Frau Schaepman-Strub, Sie verbringen mehrere Wochen pro Jahr in der sibirischen Tundra. Es gäbe angenehmere Orte.

Gabriela Schaepman-Strub: Tatsächlich ist es in unserer Station nahe dem russischen Ort Chokurdakh ziemlich ungemütlich. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen lebe ich eng aufeinander in einer kleinen Hütte. Wir haben keine Dusche und kein Internet. Weil der Ort so weit nördlich liegt, geht die Sonne im Sommer niemals ganz unter. Das macht es schwierig, in der Nacht zu schlafen – oft arbeiten wir dann bis Mitternacht.

Was ist das Härteste?

Die psychische Belastung. Einerseits, weil man nie allein ist, andererseits, weil man keinen Kontakt zu Familie und Freunden hat. Es gab schon Leute, die deswegen ausgeflippt sind. Nicht in meinem Team, aber holländische Kollegen mussten einmal jemanden beinahe zurückschicken.

Wie verhindert man so etwas?

Ich wähle meine Mitarbeitenden sehr genau aus. Wer persönliche Probleme auf die Expedition mitnimmt, stellt ein Risiko dar.

Wie ist es, in Russland zu forschen?

Umständlich. Wir müssen zum Beispiel jetzt schon genau auflisten, wo und was wir nächstes Jahr messen wollen. Die russischen Behörden wollen nicht nur die Standorte wissen, wo wir messen, sondern sogar die Seriennummer jedes einzelnen Gerätes.

Das tun Sie sich immer wieder an?

Ja, schon am nächsten Sonntag fliege ich wieder. Sibirien ist enorm wichtig für die Forschung. Mit der Klimaerwärmung beginnt in der Tundra ein Teufelskreis, der die Temperaturen noch weiter steigen lässt. Was genau passiert, können wir nur verstehen, wenn wir vor Ort sind.

Was beobachten Sie?

Durch das wärmere Klima beginnt der bis in 300 Meter Tiefe gefrorene Boden aufzutauen. Dadurch werden Unmengen von Kohlenstoff in die Atmosphäre gelangen. Vor vierzigtausend Jahren war die sibirische Tundra von Mammuts bevölkert und von Pflanzen überwachsen. In den abgestorbenen Pflanzenteilen, die der Permafrost später einschloss, wurde sehr viel Kohlenstoff gebunden. Dieser droht nun schnell frei zu werden.

Wie muss man sich das vorstellen?

Beim Auftauen wandelt sich der im Boden eingeschlossene Kohlenstoff in Methan um. Dieses ist ein noch stärkeres Treibhausgas als das Kohlenstoffdioxid (CO2). Um voraussagen zu können, wie schlimm das für das Klima wird, brauchen wir unsere Forschung.

Es arbeiten doch schon Tausende von Forschern an Klimamodellen. Und jetzt sagen Sie, wir wissen zu wenig? Sind die Klimaprognosen also unsicher?

Die Frage ist nicht, ob das Klima wärmer wird – das ist ein Fakt. Was wir aber nicht wissen: Wie viel wärmer wird es, wenn sich riesige Gebiete wie die sibirische Tundra verändern. Dazu tragen verschiedene Faktoren bei. Einer davon ist die Vegetation. Früher wuchsen in der Tundra vor allem Moose und Flechten am Boden. Doch seit ein paar Jahrzehnten gedeihen plötzlich auch Büsche. Langfristig folgen Bäume und Wälder. Somit wird viel weniger Sonnenlicht zurück ins Weltall reflektiert. Stattdessen wird es von den Blättern aufgenommen. Dadurch erwärmt sich die Erde noch stärker.

Wie schnell wird sich die Vegetation verändern?

Das versuchen wir eben herauszufinden, indem wir ein wärmeres Klima simulieren. Dazu führen wir Heizdrähte in den Boden ein. Sie erwärmen eine kleine Fläche und wir können beobachten, wie sich die Pflanzen dadurch verändern.

Drähte in den kalten sibirischen Boden zu verlegen, klingt schwierig.

Das ist es auch. Ich war diesen April da und habe bei minus 25 Grad Geräte installiert. Doch nicht nur wir leiden unter der Kälte – auch die Akkus unserer Messinstrumente halten das nicht lange aus.
So müssen wir immer wieder in die Unterkunft zurückkehren. Im Sommer dage-
gen wird es bis zu 30 Grad heiss. Es gibt Myriaden aggressiver Mücken. Die stechen problemlos durch Jeans. Darum tragen wir dann Schutzkleidung und schwitzen ziemlich bei der Arbeit im Feld.

Trotzdem haben Sie Ihre Kinder und Ihren Mann schon nach Sibirien mitgenommen.

Ja, ich finde, sie sollen wissen, wo ich forsche. Sibirien klingt so abenteuerlich und gefährlich – mir ist wichtig, dass die Kinder eine konkrete Vorstellung davon haben, wie es dort wirklich ist. Interessant ist, dass die widrigen Umstände den Kindern weniger ausmachen als uns Erwachsenen.

Ist das auch ein Versuch, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen?

Ja. Das geht aber nur, weil sowohl mein Mann als auch ich einiges mehr leisten – und oft auch verzichten. So kann er beispielsweise nicht auf jede wissenschaftliche Konferenz reisen. Ich arbeite 70 Prozent und bin zu Hause, wenn die Kinder aus der Schule kommen. Das ist anstrengend, aber die Forschung will ich deswegen nicht aufgeben.