Bootcamp

Mit militärischem Drill in der Natur zum Traumkörper

Sport draussen in der Natur. Im Bootcamp sind die Übungen anstrengend und möglichst effizient.

Sport draussen in der Natur. Im Bootcamp sind die Übungen anstrengend und möglichst effizient.

Mit der Gruppe in der Natur trainieren und das nur mit dem eigenen Körpergewicht – Bootcamps sind in der Fitnessszene angekommen. Wir haben ein knallhartes Probetraining besucht.

Aarauer Altstadt, Freitagabend, 18.45 Uhr – das Ende naht: «Komm schon, noch 30! Ganz runter!»

Eigentlich mache ich nie Liegestützen. Eigentlich brennen meine Arme schon lange und ich habe überhaupt keine Kraft mehr. Trotzdem mache ich weiter und versuche zu tun, was der Trainer von mir verlangt.

Danach rennen wir noch eine Viertelstunde an den proppenvollen Stadtkaffees vorbei, Blick runter, hoffentlich erkennt mich niemand.

Bootcamp – Das Training mit dem eigenen Körpergewicht:

Bootcamp-Training

Ich war auf alles vorbereitet, als ich mich für ein Schnupper-Training bei Bootcamper.ch angemeldet hatte. Als dann der muskelbepackte Leiter des Trainings Davide Prezioso vor mir stand, wurde ich nervös.

Zum Glück war ein Lauftraining angekündigt worden, denn darin sah ich meine einzige Chance, mit den durchtrainierten Fitness-Cracks mitzuhalten. Doch auch dies wurde zur Qual.

Prezioso liess mich nicht aus den Augen, merkte sofort, wenn ich noch nicht am Limit war, und feuerte mich weiter an. «Wenn du nach dem Training noch Energie zum Weiterrennen hast, hast du etwas falsch gemacht», lauteten seine Worte.

Bootcamp-Training mit dem eigenen Körpergewicht

Bootcamp-Training mit dem eigenen Körpergewicht

«Viele Leute bewegen sich heutzutage nur noch in ihrer Komfortzone. Dabei kommt man nur weiter, wenn man sich darüber hinaus bewegt», war seine Motivationsrede vor den Liegestützen.

Und wenn diese einmal nicht mehr wirkt, ist es der Gruppendruck oder die eindringliche Stimme des Trainers, die einen dazu bringt, weiterzumachen.

Mit Disziplin zum Ziel

Diese extreme Trainingsart macht die Bootcamps aus. Die Teilnehmer sind motiviert, auf dem Weg zu ihrem Traumkörper eine Stunde lang alles zu geben. Immerhin beschert einem das Work-out ein super Gefühl und man ist seinem Ziel wieder einen Schritt näher.

Die Vorgehensweise in den Trainings ist hart, weil sie den Bootcamps aus der Armee nachgeahmt ist. Während der Militärdienst in der Schweiz immer unbeliebter wird, schätzt man im Sport den Drill wieder umso mehr. Denn nur so wird man zu persönlichen Höchstleistungen und werden die unerwünschten Kilos zum Purzeln gebracht.

Ein zweiter Arnold Schwarzenegger wird man im Bootcamp allerdings nicht. Im Fitnesscenter unmenschliche Gewichte vor sich hin stemmen ist ohnehin out, heute trainiert man lieber auf natürliche Weise mit dem eigenen Körpergewicht. Mit den richtigen Übungen ist das anstrengend genug.

Einige Bootcamper sind ehemalige Fitnesscenter-Frustrierte, die alleine nicht vorwärtsgekommen sind. «Diese Leute können wir an dem Punkt abholen», sagt Raphy Biedermann, Besitzer der Bootcamp-Community TurnUp.

Biedermann hat neben den Outdoor-Trainings noch eine weitere Möglichkeit gefunden, die Leute zum Schwitzen zu bewegen. Im Juni startete er ein frühmorgendliches Bootcamp-Training im Zürcher Klub Kaufleuten.

Dort werden nun die harten Kraft- und Konditionsübungen zu derselben Musik gemacht, die noch in der Nacht zuvor das Publikum anheizte. Bei schönem Wetter wird das Training manchmal trotzdem nach draussen verlegt, denn «am See lässt es sich schöner schwitzen».

Marktlücke gefunden

Die Bootcamper sind davon überzeugt, eine Marktlücke gefunden zu haben. Die wachsende Nachfrage bestätigt dies. Bootcamper.ch und andere Organisationen bieten bereits Trainings in vielen Schweizer Städten an und bauen ihr Angebot ständig aus.

Mittlerweile gibt es in fast 20 Städten der Schweiz mindestens ein Training pro Woche, und in der Bootcamp-Metropole Zürich häufen sich die Trainingsmöglichkeiten. «Die Fitnesszentren haben gemerkt, dass die Nachfrage da ist und sie so etwas anbieten müssen», sagt die Medienvertreterin Eva Ruckstuhl von Bootcamper.ch.

Doch was genau bewegt die Leute dazu, bis zu 35 Franken pro Stunde zu zahlen, um ohne jegliche Spezialausrüstung in der Natur Sport zu treiben? Vitaparcours gibt es schon seit den Sechzigerjahren und Turnvereine, Laufgruppen und viele andere trainieren ebenfalls zum grössten Teil draussen – und sind zudem noch viel billiger.

Möglichst schnell fit werden

Bootcamps sprechen eine ganz andere Gruppe von Leuten an. Diese sehen nicht primär den Spass am Sport, sondern viel mehr den Sinn und Zweck darin, möglichst schnell an ihr Ziel eines fitten Körpers zu kommen. Deshalb werden bei den Trainings möglichst effiziente Übungen gemacht, welche entsprechend anstrengend sind.

Die meisten Leute, die möglichst schnell fit werden wollen, schwitzen im Studio alleine vor sich hin oder laufen im Park. Bootcamps bringen diese Leute zusammen. So entsteht eine Gruppendynamik von Gleichgesinnten und Leidensgenossen, die sich anspornen.

Gleichzeitig hängen sie dem Trainer bei jedem nützlichen ernährungs- oder sportmedizinischen Tipp an den Lippen. Entsprechend selbstsicher sind die Trainer: «Wir sind Vorbilder für die Leute, deshalb kommen und zahlen sie. Nicht ein jeder kann da vorne stehen und die Leute motivieren.»

Strenge Kraftübungen kann man sich auch ganz einfach mit der «Freeletics-App» aufs Smartphone laden. Dies hat den Vorteil, dass man sie machen kann, wann und wo auch immer man möchte. Eine App für Leute, die ein effizientes Training zwar befürworten, aber weder einen militärischen Drillmeister noch Vorbilder brauchen.

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