Obwohl die ersten Kilometer der Route flach dem Stausee entlang führen, findet es der Sohn anstrengend. Er, der im Alltag ständig rennt und auf jedes Mäuerchen springt, schleppt sich heute dahin, als wäre er achtzig und nicht zehn Jahre alt.

Hat der Vater das Ziel zu hoch gesteckt? Auf 3000 Meter soll es gehen. Obwohl die Zahl ja eigentlich nebensächlich ist. Die Strenge des Aufstiegs bemisst sich ohnehin nicht nach der Gipfelhöhe, sondern nach den zurückzulegenden Höhenmetern. Doch ein Dreitausender garantiert hochalpines Gelände, Geröll und Felsbrocken.

Diese Zone der Alpen ist es, die der Vater seinem Sohn schmackhaft machen möchte. Nicht zuletzt, weil der Vater selber gern durch solche Landschaften kraxelt, aber in den letzten zehn Jahren kaum mehr dazu gekommen ist.

Mit der Seilbahn kommt der Zeitdruck

Erfreulicherweise gibt es in den Schweizer Alpen eine Reihe solcher Gipfel, die in Tagesausflügen ohne Steigeisen und Pickel zu erreichen sind. Einer davon ist der Arpelistock, der einige Kilometer südlich von Gstaad an der Grenze zwischen den Kantonen Bern und Wallis liegt. Dank der Seilbahn des Kraftwerks Sanetsch beginnt die Wanderung auf 2000 Metern, es bleiben nur noch 1000 Höhenmeter Aufstieg. Die es dann allerdings rechtzeitig auch wieder abzusteigen gilt, um es aufs letzte Bähnli um 17 Uhr zu schaffen.

Der Vater rechnet deshalb frühzeitig aus, um welche Zeit er spätestens den Rückweg antreten will – ob der Gipfel bis dahin erreicht ist oder nicht. Hetzen gilt es zu vermeiden, um das Unfallrisiko tief zu halten. Stattdessen werden Wandertempo und Pausenrhythmus auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmt. Vater und Sohn kommen so trotz allem zügig voran und erreichen jene Verzweigung, wo sich die Wege der Bergwanderer von denen der Spaziergänger scheiden.

Einem Grat entlang geht es in die Höhe, es wird steiler, und das scheint dem Sohn zu behagen: Statt über Müdigkeit zu jammern, wirft er die Frage auf, ob die ein paar hundert Meter weiter vorn wandernde Gruppe einzuholen wäre.

Schotter unter den Füssen, rechts die Walliser Alpen, hinten Kalklandschaften und der Gletscher der Diablerets, links der Sanetsch-Stausee und schräg vorn jene Felswand, auf der das Ziel thront. Welten, die sich nur jenen erschliessen, die sich in gewisse Höhen wagen. Wobei sich das Wagnis bislang in Grenzen hält, verirren scheint hier unmöglich und abstürzen auch nicht viel wahrscheinlicher.

Eisiger Wind, rutschiges Gelände

Doch dann kommt die letzte Verzweigung. Und der Pfeil Richtung Arpelistock ist nicht weiss-rot-weiss, sondern weiss- blau-weiss. Das heisst Alpinwanderweg und bedeutet, dass es nun ernst gilt: Wer diesen Weg einschlägt, muss trittsicher und schwindelfrei sein, sich gut orientieren können und die Gefahren der Berge kennen. Ein englischsprachiger Tourist kommt in Trekkingsandalen entgegen, aber Vater und Sohn sind froh um ihre Wanderschuhe und holen die Jacken hervor – mitten im August geht hier oben ein eisiger Wind.

Bald kommen erste Stellen, wo die Hände zu Hilfe genommen werden müssen. Das findet der Sohn spannend, flink wie ein Äffchen klettert er voraus. Steiler und steiler wird es, rutschiger und rutschiger, und wenige hundert Meter vor dem Gipfel muss sich der Vater ernsthaft überlegen, ob er das letzte Stück dem Zehnjährigen zumuten kann. Der Sohn wirkt noch immer putzmunter – nicht nur in den Beinen, sondern auch im Kopf, sodass er die für diese Partie notwendige Konzentration aufbringen kann. Also los, auf Richtung Gipfelkreuz.

Der Wind bläst den beiden fast die Sonnenhüte vom Kopf. Doch vor dem Abstieg muss ein Gipfelfoto drinliegen. Die Zahl ist ja eigentlich nebensächlich. Aber ein bisschen stolz ist er schon auf die 3000 Meter. Er, der Vater.

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