Christentum

Mit zehn Thesen will ein streitbarer Theologe die Kirche radikal verändern

Der «Humanist Jesus von Nazareth» ist laut Josef Hochstrasser «eine starke Trumpfkarte» für die Christenheit.

Der «Humanist Jesus von Nazareth» ist laut Josef Hochstrasser «eine starke Trumpfkarte» für die Christenheit.

Theologe Josef Hochstrasser beschreibt in einem neuen Buch zehn radikale Thesen, mit denen er die Kirchen in die Moderne führen will.

Wir leben nicht mehr in einer Zeit der Reformation. Wir reden nur deshalb von der Reformation, weil es 500 Jahre her ist, dass sie stattfand. Wir leben in einer anderen Zeit. Unsere Zeit ist keine mehr, die vorschreibt, wer wir sind und wie die Welt ist, in der wir leben, und vor allem sagt uns unsere Zeit nicht mehr, was sein wird, wenn wir nicht mehr sind.

In unserer Zeit ist nichts vorgegeben, was als Sinn dienen kann. Den müssen wir uns selbst zusammenschustern. Wir leben in einer Zeit, die getrieben wird, in der alles in Bewegung ist, getrieben von Energien, die wir nicht kontrollieren können, in der morgen nicht mehr gilt, was heute war.

Josef Hochstrasser wird oft als «streitbarer Theologe» apostrophiert. Ob er Streit sucht wegen der Theologie oder nicht, sei mal dahingestellt. Immerhin verfolgt er konsequent seinen Kurs.

Josef Hochstrasser will eine Debatte über die kriselnden Kirchen anstossen.

Josef Hochstrasser will eine Debatte über die kriselnden Kirchen anstossen.

500 Jahre nach der Reformation hat er nun – wie der Mönch Martin Luther – Thesen geschrieben. Es sind zehn, viel weniger als bei Luther. Sein Anspruch ist aber radikaler. Wollte der Wittenberger noch der Kirche den Spiegel vorhalten und sie an ihre eigenen Werte und Vorgaben erinnern, empfiehlt Hochstrasser der Kirche, sich am besten selbst abzuschaffen: «Die Kirche kann sich das Leben nehmen.»

Das Argument, dass Jesus – würde er heute leben – sich kaum einer real existierenden Kirche zuwenden würde, ist ja nicht neu. «Kirche» – im heutigen Sinn – ist mit Sicherheit das, was er nicht wollte. Keine Institution, keine Hierarchie, keine festen Strukturen – was wir vom Wanderprediger aus Galiläa wissen, deutet stark darauf hin. Vor allem kein Lehrgebäude. «Folge mir nach!» Offenbar reichte das.

Die Jesusbewegung ist das Wahre, die Kirchen sind Institutionen, die im Nachhinein entstanden sind. Darin steckt schon das meiste, was Hochstrasser den Kirchen (er unterscheidet nicht gross zwischen Konfessionen) vorwirft. Lebensfremd, erstarrt, arrogant, verkrustet kleben sie an ihren Dogmen und Lehren, sie sind zu reich, sie grenzen aus, sie verhindern die je eigene Glaubenserfahrung und sie vernachlässigen die Jugend.

Es gibt nichts mehr zu reformieren

Dagegen helfen keine Reformen mehr, weil die Kirchen nichts mehr anzubieten haben. In Luthers Zeiten besassen sie noch die Deutungshoheit darüber, was gottgefällig sei und was nicht. Und daraus leitete sich das Schicksal der Gläubigen direkt ab. Die Kirche entschied, wer nach dem Tod des Seelenheils teilhaftig würde und wer der ewigen Verdammnis anheimfiel. Heute kümmert sich kaum jemand mehr um sein Seelenheil und «glauben» kann man auch ohne Kirche. «Was soll die Kirche, sie nützt mir nichts, deshalb trete ich aus», so wird argumentiert. Dass so stark auf den individuellen Nutzen Wert gelegt wird, trifft den Nerv der Zeit. Der Diagnose kann man schlecht widersprechen. Den Kirchen laufen in der Tat die Leute davon. Massenweise.

Was ist also zu tun? Die Kirche radikal zurückfahren, empfiehlt Hochstrasser. Abwickeln. Verarmen lassen. Jesus zog auch keine Steuern ein. Das kennen wir doch schon. Das haben schon die Radikalkatholiken aus Chur geraten. Allerdings mit einer anderen Absicht. Spenden solle man der Kirche schon, aber so, dass das Geld nicht mehr demokratisch kontrolliert verteilt und verwendet werden kann. «Me muess ene nur de Chlotz wegnäh!»

Das Abwracken der Kirchen wäre ihr definitives Verschwinden. Als Institutionen. Ob man das wollen soll?

Zurück zum Anfang. Das Christentum hat wirklich als Jesusbewegung begonnen. Es bestand aus dieser charismatischen Wanderpredigerfigur, die auf Besitz und Familienleben verzichtete und Wunder wirkend und predigend durch das Land zog. Die Sprüche gegen die Reichen dürften authentisch sein. Und die moralischen Forderungen, wie man zu leben habe, waren ziemlich radikal. Auf jeden Fall anspruchsvoll, indem sie fast alles, was man gewohnt war, infrage stellten. Würde man solches heute praktizieren, ein gewisses Aufsehen wäre da. Aber es wäre auch nicht das, was die Freikirchen bieten, da hat Hochstrasser recht.

Ohne Kirche heute kein Jesus

Nur: Wenn aus der Jesus-Graswurzel-Bewegung keine Kirche geworden wäre, gäbe es sie heute nicht. Solche Bewegungen wie die von Jesus aus Nazareth gab es damals im jüdischen Palästina viele. Die Römer hatten 63 v. Chr. das Land erobert und die Gesellschaftsstruktur ziemlich durcheinandergewirbelt. Der «Anschluss» ans römische Weltreich verschärfte die wirtschaftlichen Ungleichheiten. Auf einmal mussten Steuern und Abgaben in Geld entrichtet werden. Geld schafft Reiche und Arme. Dass Jesus die Tische der Wechsler im Tempel umstürzte, darf man nicht unterschätzen. Es war wahrscheinlich auch sein Hauptmotiv für seinen Gang nach Jerusalem. Er hoffte, diese ungerechte Ordnung, welche vor allem für die «einfachen Leute» verheerend war, abschaffen oder verändern zu können.

Es kam anders. Und damit wuchs auch der Druck auf die Bewegung. Im jüdischen Verständnis – und Jesus hatte sich nie anders denn als Jude verstanden – war die Bewegung mit dem Tod des Anführers gescheitert. Gott hatte ihn nicht erhört und sein erwähltes Volk nicht gerettet. Die theologische Umdefinierung zum Opfer, das die Sünden der Welt auf sich genommen hat, bot nicht nur einen Ausweg, sondern ermöglichte auch die Mission. Denn erst dadurch konnte man die Jesus-Bewegung auch Heiden öffnen. Indem man sie theologisierte und rationalisierte. Das lässt sich aus der Entstehungsgeschichte der Evangelien bereits ablesen. Die wurden nämlich nicht von Jesus geschrieben und auch nicht von seinen Jüngern. Sondern von schriftkundigen Leuten, die ihn nicht gekannt hatten. Dafür über einen kulturellen Hintergrund verfügten, der tragfähig genug war, um eine Weltbewegung daraus zu machen. Der gescheiterte jüdische Aufstand 66–70 war das definitive Ende aller jüdischen Illusionen. Er endete mit der Zerstörung des Tempels und führte zu einer Massenemigration von Juden aus Palästina. Viele von ihnen waren «Christen».

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