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Linz: Ein Spielplatz der Kunst

In Linz will die Kunst hoch hinaus: Der Künstler Alexander Ponomarev lässt über den Dächern sogar das Gerippe eines Segelschiffs schweben.

In Linz will die Kunst hoch hinaus: Der Künstler Alexander Ponomarev lässt über den Dächern sogar das Gerippe eines Segelschiffs schweben.

Ein Kletterlabyrinth im Kunsthaus und eine Galerie unter freiem Himmel: In Linz begeistern sich selbst Kunstmuffel für die ausgestellten Werke.

Bei der Einfahrt zeigt sich Linz als Gewerbestadt. Es ist Freitagnachmittag, und auf der anderen Seite der Autobahn reihen sich Autos, die ihren Weg aus Linz heraus suchen. Mit fast doppelt so vielen Arbeitsplätzen wie Einwohnern ist die Pendlerrate hoch. Die grossen Arbeitgeber der Metall- und Chemieindustrie haben sich im Industriegebiet im Osten der Stadt niedergelassen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Linz vor allem bekannt für rauchende Schornsteine und schlechte Luftverhältnisse. Mit zunehmenden Bemühungen im Umweltschutz und in der Stadtentwicklung konnten die Luftbelastung reduziert und gleichzeitig Synergien für Kunst und Kultur freigesetzt werden: Das Open Air-Festival Linzer Klangwolke, die Musikveranstaltungsreihe Brucknerfest sowie das Strassenkunst-Festival Pflasterspektakel zeugen davon. Im Jahre 2009 folgte die Ernennung von Linz zur Kulturhauptstadt Europas. Zu diesem Anlass wurden über 200 kulturelle Projekte gefördert. Inzwischen ist Linz ein urbanes Zentrum mit einem breiten Angebot an Projekten rund um Kunst, Technologie und Gesellschaft. Ob mit begehbaren Installationen in schwindelerregenden Höhen oder einem legalen Graffitipark: Wer Linz erkundet, entdeckt den alten Industriecharakter der Stadt neben neuartigen, spannenden Kulturprojekten.

Grossformatige, futuristisch anmutende Installationen

Auch barocken Baustil gibt es in Linz zu bestaunen. Etwa am Hauptplatz.

Auch barocken Baustil gibt es in Linz zu bestaunen. Etwa am Hauptplatz.

Vorerst schlendern wir aber in der schmucken Altstadt über Backsteinpflaster und an gepflegten Gebäuden aus der Gründerzeit vorbei. Die Flaniermeile ist gesäumt mit kleinen Geschäften und gemütlichen Cafés. Aus einem Blumenladen duftet es nach Rosen und Geranien; zahlreiche Bäume verschönern das Stadtbild. Wir kommen im Offenen Kunsthaus Linz an: Früher eine Klosterschule, dient das Gebäude heute als Ausstellungsort. Dieses Jahr findet darin das Kulturformat «Sinnesrausch» statt, in früheren Jahren «Höhenrausch» genannt, das mittlerweile über eine Million Besucher anzieht.

Die Kunstwerke, die hier ausgestellt werden, sind begeh- und erlebbar. Der Kurator Martin Sturm führt durch die Räumlichkeiten und zeigt grossformatige, futuristisch anmutende Installationen. Die taiwanesische Künstlerin Te-Yu Wang hat einen der Räume komplett mit gelbem Stoff ausgekleidet. Durch einen Luftstrom am Boden entstehen grosse Blasen, auf denen man vorsichtig voranschreiten kann.

In die Installation von Te-Yu Wang lässt sich regelrecht abtauchen.

In die Installation von Te-Yu Wang lässt sich regelrecht abtauchen.

Unter dem Dach des Kunsthauses geht es weiter mit einer grossformatigen Skulptur: Der «Tube» vom Kollektiv Numen/For Use ist ein Kletterlabyrinth, geknüpft aus königsblauen Seilen, in denen man mehrere Höhenmeter hinaufklettern kann. Zum Abschluss geht es hoch auf den Holzturm, an dem seit letztem Jahr ein aus Stahl gebautes Schiff festgemacht ist. Es stammt vom ukrainischen Künstler Alexander Ponomarev. Mit einer komplexen Struktur aus Stahlseilen befestigt, scheint das 21 Meter lange und zwei Tonnen schwere Schiff neben dem Holzturm zu schweben. In 81 Metern Höhe schmückt es das Stadtbild und weist schon von weitem darauf hin, dass Kunst in Linz hoch hinaus will.

Die Skulptur des Kollektivs Numen/For Use ist auch ein Kletterlabyrinth.

Die Skulptur des Kollektivs Numen/For Use ist auch ein Kletterlabyrinth.

Die Werke des Offenen Kunsthauses Linz sind für Kinder und Erwachsene konzipiert. Indem die Besucherinnen und Besucher selbst aktiv werden, bietet es auch jenen ein Erlebnis, die sich sonst weniger für Kunst interessieren.

Graffitis halten der Gesellschaft den Spiegel vor

Kunst hängt nicht einfach an der Wand, sondern wird mit dem urbanen Raum verschränkt. Vom Schiff in luftigen Höhen geht es per Bus weiter ins Hafenviertel nordöstlich der Altstadt. Auch dort wird der öffentliche Raum genutzt, um Kunst sichtbar zu machen. Die letzten Jahrzehnte der Kulturförderung in Linz haben eine grosse Offenheit mit sich gebracht, auch im Umgang mit umstrittenen Kunstformen.

Der etwas andere Bruderkuss in der Freiluftgalerie «Mural Harbor».

Der etwas andere Bruderkuss in der Freiluftgalerie «Mural Harbor».

Die Graffitigalerie Mural Harbor zeugt hiervon. Auf bis zu 40 Meter hohen Industriebauten sind Gemälde von nationalen und internationalen Künstlern zu bestaunen. Die grossformatigen Kunstwerke halten der Gesellschaft einen Spiegel vor. Oft mit zynischem Unterton, wie etwa die Reinszenierung des Bruderkusses zwischen Breschnew und Honecker von der Berliner Mauer: Statt der beiden Weltpolitiker sind der in Linz bekannte Sprayer Erich und ein Polizist knutschend abgebildet. Auch hochaktuelle gesellschaftliche Themen werden im «Mural Harbor» auf humoristische Art abgehandelt.

Die Kunstform Graffiti fand lange nur in der Illegalität statt und bekam wenig offizielles Ansehen, teilweise sogar Verachtung. Durch die Galerie im Linzer Hafen wird sie in ein neues Licht gerückt und positiv besetzt. In der Sprayerszene wird diese Entwicklung mehrheitlich begrüsst. Leonhard Gruber, Gründer vom «Mural Harbor», erzählt, wie überrascht er gewesen sei, dass in der Szene verehrte Künstler zugesagt hätten, die Wände im Hafen zu schmücken. Für andere wiederum ist ein offizieller Auftritt als Streetart-Künstler ein Widerspruch in sich, da die Illegalität für sie zum Graffiti, zur Strassenmalerei, dazugehört.

Nebst diesen urbanen und zeitgenössischen Orten hat Linz auch klassische touristische Attraktionen zu bieten: zum Beispiel den Pöstlingberg. Dort oben geniessen wir einen wunderbaren Ausblick über die gesamte Stadt Linz. Industrieschornsteine prägen ebenso die Silhouette wie auch jahrhundertealte Kirchtürme. Mit einem letzten Blick auf das schwebende Schiff neben seinem Holzturm kehren wir in der berühmten Konditorei Jindrak ein und geniessen zum Abschluss ein Stück Original Linzer Torte. Auch das muss sein.

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