Suchtgefahr

«Meine Mutter merkt nicht, dass ich zu viel am Handy bin» – Jugendliche verbringen wegen des Lockdowns bis zu 4 Stunden pro Tag am Smartphone

Vier Stunden und mehr pro Tag sind Jugendliche am Bildschirm, doch die Dauer ist nicht entscheidend, ob Medienkonsum gefährlich wird.

Vier Stunden und mehr pro Tag sind Jugendliche am Bildschirm, doch die Dauer ist nicht entscheidend, ob Medienkonsum gefährlich wird.

Corona drängt uns vor die Bildschirme. Das birgt Suchtgefahren, vor allem auch bei Jugendlichen.

Sieben Wochen ohne Präsenzunterricht, sieben Wochen ohne Fussballtraining, Freundinnen treffen, Ausgang – dafür mit Videochats, Instagram, Facebook, Games, E-Mail, Whatsapp. Das Leben ist digital geworden für uns alle, für Jugendliche, die sonst schon einen hohen Medienkonsum haben, noch mehr.

Denn im Schnitt greifen Jugendliche, auch ohne dass draussen eine Pandemie herrscht, 30-mal pro Tag zu ihrem Smartphone und bleiben daran hängen: Vier Stunden ihrer Freizeit verbringen 16- bis 25-Jährige täglich online. Das ist deutlich mehr als die 40- bis 50-Jährigen: Diese nutzen digitale Medien durchschnittlich zweieinhalb Stunden pro Tag.

Das hat eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz ergeben. Noch gibt es keine Daten, wie sich der Medienkonsum verändert hat, doch die Bildschirmzeit dürfte auch bei Jugendlichen sprunghaft angestiegen sein. Für einige kann das problematisch werden.

Problematischer Medienkonsum bei 20 Prozent der Jugendlichen

Vor allem für Jugendliche, die sich noch in der Entwicklung befinden, kann übermässiger Konsum zum Problem werden, wie beispielsweise die neuste James-focus-Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zum Thema Onlineverhalten zeigt.

Gemäss repräsentativen Daten zeigen 8,5 Prozent aller Jugendlichen in der Schweiz ohnehin ein problematisches Onlineverhalten und weitere 11,5 Prozent müssen als gefährdet eingestuft werden. Viele Jugendliche leiden demnach unter gesundheitlichen Beschwerden, weisen höhere Stress- und Angstwerte auf. Philippe Wampfler, Dozent für Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich und Gymnasiallehrer, sagt:

Er kenne Jugendliche, die Suchttendenzen aufwiesen und die Schule schwänzten, um gamen zu können. Während der Coronakrise fehlten nun vermehrt die soziale Kon­trolle und die Einwirkungsmöglichkeiten von Lehrern und Klassenkameraden. «Möglichkeiten von Offline-Aktivitäten wie Sport, in den Verein gehen, Freunde treffen fallen nun weg», sagt Wampfler. Das verstärke das Versinken in Parallelwelten online.

Diese Tendenz des vermehrten Konsums stellt Wampfler durchs Band bei allen Jugendlichen fest. Und doch: «Die wirklich gefährdeten Jugendlichen sind solche, die in sozialen Beziehungen eine gewisse Unsicherheit aufweisen», sagt der Experte. Bei einem Mangel an sozialer Kompetenz würden sich Kinder und Jugendliche gerne hinter ihre Bildschirme zurückziehen, weil sich die Onlinewelt klarer kontrollieren lasse.

«Beim Gamen oder im schriftlichen Kontakt kann man Situationen besser berechnen als live», sagt Wampfler. Die jetzige Coronaphase biete eine Ausflucht aus realen Kontakten, die für gewisse Jugendliche verheerend sein könne. «Die Phase ist zum Glück nicht von langer Dauer», sagt Wampfler. Im Moment lasse sich die ­Situation mit Sommerferien vergleichen – unkontrollierter Zugang, weniger Regeln. «Deshalb sind klare Strukturen und Nutzungsregeln gerade jetzt so wichtig», sagt der Experte.

Es gibt gute und schlechtere Arten des Bildschirmgebrauchs

Medienexpertin Sarah Genner bestätigt die Aussagen Wampflers. Es komme stark darauf an, wie das Kind oder der Jugendliche seine Freizeit abseits der digitalen Geräte gestalte. Hat der Mensch Alternativen der Freizeitgestaltung wie Sport, aktive, bildschirmfreie Zeit innerhalb der Familie oder ein Hobby, das ihm Spass macht, ist er geneigter, einen gesunden Umgang mit Technologien zu finden.

«Medien­konsum lässt sich nicht pauschalisieren», sagt Genner. Es gebe verschiedenste Arten von Smartphone- und Bild­schirmgebrauch unter Jugendlichen. «Die Dauer ist nur ein Faktor. ­Zusätzlich gilt, zu fragen: was wird an Inhalten konsumiert? Und mit welcher Moti­vation?» Es sei ein Unterschied, ob fünf Stunden am Tag auf Instagram gescrollt und verglichen werde oder ob jemand mit dem Handy einen Film schneidet.

Grundsätzlich lässt sich sagen: Das Handy funktioniert wie eine Lupe. Es verstärkt Tendenzen, die schon da sind. «Die gut Gebildeten holen sich noch mehr Wissen und Kompetenzen, andere sind allenfalls Falschinformationen und Ablenkung noch mehr ausgesetzt», sagt Genner. Dieser polarisierende Effekt komme in der Krise noch stärker zum Tragen. Gerade deshalb sei ein entsprechendes Angebot abseits von digitalen Geräten sehr wichtig – besonders in Zeiten von Corona.

«Meine Mutter merkt nicht, dass ich zu viel am Handy bin» – zwei Jugendliche erzählen

Chiara (18)

«Meine Freunde und ich sind fast doppelt so lange am Handy wie vor Corona. Wir spüren einen Riesendruck über Instagram, jetzt erzählen online alle, wie viel sie mit der gewonnenen Zeit anfangen. Sport machen zum Beispiel, wegen Corona hat man nun keine Ausreden mehr, und alles, was ich vor mich hergeschoben habe, könnte ich jetzt ja nachholen, das macht mir Stress. Ich fände es cool, wenn ich in den sozialen Medien mehr Inhalt sehen würde und sich nicht alles ständig um die eigene Person drehen würde und das Aussehen.

Es wäre doch besser, etwas Informatives über die Welt zu lesen. Sowieso, wenn ich auf dem Bett liege und am Handy bin, denke ich immer, ich könnte mit dieser Zeit etwas Besseres anstellen. Lesen und rausgehen, klar, ich könnte solche Dinge tun, aber alleine ist es ein bisschen langweilig. Meistens bin ich auf Instagram oder Facetime mit Freunden. Das ist neu, diese Art, zu telefonieren, früher haben wir uns einfach Nachrichten geschickt. Ich bin auch oft auf Netflix.

Ich persönlich finde, meine fünf Stunden Bildschirmzeit pro Tag sind zu viel. Aber es ist halt irgendwie normal, das machen alle so. In einer perfekten Welt wären wir alle weniger am Handy, aber dafür müsste man etwas finden, das das Smartphone ersetzt, sonst wird es schwierig. Ich denke, wenn ich etwas hätte, das mir wichtig wäre, dann würde sich meine Bildschirmzeit automatisch normalisieren.

Aber ich tue auch nicht so viel, um das zu ändern. Meine Eltern sind oft am PC, den ganzen Tag am Computer, ständig am Telefonieren. Meine Mutter merkt im Moment nicht wirklich, dass ich immer am Handy bin, weil sie selbst so viel online ist, sie muss arbeiten, sie hat viel zu tun.»

Luis (16)

«Ich bin rund 1,5 Stunden pro Tag online, ich tracke nicht, ich schätze das einfach. Eigentlich ist das nicht so viel, nichts im Vergleich zu anderen. In meiner Klasse gibt es zwei Lager. Die einen sind bewusst nicht so viel am Handy, weil es sie nervt, und die anderen lassen sich da mehr gehen. Im Moment verbringe ich sehr viel Zeit am Computer, weil der Unterricht digital stattfindet, ich finde das spannend, aber ich merke auch, dass es schwieriger ist, mir den Inhalt zu merken, und es fordert viel mehr Disziplin.

Nach den Sommerferien wird jeder Schüler sein eigenes Gerät in die Schule bringen müssen, das ist nun die neue Regel. Keine Ahnung, ich bin gespalten. Konzentration und Lernleistung werden nicht gleich sein, denke ich. Ich sehe aber auch, dass die Digitalisierung gut funktioniert, viele Sitzungen werden in Zukunft virtuell stattfinden, was umwelttechnisch von Vorteil sein kann, weil die Leute weniger fliegen.

In meinem engeren Freundeskreis haben wir die Regel, dass wir nicht am Handy sind, wenn wir etwas unternehmen, und bei mir in der Familie haben wir das Handy nicht auf dem Tisch, wenn wir zusammen zu Abend essen. Ich finde es wichtig, solche Regeln zu haben, ich habe das Gefühl, das schafft Zusammenhalt, man kann über Dinge diskutieren, erfährt etwas über den anderen. Ich finde, es hat Vorteile, wenn man direkt zusammen redet. Am Handy kannst du auch sein, wenn du alleine zuhause bist.

So schaffen wir einen grösseren Zusammenhalt. Klar ist es so, dass das Handy grundsätzlich immer dabei ist, auch beim Laufen, im ÖV, so sind aber nicht nur wir Jungen. Ich finde es komisch, wenn man die Digitalisierung und Handysucht auf die Jungen abschiebt. Meine Eltern, die Fünfzigjährigen, sind genauso viel am Handy wie meine Generation.

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