Leben

Kein Schnee, T-Shirtwetter und Primeln: Dieser Winter ist ein Totalausfall

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Über 20 Grad warm war es in diesen Tagen mancherorts. Die Blumen spriessen. Doch die Natur reagiert unterschiedlich auf die Wärme.

Krokusse spriessen, die Leute sitzen draussen in Cafés, tragen dünne Pullover oder gar T-Shirts: Bevor der Winter richtig da war, fühlt es sich schon wieder nach Frühling an. Am Sonntag wurden Temperaturen über 20 Grad gemessen. Und gestern twitterte Meteo-Schweiz: 2019/2020 werde ein Rekordwinter, fast drei Grad wärmer als normal sei es seit Messbeginn 1864. Welche Auswirkungen hat diese Wärme auf die Natur? Und werden wir in diesem Winter noch einmal frösteln? Die Antworten:

1. Bleibt es warm?

Klimatologe Stephan Bader von Meteoschweiz hat die aktuellsten Wettermodelle analysiert. Er stellt fest: Die Schneefallgrenze sinkt am Mittwoch kurzzeitig auf gegen 600 Meter. Am Wochenende könnte die Höchsttemperatur im Mittelland hingegen bereits wieder zwischen 12 und 15 Grad liegen. Im Winter dreht auf der Nordhalbkugel eigentlich ein Polarwirbel. Seit ein paar Wochen ist er so stark, dass die Kälte im hohen Norden gefangen bleibt. Nur starke Strömungen könnten den Wirbel zerreissen und die kalte Luft bis zu uns schlingern lassen. Danach sieht es nicht aus: Eine anhaltende Südwestströmung bringt milde Atlantikluft zur Schweiz. Das Fazit von Klimatologe Stephan Bader: «Bis Ende Februar ist kein Winter in Sicht.»

2. Wie wird der Frühling?

Der Saisonausblick von Meteoschweiz zeigt: Die Periode Februar bis April ist mild, dies laut Bader mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 bis 60 Prozent auf der Alpennordseite und mit über 70 Prozent auf der Alpensüdseite.

3. Gibt es überhaupt noch Schnee bis ins Flachland?

Dieser Winter ist ein Vorgeschmack auf die Zukunft: Schneefall bis ins Flachland wird wegen der Klimaerwärmung seltener. Bis Mitte Jahrhundert werden sich die Tage mit einer Schneedecke im Flachland auf einen Viertel des heutigen Wertes reduzieren. «In Bern haben wir heute im Durchschnitt knapp 40 Tage mit einer Schneedecke. Um 2060 sind es dann im Durchschnitt noch etwa zehn», so Bader. Die Wetterschwankungen von Jahr zu Jahr sind gross, das wird auch in Zukunft so bleiben. Deshalb wird es mit zunehmender Winterwärme und immer höher steigender Nullgradgrenze noch Schnee bis ins Flachland geben.

4. Wachen jetzt die Tiere aus dem Winterschlaf auf?

Ein Blick in die Höhle der Berner Bären zeigt: Die Mutze befinden sich trotz der milden Temperaturen weiterhin im Winterschlaf. «Es muss schon mehrere Wochen warm sein, dass die Tiere frühzeitig aufwachen», sagt der Berner Tierparkdirektor Bernd Schildger. Die Klimaerwärmung verändere langsam aber sicher das Verhalten der Bären. «Dieses Jahr sind sie erst im Januar in den Winterschlaf gegangen – so spät wie noch nie», so Schildger.

5. Begünstigt die Wärme Schädlinge?

Auf das Überleben der Borkenkäfer haben die gegenwärtigen frühlingshaften Temperaturen kaum einen Einfluss, sagt Beat Wermelinger von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft. «Anders sieht dies bei den Läusen oder den Wespenköniginnen aus. In einem milden Winter überleben sie häufiger», sagt er. Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass es aufgrund der seltenen Minustemperaturen in diesem Jahr mehr Läuse geben werde. Ob allerdings eine Wespen- oder Hornissenplage auftritt, sei noch offen. «Entscheidend ist, ob während ihres Brutaufbaus, wenn sie die Waben bauen und die Larven füttern, nochmals ein Kälteeinbruch stattfindet», sagt der Biologe. Ein solcher könnte den Populationen empfindlich zusetzen.

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