Leben

Oasen in der Betonwüste: Wie das Stadtklima mit Bäumen verbessert werden soll

Die Traubeneiche vor dem Gemeindehaus in Suhr wurde im Rahmen der «Aktion Klimaoase» gepflanzt. Das Projekt hat für die Schweiz Pioniercharakter. Bild: Sandra Ardizzone

Die Traubeneiche vor dem Gemeindehaus in Suhr wurde im Rahmen der «Aktion Klimaoase» gepflanzt. Das Projekt hat für die Schweiz Pioniercharakter. Bild: Sandra Ardizzone

Heute gibt es in Städten und Gemeinden regelrechte Hitzeinseln. Bis im Jahr 2060 soll sich das ändern.

Es ist heiss an diesem Dienstagnachmittag. Wer über den Platz vor dem Gemeindehaus in Suhr AG schreitet, kneift die Augen zusammen. 30,5 °C zeigt das Thermometer im Schatten einer jungen Eiche an. Sie wirkt etwas schutzlos, dabei soll sie doch selber vor der Hitze Schutz bieten.

Pro Jahr werden hier 11 Hitzetage registriert. In 30 Jahren könnten es 45 Hitzetage sein, also eineinhalb Monate lang tagsüber Temperaturen über 30 Grad. Das prognostiziert das National Center for Climate Services NCCS des Bundesamtes für Umwelt. Eineinhalb Monate lang schwitzen, wenn den fossilen Brennstoffen bis dahin nicht der Hahn zugedreht wird.

An Hitzetagen ist es gesundheitlich relevant, wo wir uns gerade aufhalten. Ob auf einem Asphaltplatz in der Stadt ohne Baum – oder mit Baum. 45 Tage lang werden wir nicht in die Ferien verreisen oder in der Badi verbringen können, um uns abzukühlen. Wir werden mit der Hitze leben müssen. Denn mit 16 bis 26 Hitzetagen rechnet das NCCS bis 2060 in der Region Aarau selbst dann, wenn die CO2-Emissionen ab sofort sinken und 2050 praktisch bei null sind.

«Es bleiben 40 Jahre, etwas zu tun bis zum voraussichtlichen Peak der Klimaerwärmung 2060», sagt Thomas Baumann, Agronom und im Aargau verantwortlich für ein Projekt mit dem Namen «Aktion Klimaoase».

Gepflanzt, um zwischen Beton und Asphalt zu kühlen

In 40 Jahren sollte die Traubeneiche vor dem Gemeindehaus in Suhr eine Grösse von mindestens 10 Metern erreicht haben und einem Stammdurchmesser von 20 bis 30 cm. Dann soll sie leisten, wofür sie gepflanzt wurde: Schatten spenden und die Umgebung kühlen.

Unter einem ausgewachsenen Baum ist die Lufttemperatur bis zu 7 Grad kühler als an der Sonne. Wir nehmen es aber als rund 15 Grad kühler wahr als in gewöhnlichem Schatten, weil der Baum laufend Feuchtigkeit verdunstet. Bis zu 500 Liter können das bei einer grossen Eiche pro Tag sein. Verschiedene Berechnungen gehen zudem davon aus, dass ein grosser Baum jährlich 600 Kilogramm bis 6 Tonnen Feinstaub aus der Luft filtern kann. Dass Bäume auch viele subjektive Effekte auf das menschliche Empfinden haben, ist bekannt: Ein Baum macht eine Umgebung schöner, natürlicher, angenehmer, friedlicher.

Diese Leistung – um es wirtschaftlich auszudrücken – will der Aargau in seinen Gemeinden nun bekannt machen. Im Rahmen des Projektes «Klimaoase» sollen im Kanton 25 Bäume bis im Jahr 2021 mitten in die Hitzeinseln der Städte und Dörfer gepflanzt werden. Das ist eine von 50 Massnahmen schweizweit, welche die Auswirkungen des Klimawandels eindämmen sollen. Diese sind vom Bundesamt für Umwelt als Pilotprojekte gedacht und sollen in zwei Jahren Lösungsansätze aufzeigen.

Dazu gehört nicht nur die zunehmende Sommerhitze und Trockenheit, sondern auch steigendes Hochwasserrisiko, instabile Hänge oder die veränderte Artenzusammensetzung im Tier- und Pflanzenreich. Wer die Projektbeschriebe zum Hitzeproblem liest, vor dessen Auge wachsen grüne Städte voller zusätzlich kühlender Teiche und Brunnen. In der Realität aber braucht es viel, bis nur schon ein einziger Baum wie jener in Suhr gepflanzt werden kann. Bezahlt ist er schnell, doch für die Gemeinde bedeutet er mehr Arbeit. Er muss in den ersten Jahren bewässert und geschnitten und der Stamm mit weisser Farbe oder einer Hülle vor Hitze geschützt werden. Im Herbst muss das Laub eingesammelt werden. Regenwasser sollte über den Platz in die Pflanzgrube fliessen – aber im Winter kein Salzwasser. Eine Tiefgarage kann dort nicht mehr gebaut werden.

Grafik: Micha Wernli

Grafik: Micha Wernli

Einheimische Bäume haben es schwer in der Stadt

«Es ist gar nicht so einfach, einen Baum in der Stadt zu pflanzen, da der Raum immer knapper wird und die Standortbedingungen eine grosse Herausforderung an den Baum stellen», sagt Daniel Keller, der als Landschaftsarchitekt vom Büro StadtLandschaft das Projekt Klimaoase fachlich betreut. «Und doch sind Bäume nun immer häufiger ein Thema, in den Gemeinden und in der Politik.»

Jürg Link ist Gemeindepräsident in Niederlenz AG und findet: «Etwas Neues kostet immer, aber ein Baum ist eine gute Sache.» In Niederlenz soll im November ein neuer gepflanzt werden, und auf dem Lindenplatz steht tatsächlich noch eine Linde. Andernorts zeugt nur noch der Name davon, dass grosse Bäume früher zum Ortsbild gehörten. Link findet, gerade zu Politikern passe doch das Sprichwort: «Hör auf zu reden und pflanze einen Baum.»

Doch damit ist es nicht getan. Diese Bäume sollen richtig alt werden. Denn nur gross sind sie echte Klimaoasen. Doch bei Grün Stadt Zürich beispielsweise rechnet man nur mit einer Lebensdauer eines Baumes im Strassenbereich von 35 bis 50 Jahren. Thomas Baumann vom Projekt «Klimaoase» aber sagt: «Ein Baum kann in der Stadt 80 bis 100 Jahre alt werden, wenn er gepflegt wird und der Standort geeignet ist.»

Im immer heisseren Stadtklima haben Fichten keine Chancen, Buchen haben es schwer, einheimische Linden kommen an ihre Grenzen, Kastanien sind salzempfindlich, und die Esche plagt das Eschentriebsterben. «Es geht in der Stadt nicht mehr nur mit einheimischen Bäumen», sagt Thomas Baumann. Die Zerreiche aus Südosteuropa sei ein guter Kandidat, die Flaumeiche, die heute schon auf dem Kettenjura zu finden ist, der Ginkgo ebenfalls.

Der Platz vor dem Gemeindehaus in Suhr war ohne Baum gestaltet worden. Und hat jetzt einen. In Olten wurde letzte Woche beschlossen, an zwei Strassen in der Stadt 12 zusätzliche Bäume zu pflanzen. Der Münsterhof in Zürich wurde 2016 neu gestaltet und bald als Glutofen bezeichnet. Er soll jetzt nachträglich Bäume erhalten. Der Sechseläutenplatz, 2014 neu gebaut, hat immerhin am Rand Bauminseln. Die Europaallee direkt neben dem Hauptbahnhof, welche durch den neuen, hoch gebauten Stadtteil führt, wurde schon lange geplant – und ist nun ein Glutkorridor mit nur wenigen Bäumen. Daniel Keller sagt: «Wir werden uns noch viel mehr mit der Funktion eines Ortes beschäftigen müssen.»

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