Gastkommentar

Philosoph Eduard Kaeser: «Die Geräte sind gegen uns, immer!»

Um das Problem der leeren Klopapierrolle zu lösen, haben Erfinder einen doppelten Halter entwickelt – und es damit bloss verlagert.

Um das Problem der leeren Klopapierrolle zu lösen, haben Erfinder einen doppelten Halter entwickelt – und es damit bloss verlagert.

Technik macht unser Leben kompliziert. Nichts zeigt das so gut wie der Doppelklopapierrollenhalter.

Klosettpapierhalter sind einfache Vorrichtungen. Aber sie haben ihre Tücken. Mitunter «spenden» sie kein Papier mehr. Was tun? Nun, meist haben wir ein Ersatzlager an Rollen in Griffnähe. Das ist nach wie vor die einfachste Behebung des Mangels.

Nun gibt es allerdings Erfindernaturen, die sticht der Hafer. Sie wollen ein leicht komplizierteres Design anfertigen: den Doppelrollenhalter. Die Idee ist auf Anhieb plausibel. Zwei Rollen bedeuten doppelten Vorrat. Aber welche Rolle benutzt man nun zuerst? Beide können ja zur gleichen Zeit leer werden, selbst wenn es unter Umständen dazu die doppelte Zeit braucht.

Wie also verwenden wir das Papier, so dass möglichst immer vorrätiges da ist? Drei Algorithmen des Gebrauchs bieten sich an.

- Nimm zufällig Papier
- Nimm immer Papier von der grösseren Rolle
- Nimm immer Papier von der kleineren Rolle.

Die wenigsten von uns verschwenden wohl beim Hinternabwischen Gedan­ken an den optimalen Gebrauch von Klosettpapier. Wir verwenden den Zufallsalgorithmus. Eine schlechte Wahl, denn so benützt man beide ­Rollen wahrscheinlich etwa gleich häufig, was darauf hinausläuft, dass beide auch etwa zu gleicher Zeit leer sind. Und gerade das wollte man doch verhindern.

Nicht besser fährt man mit dem Algorith­mus der grösseren Rolle (gesetzt, es gebe einen wahrnehmbaren Grössenunterschied). Wir nehmen solange Papier von ihr, bis sie kleiner ­erscheint als die andere. Nun nehmen wir von dieser Papier, bis sie kleiner ­erscheint als die erste.

Und so weiter. Beide Rollen verkleinern sich etwa mit derselben Rate, vorausgesetzt, wir ­nehmen stets gleich viel Papier. Das heisst aber: Wenn die eine leer ist, wird auch bald die andere leer sein. Ungünstig. Als am günstigsten empfiehlt sich der Algorithmus der kleineren Rolle. Sie wird immer kleiner und die grössere bleibt als Vorrat bestehen. Sapperlot, wer hätte das gedacht?

Nun, die Designer von Papier­rollenhaltern. Sie tüfteln an Geräten herum, um unser Leben möglichst ­einfach und bequem zu machen. Einfach und bequem – das heisst zunächst einmal: nicht denken. Deshalb baut man den Algorithmus der kleineren Rolle gleich in den Halter ein. Man montiert etwa die Rollen in zwei horizon­talen Fächern, die sich mit einem Schieber abdecken lassen. Wenn die Gebrauchsrolle leer ist, bewegt man einfach den Schieber und öffnet das Ersatzfach.

Raffinierter – sprich: denkentlastender – ist freilich die Vorrichtung, welche die Ersatzrolle mit einer Sperre belegt, die sich automatisch öffnet, wenn die Gebrauchsrolle leer ist. Vielleicht könnte auch ein Sensor in der Gebrauchsrolle der Ersatz­rolle signalisieren: Mach dich ­bereit fürs sanitäre Geschäft! Der Fanta­sie sind im Zeitalter der smarten Geräte fast keine Grenzen gesetzt. Fragt sich nur, welchen Vorteil wir ­daraus ziehen. Statt den Schieber zu betätigen, könnten wir genauso gut die Rolle im einen Fach ersetzen. Und ­warum baut man überhaupt einen Doppelrollenhalter?

Gute Frage. Spezialvariante einer allgemeineren Frage: Warum so kompliziert, wenn es einfach ginge? Sie stellt sich heute bei vielen technischen Vorrichtungen. Man könnte von der Vereinfachkomplizierung sprechen. Betrachten wir ein altbekanntes Beispiel, den Parkplatzautomaten.

Wer kennt die Szene nicht? Man parkt den Wagen in der Untergeschossgarage, geht einkaufen, kehrt zurück, bezahlt und wartet, dass der Automat das abgestempelte Ticket ausgibt. Er tut es nicht. Man liest die Anweisung, stellt fest, dass man apparatekonform vorgegangen ist. Man sucht nach Korrekturknöpfen, wirft erneut Münzen in den Schlitz, tritt vielleicht, schon einigermassen entnervt, das Ding, aber es verharrt in metallener Unerschütterlichkeit.

Es muss nicht der Parkplatzautomat sein. Maschinen sind dumm. Das ist ein Pleonasmus. Was erwarten wir eigentlich? Selbst «smarte» Geräte sind nicht smart nach menschlichen Massstäben, und das heisst vor allem: nach dem Massstab des Unberechenbaren, Unerwarteten, Uneindeutigen. Maschinen kommen damit schlecht klar (allerdings auch viele Menschen, machen wir uns nichts vor).

Die Designer des Bezahlungsautomaten sind sich dessen bewusst, denn sie haben einen Knopf mit der Aufschrift «Hilfe» angebracht, auf dessen Druck eine menschliche Stimme Anweisungen gibt. Möglicherweise aktiviert man sogar jemanden vom Pikett (falls es das gibt), um der Maschine mit etwas menschlicher Intelligenz auf die Sprünge zu helfen.

Sind die Maschinen oder ihre Nutzer die Idioten?

Das Problem der maschinellen Unempfänglichkeit beschäftigt die Designer stark. Sie wollen ja die Geräte «zivilisieren», ins zwischenpersönliche Leben einführen, als willfährige Diener, Dienstleister, Assistenten, Tröster, Human-Ersatz. Inzwischen beginnen die Maschinen sogar zu «lernen».

Aber sie zeigen ihre Macken auch hier. Sie ziehen unterschiedliche Schlüsse aus Trainingsdaten, und ihre Programme entwickeln sich dadurch quasi selbstständiger. Im geschichteten Inneren von neuronalen Netzen spielen sich «Entscheide» ab, zu denen der Programmierer oft nicht durchdringt. Bereits hebt man die Unterart der «erklärbaren» künstlichen Intelligenz (KI) hervor, Systeme also, deren «Entscheide» wir Menschen noch begreifen können.

Das führt zum Paradox: Effizienz des Systems nimmt zu – Verständnis nimmt ab. Fast mutet es an, als «verstünden» die KI-Systeme sich selber am besten.

Maschinen vereinfachen unser Leben auf vielfache Weise. Wenn sie funktionieren. Aber zwischen «wenn» und «wenn nicht» öffnet sich eine Kluft, und sie weitet sich mit der Komplexität technischer Systeme. Die Ingenieurperspektive der inneren Logik des Systems fokussiert naturgemäss auf das Funktionieren.

Wenn das System nicht funktioniert, dann liegt dies an den «ungünstigen» Bedingungen seiner Applikation. Zynisch formuliert: Gäbe es nicht den dummen Nutzer, liefe das technische System bestens. Die notorische «Idiotensicherheit» drückt es ja aus: Man rechnet mit dem Idioten des Technikgebrauchs, nicht mit der Idiotie des Technikdesigns.

Das ist nicht eine Kritik des Designs. Aber die Perspektive des Ingenieurs genügt nicht mehr. Das Kernproblem liegt anderswo, nämlich in einem technologischen Fortschritt, von dem wir uns noch gar keine klare Vorstellung machen können: Technische Systeme tendieren von einem bestimmten Komplexitätsgrad an zur Undurchschaubarkeit und Unvorhersagbarkeit.

Da hilft auch die einfache bedienbare Oberfläche nicht weiter. Sie wiegt uns ja bloss in der Illusion, die Geräte zu kontrollieren, obschon sie längst eine Eigengesetzlichkeit entwickeln. Vom Informatiker Larry Tesler stammt das «Prinzip der Komplexitätserhaltung»: Die Gesamtkomplexität eines Systems ist konstant. Die einfache Interaktion mit dem Nutzer erhöht seine innere Komplexität. Vereinfache einen Systemteil, und der Rest wird komplexer.

Menschliche Brainware statt technische Software

Auch wenn zahllose kleine Fortschritte – «Tweaks» – die Geräte anpassungsfähiger und flexibler machen, sollte man den «unberechenbaren» Charakter des Alltags nicht unterschätzen, auf den man sie loslässt. Man diskutiert heute die Frage nach der Zulassung einer Technologie, selbst wenn sie noch nicht ausgereift und perfekt ist. Aber die Frage geht von der falschen Prämisse aus.

Künftige Technologien werden wahrscheinlich immer weniger ausgereift und perfekt sein. Was also Not täte, wäre ein Paradigmenwechsel, der auf dem Axiom des Nicht-Funktionierens von Technologie basiert. Der englische Satiriker Paul Jennings formu­lierte dieses Axiom 1963 unübertrefflich konzis: Die Dinge sind gegen uns.

Also: Die Geräte sind gegen uns. Das sollte uns nicht einschüchtern und schon gar nicht entmutigen, sie nach bestem Stand des Wissens unter Kontrolle zu halten – wir sollten im Gegenteil eine trotzige Gelassenheit kultivieren.

Dazu gehört, gelegentlich zu fragen: Ginge es nicht ein wenig einfacher? Die Frage entspringt menschlicher Brainware, nicht technischer Software.

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