Diebstähle

Idylle auf dem Bauernhof: Hofläden florieren auch ohne Überwachung

Der Nebenverdienst ist ein bewährtes Konzept – Hofladen in Enetmoos. Bild: Bürgisser

Der Nebenverdienst ist ein bewährtes Konzept – Hofladen in Enetmoos. Bild: Bürgisser

Hofläden sind in der Schweiz eine Erfolgsgeschichte: 95 Prozent der Ware wird bezahlt. Einiges wird aber besonders gern geklaut.

Der Direktverkauf ab Hof ist für viele Schweizer Bauern in den letzten zehn Jahren zu einer fixen, kleinen Einkommensquelle geworden. Während 2010 schweizweit erst 12 Prozent der Landwirte einen Hofladen hatten, sind es heute schon 22 Prozent, manche mit Verkaufspersonal, die allermeisten ohne. Letzteres Verkaufs-Konzept ist ein besonderes: Es basiert auf viel Vertrauen gegenüber der Käuferschaft.

Nun haben Forschende des Instituts für Soziologie der Universität Bern untersucht, wann sich die Bauern auf die Ehrlichkeit ihrer Kunden verlassen können und wann nicht. Dazu haben die Autoren Axel Franzen, Sebastian Mader und Sebastian Bahr 240 Bauern rund um die Stadt Bern interviewt. Das ist nicht repräsentativ für die ganze Schweiz, das Fazit ist dennoch interessant – und zuerst ernüchternd: Am ehrlichsten sind die Kunden, wenn sie günstige Produkte wie Gemüse oder Früchte kaufen. Die Klau-Rate ist bei Wurstwaren, Käse oder Honig um 4 Prozent höher.

Bei vielen wird sogar gar nie geklaut

Andererseits ergab die Befragung, dass Klauen kein grosses Problem für die Bauern ist: 53 Prozent gaben an, dass im letzten Jahr gar nichts geklaut worden war aus dem Hofladen. Bei 20 Prozent der Bauern wurde mehr als zehn Mal etwas geklaut – der Rest liegt dazwischen. Unter dem Strich erhalten die Bauern 95 Prozent des Geldes, welches sie auf den Preisschildern für die Produkte verlangen.

Interessanterweise ist die Zahlungsmoral unabhängig von der Grösse der Gemeinde: In kleinen Dörfern wird nicht weniger entwendet als in grossen. Ebenfalls erstaunlich: Schilder im Laden, die an die Ehrlichkeit der Käufer appellierten, hatten nicht nur keinen Effekt, Bauern, die solche Schilder aufstellten, rapportierten sogar eine um 4 Prozent höhere Diebstahlsrate. Dies könnte jedoch damit zusammenhängen, dass jene Schilder aufstellen, bei denen ursächlich eine weniger ehrliche Kundschaft verkehrt. Ausserdem waren die Auskünfte der Bauern Einschätzungen, sie hatten über den Diebstahl kein Protokoll geführt.

Die Hemmungen fallen mit der Distanz zum Hof

Definitiv gut für die Zahlungsmoral ist es offenbar, wenn der Laden zum Hof selber gehört, also nicht irgendwo abseits steht. Verkaufsläden ausserhalb des Dorfes weisen durchschnittlich knapp 10 Diebstähle pro Jahr auf, jene in der Nähe von einem Hof oder anderen Häusern nur knapp 5.

Bei einer Überwachung wie zum Beispiel mit einer Videokamera hat die Studie eine erhöhte Zahlungsbereitschaft um knapp 5 Prozent ergeben – es wird so also häufiger der korrekte Preis bezahlt. Aber nur eine Verbesserung der Diebstahlsrate um 0,3 Prozent. Die Autoren schreiben: «Hofläden ohne Verkaufspersonal sind in der Schweiz eine Erfolgstory. Sie weisen eine viel höhere Zahlungsmoral auf als beispielsweise Zeitungsboxen in Österreich oder Blumen zum selber Schneiden in Deutschland.»

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