Interview

Philosophin Annemarie Pieper: «Nach Corona werden wir nicht wieder in den alten Kapitalismus zurückkehren»

Annemarie Pieper am 25. März in Rheinfelden: «Die Kreativität, über die jedes Kind verfügt, müssen wir nun wieder neu entdecken.»

Annemarie Pieper am 25. März in Rheinfelden: «Die Kreativität, über die jedes Kind verfügt, müssen wir nun wieder neu entdecken.»

Die Coronakrise ist für uns so aussergewöhnlich, dass wir nicht einmal eine angemessene Sprache haben, um darauf zu reagieren, sagt die Philosophin Annemarie Pieper. Doch viele Menschen fänden jetzt zu ihrer abtrainierten Fantasie zurück.

Wir können kaum mehr raus, die Geschäfte sind geschlossen. Der Notstand wurde ausgerufen. Das Virus diktiert uns das Leben. Verstehen Sie schon, was hier abgeht?

Annemarie Pieper: Die Schwierigkeit ist, die richtige Perspektive auf die Krise zu finden. Wie geht man mit diesem Virus um? Welchen Stellenwert räumt man ihm ein? Wenn man sagt, das Virus diktiert uns das Leben, geben wir die Kontrolle aus der Hand. Das finde ich die falsche Perspektive.

Welches ist dann die richtige?

Wir müssen mit dem Szenario ähnlich umgehen wie mit dem Wetter: Es so nehmen, wie es kommt. Akzeptieren, dass es unsere Pläne über den Haufen wirft, und neue fassen.

Die Pionierin

Annemarie Pieper – PhilosophinAnnemarie Pieper war von 1981 bis 2001 in Basel Professorin für Philosophie. Als eine der ersten Frauen wurde sie an die Universität Basel berufen, auf den Lehrstuhl von Karl Jaspers. Im Alter von 60 Jahren vollzog sie einen aussergewöhnlichen Schritt und liess sich frühzeitig pensionieren. «35 Jahre an der Universität lehren, das reicht», sagte sie. Seither beschäftigt sie sich weiter mit Philosophie und schreibt Romane. Pieper wurde 1941 in Düsseldorf geboren. Heute lebt sie in Rheinfelden, wo sie – auch während der Coronakrise – jeden Mittag mindestens eine Stunde Velo fährt. (ras)

Annemarie Pieper – Philosophin

Annemarie Pieper war von 1981 bis 2001 in Basel Professorin für Philosophie. Als eine der ersten Frauen wurde sie an die Universität Basel berufen, auf den Lehrstuhl von Karl Jaspers. Im Alter von 60 Jahren vollzog sie einen aussergewöhnlichen Schritt und liess sich frühzeitig pensionieren. «35 Jahre an der Universität lehren, das reicht», sagte sie. Seither beschäftigt sie sich weiter mit Philosophie und schreibt Romane. Pieper wurde 1941 in Düsseldorf geboren. Heute lebt sie in Rheinfelden, wo sie – auch während der Coronakrise – jeden Mittag mindestens eine Stunde Velo fährt. (ras)

Wie gelingt Ihnen das im Alltag?

Ich habe viel Arbeit, die ich zu Hause erledigen kann. So stelle ich gerade ein Buch fertig. Auch vorher schon konnte ich meine Zeit selbst einteilen. Wenn ich von der Arbeit am Bildschirm eine Auszeit brauche, dann gehe ich in den Keller und mache an einem grossen Puzzle weiter. Das finde ich beruhigend, weil die Teile ja so konstruiert sind, dass sie ineinanderpassen. An meinem Alltag hat sich eigentlich gar nicht so viel verändert.

Für viele andere Menschen schon.

Meine Situation ist natürlich nicht typisch. Es gibt zwar viele Menschen, die in einem Büro arbeiten und nun die Arbeit einfach nach Hause nehmen können. Aber wer das nicht kann, muss nun seinen Tag in der Isolation selber strukturieren. Er muss etwas Sinnvolles mit der frei gewordenen Zeit anfangen.

Das fällt vielen schwer.

Vielen wurde in der Eindimensionalität des Berufslebens die Fantasie abtrainiert. Das macht sich nun bemerkbar. Die Kreativität, über die ja jedes Kind verfügt, müssen sie nun wieder neu entdecken.

Bei Søren Kierkegaard, einem ihrer wichtigsten Philosophen, ist die Langeweile der Ursprung des Übels. «Aller Laster Anfang ist die Langeweile», heisst ein oft zitierter Satz. Da ahne ich Böses für unsere Zeit in der Isolation.

Man muss alle Instrumente, die man als Mensch hat, vom Verstand über die Einbildungskraft bis hin zur reinen Fantasie spielen lassen, dann fällt einem immer etwas ein – vielleicht auch etwas, das man bisher immer zu kurz hat kommen lassen. Das Problem ist, dass aufgrund der Ökonomisierung unserer Lebenswelt viele Menschen davon überzeugt sind, dass Tätigkeiten, die keinen ökonomischen Wert generieren, keinen Sinn haben. Diese Einstellung gilt es zu revidieren.

Interessant ist, dass zwar unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurde, viele nun aber durch mehr Freizeit zu mehr Freiheit gelangen.

Ja, es gibt wieder mehr Spielräume, die wir selber füllen können. Aber eben auch füllen müssen, um das Leben so gestalten zu können, dass es uns Spass macht und vielleicht sogar sinnvoll erscheint. Die Einschränkungen können durchaus produktiv wirken. Es klingt paradox, aber ich bin überzeugt: Erst wenn man gezwungen wird, seinen Horizont einzuschränken, kann man ihn mithilfe seiner Fantasie erweitern.

Philosophin Annemarie Pieper moderierte schon die «Sternstunde Philosophie» auf SRF.

Philosophin Annemarie Pieper moderierte schon die «Sternstunde Philosophie» auf SRF.

Werden die Leute durch diese Einschränkung neue Seiten an sich entdecken?

Ja. Und das müssen sie auch. Vielen Menschen ist nicht klar, dass das in ein paar Wochen nicht vorbei ist. Derzeit wird ja die Ansteckungswelle möglichst tief gehalten, doch die Pandemie ist erst vorbei, wenn sich ein grosser Anteil der Bevölkerung damit angesteckt hat und so eine breite Immunität entsteht, es sei denn, es wird ein Impfstoff gefunden. Das wird Monate dauern. Nur wird uns das nicht so gesagt, das würde ja mutlos machen. Vielleicht werden die Einschränkungen mit der Zeit wieder ein bisschen gelockert. Aber wir kommen bis im Sommer sicher nicht wieder zu einem Normalzustand zurück.

Wir werden uns also noch länger aus dem Weg gehen müssen. Abstand halten und sich gleichzeitig solidarisch zeigen, das ist eine neue Situation.

Diese gegenstrebige Bewegung ist wirklich eigenartig. Im Wort Solidarität steckt ja das lateinische Wort «solidus», was so viel wie «fest» bedeutet. Wir haben eine stabile Basis als Gemeinschaft, gleichzeitig sollen wir auf Distanz gehen. Das mutet widersprüchlich an. In der Situation, in der wir uns befinden, zeigen wir nun aber eben darin Solidarität, dass wir Abstand halten.

Die Coronakrise wächst sich zu einer schlimmen Wirtschaftskrise aus. Wie nehmen Sie das wahr?

Sehr schlimm. Das ist für viele Menschen mit existenziellen Ängsten verbunden. Vor allem auch, weil man nicht weiss, ob das längerfristig wieder wettzumachen ist. Es ist deshalb richtig, dass der Staat so schnell so viel Geld lockermacht. Die Frage ist natürlich, ob es auch den Richtigen zu Gute kommt. Ich bedauere etwa die Situation der Kulturschaffenden unendlich.

Ohne staatliche Hilfe dürften es die meisten nicht schaffen.

Ja. Und da muss man sich bewusst machen, wie wichtig sie für die Gesellschaft sind. Denn eine Gesellschaft ohne Kultur verroht. Theater, Musik, Museen – das gehört alles dazu und wird in den nächsten Monaten schmerzlich fehlen. Man kann sich vieles auch auf Youtube oder anderen digitalen Kanälen anschauen. Aber das ist nicht dasselbe wie das analoge Erlebnis.

Seit dem Zweiten Weltkrieg hätten wir so etwas nicht mehr erlebt, heisst es. Wo ist der Unterschied?

Ich wurde im Zweiten Weltkrieg in Deutschland geboren. Der grosse Unterschied ist natürlich: Kriege werden von Menschen gemacht. Der Feind hat ein Gesicht. Man kann sich mit Waffengewalt wehren. Das Virus hingegen ist nichts Menschliches. Es hat keine Absicht und keinen Plan. Es ist unsichtbar. Wenn wir nun sagen, wir bekämpfen das Virus, wir werden es besiegen, so sprechen wir in Kriegsmetaphern, die eigentlich nicht auf das Virus zutreffen. Das zeigt, wie abstrakt die Situa­tion ist. Wir haben nicht einmal eine angemessene Sprache dafür.

Studierte Philosophie, Anglistik und Germanistik an der Universität des Saarlandes in Deutschland: Annemarie Pieper, emeritierte Philosophieprofessorin

Studierte Philosophie, Anglistik und Germanistik an der Universität des Saarlandes in Deutschland: Annemarie Pieper, emeritierte Philosophieprofessorin

Nur die Folgen sind sehr konkret.

Klar, das Virus greift die Lungen an, verletzt Menschen schwer, tötet sie sogar. Die Existenznöte, in welche die Menschen nun geraten, die sind auch real.

Ein weiterer Unterschied ist auch: Dass bei einem Krieg die Menschheit in mindestens zwei Fronten gespalten ist.

Eine Pandemie macht an den nationalen Grenzen keinen Halt. Man sieht derzeit aber auch grenzübergreifende Solidarität. Die Chinesen helfen in Italien. Aus dem Elsass werden Patienten in der Schweiz aufgenommen. Ich sehe eine globale Solidarität.

Dennoch sind jetzt die Grenzen in ganz Europa wieder zu. Bewegen wir uns wieder in eine nationalistischere Welt?

Das denke ich nicht. Die Schliessungen der Grenzen sind ja bloss Massnahmen, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Ich glaube nicht, dass wir wieder vermehrt nationalstaatlich denken werden. Vielmehr werden wir verstehen, dass die wirklich grossen Probleme immer globaler Art sind und dass sie auch nur global gelöst werden können. Wir entwickeln gerade ein Krisenbewusstsein, das grenzübergreifend nachhaltige Effekte haben wird.

Bis dahin wurden für den Profit unzählige Burn-outs in Kauf genommen. Haben wir es hier mit einer totalen Umkehrung zu tun?

Bisher hat die Wirtschaft bestimmt, wie wir als Gesellschaft miteinander umgehen. Alles hat einen Preis, fast alles wurde unter ökonomischem Gesichtspunkt betrachtet. Dabei ist das natürlich nicht der einzige Wert, so wichtig die Wirtschaft auch ist. Jetzt sehen wir, wie wichtig der Wert der Gesundheit ist, er steht über allem. Wenn dieser ganze Spuk vorbei ist, sollte es uns eigentlich gelingen, das Wertespektrum besser auszubalancieren. Ich glaube nicht, dass wir einfach wieder in den alten Kapitalismus zurückkehren werden.

Was wird sich ändern?

Ich glaube, dass Nachhaltigkeit eine grössere Bedeutung bekommt. Die Billig­mentalität wird hinterfragt werden. Ich kann mir auch vorstellen, dass einige Konzerne ihre Produktion wieder in ihr eigenes Gebiet zurückverlegen werden – zeigt sich doch jetzt, wie sehr wir etwa von China abhängig sind. Die Menschen werden wieder bereit sein, den reellen Preis zu bezahlen.

Was macht Sie da so sicher?

Die Befürchtung, dass es weitere Pandemien geben wird, verändert das allgemeine Wertebewusstsein und rückt die Schattenseiten der Globalisierung stärker ins Licht. Wir wissen, dass in unseren Breiten höhere Löhne bezahlt werden, was sich auf den Preis der Produkte auswirkt. Im Gegenzug haben wir mehr Einfluss auf ihre Herstellung, können ökologische Gesichtspunkte berücksichtigen, Kinderarbeit und Ausbeutung verhindern. Diese Werte werden höher gewichtet als der schiere Profit.

Die Schweiz hat 42 Milliarden Franken Wirtschaftshilfe gesprochen. Mit dieser Summe liesse sich die Schweiz zum CO2-neutralen Land machen. Warum sind wir bisher die Klimakrise nicht mit der gleichen Dringlichkeit angegangen wie die Coronakrise?

Weil der Druck da nicht gross genug war. Beim Virus ist unmittelbar ersichtlich, wie es Menschen tötet und vielen Überlebenden die Existenzgrundlage entzieht. Die Klimakrise schadet zwar genau betrachtet auch der Gesundheit – denken Sie an die Luftverschmutzung, die Vermüllung der Ozeane, die Erwärmung –, aber wir haben die Langzeitperspektive zu wenig bedacht, was erst die Kinder mit ihren Schulstreiks uns vor Augen geführt haben. Ihre Zukunft ist es, die auf dem Spiel steht. Wir haben uns an unseren Lebensstandard gewöhnt, auf den zu verzichten, schwerfällt. Klimakrise? Nach uns die Sündflut. Diese Einstellung muss auf den Prüfstand, um die Lebensqualität der nach uns kommenden Generationen sicherzustellen.

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