Frau Oetterli, wie viele Sachen besitzen Sie?

Maya Oetterli: Keine Ahnung. Ich bin kein Minimalist, so lebe ich nicht. Darum weiss ich das nicht.

Trotzdem: Aufräumen ist verbunden mit Sachen wegschmeissen.

Auf jeden Fall. Aber Minimalist sein ist etwas ganz anderes. Das ist nicht der Lebensstil, den ich gerne leben und übermitteln möchte. Es ist gut, dass man Sachen entrümpelt und nur noch die Sachen zu Hause hat, die man liebt und braucht. Das bedeutet, dass man keine Dinge mehr zu Hause hat, die einen nicht glücklich machen.

Die Unterscheidung zwischen Dingen, die man liebt und braucht, und allen anderen Dingen, das ist doch die Herausforderung.

Es gibt Dinge, die man braucht, aber nicht liebt. Einen Schraubenzieher zum Beispiel. Man braucht aber nicht 20 Schraubenzieher. Oft ist es so, dass Menschen zu viele Dinge besitzen und sich schlecht trennen können. Da komme ich ins Spiel. Ich begleite Menschen, damit sie wieder freier leben können, ihr Zuhause wieder lieben und sich wohl fühlen.

In Ihrer Facebook-Gruppe geben Sie Inputs. Es geht sehr oft darum, sich selber zu finden. Kann man aufräumen, ohne sich selber zu finden?

Ich glaube, jeder Coach hat da seine eigene Strategie. Ich sage nicht, dass aufräumen ohne innere Arbeit nicht funktioniert. Aber ich finde, aufräumen hat auch mit dem eigenen Lebensstil zu tun. Meine Art des Aufräumens hat immer etwas mit dem Inneren zu tun. Ich stelle fest, dass man beim Entrümpeln automatisch auch das Innere anspricht. Wer Sachen loslässt oder wegwirft, lernt sich besser kennen.

Sie gehen zu fremden Menschen nach Hause, um aufzuräumen. Wie geht das?

Ich telefoniere mit den Kunden oder gehe nach Hause, um ein Standortgespräch zu führen, denn ich kann nicht mit jedem zusammenarbeiten. Ich will zuerst schauen, ob die Situation für mich stimmt. Ich muss spüren, dass ich wirklich helfen kann. Und: Es könnte sein, dass ich nicht die richtige Person bin, um zu helfen.

Wann können Sie nicht helfen?

Ich kann nicht helfen, wenn ich merke, dass die Person gar nicht bereit ist, etwas zu verändern. Wenn ich jemanden coache, muss das die Person wollen. Ich muss Ergebnisse sehen, sonst ist es frustrierend für mich und für diese Person. Diese Bereitschaft finde ich beim Erstgespräch heraus. Aufräumen ist etwas sehr Privates, Intimes. Ich schaue in die Schubladen, da muss ein Vertrauensverhältnis entstehen. Das Aufräumen selber ist weniger ein Problem. Ich finde immer eine Lösung, das Haus aufzuräumen. Ich liebe es, zu entrümpeln und aufzuräumen.

Gibt es auch Kunden, die sich schämen, dass sie Sie engagiert haben?

Man muss sich deswegen doch nicht schämen. Viele haben eine Putzfrau, das ist normal. Wenn aber jemand kommt zum Aufräumen, dann ist das ungewohnt. Wer alleine nicht aufräumen kann, ist deswegen kein schlechter Mensch. Manchmal weiss man einfach nicht, wo anfangen. Die Motivation fehlt. Ich will vermitteln, dass man zu seinem Problem stehen kann. Es tut doch gut, wenn man sich Hilfe holt und es sich wert ist, diese anzunehmen. Was bringt es, lange über ein Problem nachzudenken? Besser ist es, sich auf das zu konzentrieren, was man will, und nicht auf das, was man nicht mehr will.

«Ich finde beim Aufräumen immer ein Lösung», sagt Maya Oetterli. Sie besucht ihre Kunden zu Hause oder coacht übers Internet.

«Ich finde beim Aufräumen immer ein Lösung», sagt Maya Oetterli. Sie besucht ihre Kunden zu Hause oder coacht übers Internet.

War das schon immer so, dass Sie gerne aufräumen?

Schon als Kind habe ich Ordnung geliebt. Ich bin in einem sehr schwierigen Elternhaus aufgewachsen. Ich hatte immer das Bedürfnis nach Ordnung in meinem Zimmer. Das hat mir Sicherheit gegeben, obwohl in meinem Leben Chaos war. Das habe ich auch heute noch. Wenn es mir nicht gut geht oder ich Stress habe, kann ich besser entspannen, wenn es zu Hause aufgeräumt ist. Das spüren auch Menschen, die zu Hause ein grosses Chaos haben und dann aufräumen. Plötzlich entsteht eine andere Energie, sie fühlen sich besser und neue Türen öffnen sich im Aussen und im Innen.

Sind Ihr Mann und Ihre Kinder auch so ordentlich? Hat es abgefärbt?

Ich habe zwei Jugendliche zu Hause. Aufräumen finden sie nicht so toll wie ich. Das ist aber absolut o. k. so. Die Kinder müssen nicht so sein wie ich. Meine 14-jährige Tochter hat allerdings ab und zu einen Anfall und mistet ihr Zimmer aus. Wenn sie das macht, dann macht sie es ähnlich, wie ich es mache. Es ist gut, wenn Ordnungsregeln stehen zu Hause und diese mit verschiedenen Strategien auch eingehalten werden. Mein Mann ist sehr ordentlich, natürlich nicht so wie ich (lacht). Aber bei uns zu Hause ist es nicht schwer, Ordnung zu haben, weil alles seinen Platz hat.

Was war der Auslöser, dass Sie als Aufräum-Coach tätig sind?

Aufräumen tut der Seele gut. Ich habe da eine Begabung. So dachte ich mir, ich könnte bei anderen Menschen aufräumen und so meinen Traumjob verwirklichen. Ich liebe es, Menschen aus Krisensituationen rauszuholen und sie in ein schöneres Leben zu begleiten. Es steckt ganz viel Herzblut, Erfahrung und Begabung dahinter, Häuser und Wohnungen zu verzaubern. Ich habe recherchiert und bin auf Bücher von Marie Kondo gestossen und musste feststellen, dass diese Idee schon umgesetzt wurde. Dabei dachte ich doch, dass ich es erfunden habe. (lacht)

Von wem ist Ihre Art des Aufräumens inspiriert?

Marie Kondo und ihr System, wie sie Kleider zusammenfaltet, den Kleiderschrank ordnet, das habe ich mir abgeschaut. Aber ich würde sagen, meine Ordnungsstrategie, die kommt von mir. Ich passe diese an den jeweiligen Kunden an. Ich merke sehr schnell, was jemand braucht. Nur weil ich es toll finde, wie Marie Kondo ihre Kleider faltet, heisst das nicht, dass mein Kunde das auch so mag.

Als Sie in meine Wohnung herein- gekommen sind, was haben Sie gedacht?

«Ja doch, hier hat es auch viele Sachen.» Das ist aber nicht wertend gemeint. Vielleicht ist das ja auch o. k. für Sie.

Ich habe vorher extra noch auf- geräumt.

Da hat jeder seinen eigenen Stil. Daher war das nicht wertend gemeint. Was mir aber aufgefallen ist: grosse Fenster und viel Licht.

Stellen Sie auch fest, dass Ihre Kunden kurz vor Ihrem Besuch noch schnell aufräumen?

Ich sage vorher immer: «Räumt nicht auf, ich merke es sowieso.» Bei mir zu Hause ist es übrigens auch nicht immer perfekt. Heute bin ich zum Beispiel froh, sind Sie nicht zu mir gekommen. Am Montag ist bei mir immer weniger aufgeräumt, da ich am Sonntag wenig im Haushalt mache. Sonntag ist Familientag und am Montag darf es dann wieder anders sein.

Mich von Dingen zu trennen, ist ganz bestimmt eines meiner Probleme. Daher würde ich gerne mal sehen, wie Sie das Aufräumen angehen. (Wir gehen gemeinsam in den oberen Stock und Maya Oetterli schaut das vollgestopfte Regal an.)

Hier würde ich vorschlagen, alles rauszunehmen und das Regal zu putzen. Putzen bringt neue Energie. Es ist dann sauber, es riecht frisch und der Staub ist weg. Das gibt gleich ein anderes Gefühl. Ich würde anschliessend alles nach Themen stapeln und dann ausmisten. Zum Beispiel die Bücher. Viele Leute sagen: «Bücher wirft man auf keinen Fall weg.» Ich sage: «Bücher wirft man nicht in den Abfall, aber man kann sich von ihnen trennen.» Bücher sammeln macht für mich keinen Sinn. Sie nehmen viel Platz weg und man liest sie eh nur einmal. Ich lese auch gerne. Ich kaufe ein Buch, lese es und gebe es nachher weiter. So habe ich nicht viele Bücher zu Hause. Was nach dem Ausmisten noch übrig ist, könnte man nach Farbe oder Grösse sortieren.

Nicht nach Thema, sondern nach Farbe und Grösse?

Ich sortiere gerne nach Farbe und Grösse, es sieht einfach schöner aus. Man weiss ja, dass man die Bücher eh nicht jeden Tag rausnimmt.

Was gehen Sie als Nächstes an?

Die Dokumente. Ich erkläre meinen Kunden, wie man Dokumente sortieren kann. Diese Arbeit dauert einige Stunden, da bin ich nicht dabei. Dokumente werden viel zu lange aufbewahrt und vieles braucht man auch gar nicht. Betriebsanleitungen beispielsweise. Die liest eh keiner durch und wenn man sie dann doch braucht, dann kann man sie im Internet runterladen.

Meine Dokumente sind sortiert. Bei mir herrscht zwar oft ein Chaos, Schränke, Schubladen und Ordner sind aber relativ ordentlich.

Das ist immer so spannend. Menschen, die innen alles aufgeräumt haben, haben oft auch innerlich Ordnung. Wer in den Schränken ein riesiges Chaos hat, hat oft auch in sich drin ein Chaos. Nach aussen sieht aber alles picobello aus, weil sie Angst haben, was die anderen von ihnen denken. Das gehört auch zu meiner Arbeit: Den Kunden beibringen, dass es egal ist, was die anderen denken.

Was würden Sie als Nächstes anpacken?

Die Fotos sind ein anderes, eher heikles Thema. Wenn man entrümpelt, dann fängt man absichtlich bei den Kleidern an. Am Ende sind Fotos und Dokumente an der Reihe, das sind die persönlichsten Dinge. Wenn man etwas in der Hand hält, dann kann man sich fragen, ob das eine Erinnerung ist, die einem gefällt, oder eher nicht.

Wie bewahren Sie Fotos auf?

Von meinen Kindern habe ich viele Fotos in Dokumenten auf dem Computer gesammelt. Ich mache dann von drei Jahren ein Album. Ich sehe das bei mir: Ich habe vielleicht ein Fotoalbum, das ich gerne mag von meiner Kindheit. Ich will meine Kinder später nicht überhäufen mit Erinnerungen aus der Kindheit. Lieber weniger, dafür gut ausgesucht.

Wie trennen sie sich von Sachen?

Man macht drei Haufen: Ja, nein und vielleicht. Es ist wichtig, alles, was man nicht mehr will, gleich in eine Kiste zu packen und wegzugeben. Nicht ein bisschen aufräumen, sondern richtig. Alles rausräumen und dann sortieren. Wenn mich Kunden engagieren, bin ich nicht immer vor Ort. Sind sie dazu bereit, gebe ich auch Aufgaben, die ohne mich erledigt werden können. Viele brauchen es aber, dass jemand beim Aufräumen danebensteht.

Ja, das merke ich auch. Wenn jemand danebensteht, dann fällt es mir einfacher. Sachen von meinem Mann auszumisten zum Beispiel, das fällt mir viel einfacher.

Ja, das ist so. Ich würde aber nie Dinge entrümpeln von jemandem, der nicht da ist. Das mache ich auch zu Hause nicht. Ich entrümple nicht die Sachen von meinen Kindern oder meinem Mann. Das ist privat und da frage ich zuerst nach.

Sie machen beim Aufräumen auch Langzeitbetreuungen?

Ich habe einen Kunden, bei dem ich regelmässig vorbeischaue. Da hat sich eine Beziehung entwickelt. Gewisse Leute brauchen das einfach. Das ist genauso bei meiner Facebook-Gruppe, die Menschen haben gerne jemanden an ihrer Seite. Es ist ja nicht so, dass es zu schwierig ist, das Zimmer alleine aufzuräumen. Fehlt jedoch die Motivation, dann macht es Sinn, einen Profi an der Seite zu haben. Mit einem liebevollen Coach erreicht man seine Ziele schneller und effektiver.

In einem Ihrer Live-Kommentare haben Sie gesagt: «Das Leben ist zu kurz, um zu sagen ‹irgendwann›.»

Ich habe auch lange an meiner Vergangenheit herumstudiert. Doch macht mich das glücklich? Nein. Darum gibt es für mich kein Gestern. Es ist egal, was gelaufen ist. Das Morgen gibt es auch noch nicht. Es gibt darum eigentlich nur ein Heute. Wenn ich möchte, dass ich in Zukunft auf meine Vergangenheit schauen kann, muss ich heute etwas machen und nicht morgen. Wenn ich das Leben geniessen will, muss ich heute die Dinge angehen, die mich unglücklich machen.