60 Jahre Bergführer

«Ich staune, dass ich noch lebe»: Art Furrer (82) ist Cowboy, Hotelier, Offizier und Skiakrobat in einem

Gerlinde und Art Furrer vor dem Matterhorn – die beiden haben die halbe Welt durchklettert. Das Matterhorn bleibt Art Furrers Lieblings-Bergtour.

Art Furrer, der Cowboy, Hotelier, Offizier und Skiakrobat von der Riederalp, 82, feiert das 60-Jahr-Jubiläum im Walliser Bergführerverband. Er sagt, letztes Jahr habe er fünf 4000er bestiegen und 90000 Höhenmeter bewältigt.

Es wird Frühling auf der Riederalp. Eine koreanische Reisegruppe schiesst auf dem Weg zur Gondel hektisch Selfies. Eine Langläuferin eilt mit grossen Schritten dem Après-Ski entgegen. Am Himmel ziehen Bergdohlen ihre Kreise. Die Sonne scheint – wie fast immer in diesen Tagen. Art Furrer nimmt einen Schluck Fendant und blinzelt vergnügt durch seine Brillengläser. Am Vorabend war er für eine Musical-Premiere in Zürich. Für die kommenden Tage hat eine Crew des Schweizer Fernsehens ihren Besuch angekündigt. Doch das wichtigste Ereignis kündigt sich am 25. Mai in Naters an. Dann wird Art Furrer vom kantonalen Bergführerverband für das seltene Jubiläum der 60-jährigen Mitgliedschaft ausgezeichnet.

Herr Furrer, lässt sich das heutige Bergsteigen mit dem anno 1959 noch vergleichen?

Art Furrer: Kaum. Alles hat sich verändert – vor allem die Kundschaft. Anfänglich waren es fast ausschliesslich einzelne Personen. Nun sind es vermehrt Gruppen. Eine grosse Entwicklung fand bei der Ausrüstung statt. Helme kannten wir früher nicht. Das Essen und die Getränke mussten wir selber mitschleppen. Selbst für das Kochen in den Hütten war oft der Bergführer zuständig.

Was hat sich sonst noch verändert?

Früher boten die Hüttenwarte eine einfache, aber nahrhafte Verpflegung an. Und der Schnaps fehlte selten. Zudem sind heute die Hütten moderner. Und mit den Seilbahnen wurde der Anmarsch erleichtert. Nottelefone in den Hütten gehören zum Standard und das Rettungswesen hat sich enorm verbessert. Dazu kam der Einsatz von Helikoptern – auch zur Versorgung.

Wie viele prekäre Situationen hatten Sie in den vergangenen 60 Jahren zu überstehen?

Bergführer ist kein einfacher Beruf. Immer wieder erlebt man sehr prekäre Situationen. Wetterumstürze, Eis- und Steinschlag, Lawinen, Gletscherspalten und nicht zuletzt das Sichern der Gäste gehören zum täglichen Risiko eines Bergführers. Wenn ich zurückdenke an die vielen Tage, die ich am Berg verbracht habe, staune ich, dass ich noch lebe. War es Glück? War es Zufall? Oder war es der Schutzengel? Ich kenne keinen Bergführer, der nicht an den Schutzengel glaubt. Und klar ist: Das rechtzeitige Abbrechen einer Tour ist die beste Lebensversicherung. Kein anderer ist am Berg so oft umgekehrt wie Reinhold Messner. Deshalb hat er überlebt.

Haben Sie Freunde verloren?

Oft im Leben stand ich auf dem Friedhof am Sarg eines verunfallten Bergführers. Wir ziehen unsere Uniformen an und stehen Spalier. Dann blicke ich jeweils in die Gesichter der starken Burschen: Aus ihren Augen starrt Wehmut, es hätte auch mich erwischen können – pfluderweich und besinnlich. Aber wie gesagt: Letztlich entscheidet auch der Schutzengel.

Medial finden vor allem die Free-Solo-Aktionen grosse Beachtung. Was denken Sie darüber?

Der Wettkampf und der Konkurrenzgedanke gehören zum menschlichen Instinkt. Wettkämpfe im Gebirge und in der Natur haben immer schon stattgefunden. Der Drang zur Erstbesteigung. Das Rennen um die Besteigung aller 8000er, ums Matterhorn, zum Nord- oder Südpol. Solche Wettläufe prägen die Zeitgeschichte. Heute konzentriert sich dieses Rennen auf einen Tag: in der Halle oder an einem anderen Ort vor Publikum. Solche Entwicklungen sind nicht aufzuhalten. Aber mit dem klassischen Bergsteigen hat dies wenig zu tun. Jeder ist sich bewusst, dass das Risiko dabei enorm steigt. Wer bis in mein Alter überleben will, dem empfehle ich diese Sportart nicht. Aber die klassischen Expeditionen gibt es noch immer. Allerdings braucht der Höhenalpinismus Zeit und einen erheblichen Aufwand. Schon die Zeit zur Akklimatisierung fehlt in der heute schnelllebigen Welt oft.

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen, um eine Gruppe an den Berg zu führen?

Kollektives Bergsteigen wird immer populärer – hauptsächlich aus Kostengründen. Für den Bergführer nehmen die Risiken zu. Denn in einer Gruppe gibt es immer wieder Teilnehmer, die wesentlich langsamer und schwächer sind als die anderen. Verzögerungen sind Faktoren, die sehr gefährlich werden könnten. Ich vertraue einem alten Grundsatz: Früh aufstehen und mittags wieder zurück in der Hütte sein. Nachmittags nehmen die Gefahren sprunghaft zu.

Wie wirkt sich die Klimaveränderung auf die Arbeit aus?

Der Berg ist nicht mehr so stabil wie früher. Der Rückgang des Permafrosts lässt die Berge und Gletscher brüchig werden. Ortskenntnisse und die richtige Routenwahl werden immer wichtiger – überlebenswichtig.

Sie feierten unlängst Ihren 82. Geburtstag. Kann man in diesem Alter noch die hohen Berge besteigen?

Sicher, aber dazu braucht es eine solide Gesundheit und konsequentes Konditionstraining. Vergangenes Jahr habe ich 90 000 Höhenmeter bewältigt. Ich war mit meiner Ehefrau Gerlinde in Nepal noch auf 5100 Meter Höhe. Probleme bekundete ich keine. In der Schweiz bin ich auf fünf 4000er gestiegen.

Sie erklommen mit Gerlinde alle Schweizer Viertausender. Das muss der ultimative Belastungstest für eine Ehe sein…

Genau. Die Berge haben unsere Ehe jeweils gekittet, eventuell sogar gerettet. Wir haben auch sechs Nordwände durchstiegen und zwölf Expeditionen auf der ganzen Welt gemacht.

Welches sind Ihre Lieblingsrouten?

Meine Lieblingsroute führt aufs Matterhorn. Der Berg steht ganz alleine da – das ist ein schon fast mystischer Anblick. Seine Form, seine Einmaligkeit, seine Ausstrahlung. Auch das Allalinhorn bedeutet mir viel. Ich habe zirka 1000 Bergsteiger auf den Gipfel geführt. Das Allalin ist ein technisch einfacher Viertausender – aber landschaftlich wunderschön, die Rundsicht ist einmalig. Dort habe ich sehr vielen Menschen das Bergsteigen beigebracht und zu unvergesslichen Erlebnissen verholfen. Mit Geduld, aber auch mit Schimpf und Schupf.

Wie hoch möchten Sie in Zukunft noch hinaus?

Noch geht es mir sehr gut. Und Wünsche und Ziele dürfen bleiben. Wenn Gott will und mich ein Bergführer begleitet, dann klettere ich nochmals auf den Mont Blanc.

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