hat. Aus 301 eingereichten Forschungsprojekten für die Energiewende wurden 103 ausgewählt und mit einem Einsatz von 45 Millionen Franken während fünf Jahren durchgeführt.

Mit dem erwähnten Resultat, dass die Energiewende zur CO2-Neutralität in 30 Jahren zu schaffen ist, wenn man denn wirklich will. Die Transformation des Energiesystems sei eine Herausforderung, wie sie die Schweiz noch nie gesehen habe, sagt Schalcher bei der Präsentation in Bern. Um die zu schaffen, müssen noch viele Hürden überwunden werden. Zwar habe das Volk zum Atomausstieg und zur Energiestrategie ja gesagt. Gehe es aber darum in der eigenen Umgebung einem Projekt mit erneuerbarer Energie zuzustimmen, sinke die Akzeptanz.

Fotovoltaik ist die Schlüsseltechnologie

Als Schlüsseltechnologie bezeichnen die Wissenschafter die Fotovoltaik, die mehr gefördert werden muss. Die Geothermie verdient zudem eine neue Chance. Auch beim Bau sei noch viel zu holen, sagt Schalcher, der eine der Forschungsgruppen präsidiert hat. Die Treibhausgasemissionen von Betonkonstruktionen können um den Faktor 4 und die graue Energie um den Faktor 3 reduziert werden. Noch gebe es zu wenig Möglichkeiten, um CO2 im Untergrund einzulagern. Da empfehlen die Forscher, aus Kohlendioxid zum Beispiel Wasserstoff oder synthetische Treibstoffe zu produzieren.

Um all das zu erreichen, haben die Forscher 15 Empfehlungen erarbeitet, die sich an die wichtigsten Akteure im Energiebereich richten. Eine davon ist die Errichtung von dezentralen Multi-Energie-Systemen. Das sind Siedlungen und Quartiere mit eigenen Energieinfrastrukturen, die an die übergeordneten Strom- und Gasnetze angebunden sind. Solche Energie-Systeme eignen sich gemäss den Forschern weniger in städtischen, dafür umso mehr in ländlichen Gebieten mit hohem Potenzial für Fotovoltaik. Ein fiktives Beispiel einer solchen Systems im Kanton Bern zeigt, dass dort eine Solaranlage zusammen mit einer Wärmepumpe, zukünftig die günstigste Energieversorgung ist. «Es gibt keine Patentlösungen», sagt Schalcher. An jedem Ort müsse die jeweils beste Energielösung installiert werden.

Akzeptanz erhöhen

Doch für all das braucht es Akzeptanz in der Bevölkerung. Aber Andreas Balthasar von der Universität Luzern hat in seinem Forschungsteil sogar festgestellt, dass es schon beim Wissen hapert. 20 Prozent der Bevölkerung sehen nicht ein, dass wir ein Klimaproblem haben. Andere verstehen nicht, wie eine Lenkungsabgabe funktioniert.

Viel Erklärungsbedarf

Politiker und Wissenschafter müssten deshalb im Lokalen die Bevölkerung «abholen», mit Themen, an denen diese interessiert ist. Zudem geht nichts ohne Verhaltensänderungen, doch die sind schwierig zu erreichen. «Die Leute interessiert nicht in erster Linie ihr Energieverbrauch an sich, sondern ihre Lebensqualität», sagt Balthasar. Somit muss man den Leuten erklären, dass weniger Licht im Haus nicht nur Energie spart, sondern auch gemütlicher ist, dass Gehen statt Fahren auch gesünder ist.

Eines der Projekte im Forschungsprogramm hat sich mit dem Energiesparpotenzial von älteren Menschen befasst. Dieses besteht zum Beispiel , wenn diese kleinere Wohnungen nutzen oder ihre grossen Häuser mit anderen Menschen teilen.

Energie wird teurer werden

Die Transformation sei nicht ohne eine Erhöhung der Energiepreise zu haben, betonen die Forscher. Schalcher ist optimistisch. Gerade die heutige Jugend sei auf einem anders unterwegs in Klimafragen als ältere Generationen. Er sieht noch viel Potenzial gerade auch im Bereich der Gebäude.

Auch den Einspruch, all das sei nur mit weniger Komfort zu haben, lässt der ETH-Professor nicht gelten. «Ein heutiges Auto braucht viel weniger Energie als eines vor 30 Jahren. Niemand behauptet, diese höhere Effizienz gehe zu Lasten des Komforts.»

Er sei kein Freund von Verboten, mit CO2-Abgaben liesse sich schon einiges erreichen. «Wenn Lenkungsabgaben aber nicht reichen, braucht es Verbote», sagt Schalcher. Gerade bei Neubauten sehe man aber, dass auch ohne Zwangsmassnahmen schon viel erreicht worden sei. Stehen und fallen wird die Energiewende mit der Möglichkeit der Speicherung. Die Kosten für die Transformation schätzt Schalcher auf 100 Milliarden Franken.

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Autor

Bruno Knellwolf

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