Kindersoldaten

Ibrahim (14): «Ich weiss nicht, wie viele Menschen ich getötet habe»

2013 brach in der Zentralafrikanischen Republik ein Bürgerkrieg aus. Zehntausend Kinder sollen während des Bürgerkrieges gekämpft haben.

2013 brach in der Zentralafrikanischen Republik ein Bürgerkrieg aus. Zehntausend Kinder sollen während des Bürgerkrieges gekämpft haben.

Im Bürgerkrieg in der Zentralafrikanischen Republik kämpften Tausende Minderjährige. Viele wurden zum Töten gezwungen, andere kämpften freiwillig, um ihre getöteten Eltern zu rächen.

Der Krieg raubte den Jungen und Mädchen ihre Kindheit und könnte ihre Zukunft zerstören. Denn im zweitärmsten Land der Welt werden viele ehemalige Kindersoldaten einfach alleine gelassen. Viele könnten sich deshalb wieder bewaffneten Banden anschliessen.

«Ich habe Menschen getötet. Viele Menschen. Ich weiss nicht, wie viele. Ich weiss nur, dass ich schwere Schuld auf mich geladen habe.» Als Ibrahim* mit 14 Jahren das erste Mal auf einen Menschen schoss, dachte er, dass er für seinen Gott kämpfe. Als er seine Kalaschnikow zweieinhalb Jahre später niederlegte, hoffte er, dass sein Gott ihm vergeben würde. Wie Tausende andere Minderjährige war er Kindersoldat im Bürgerkrieg in der Zentralafrikanischen Republik. Ein Kind als Opfer, ein Kind als Täter.

Ibrahim war zu Hause, als Kämpfer der christlichen Anti-Balaka-Miliz auf den kleinen Hof seiner Familie stürmten, seinem Vater vor seinen Augen die Kehle durchschnitten und das Haus niederbrannten. Wenige Monate zuvor hatten Mitglieder des muslimischen Seleka-Bündnisses in der Hauptstadt Bangui den christlichen Präsidenten Bozizé gestürzt. Daraufhin bildete sich die christliche Anti-Balaka-Miliz, die sich den Rebellen entgegenstellte. Im anschliessenden Bürgerkrieg wurden Tausende getötet, Millionen mussten ihre Heimat verlassen.

Auch Ibrahim floh mit seiner Mutter, seinem jüngeren Bruder und seiner Tante in den muslimischen Tschad. «Meine Mutter ist dort vor Trauer verrückt geworden», berichtet Ibrahim. Er selbst wollte nicht nur um seinen Vater trauern, er wollte ihn rächen, er wollte die Mörder seines Vaters töten! Also kehrte er gegen den Willen seiner Mutter heimlich in seine Heimat zurück und schloss sich den Kämpfern der Seleka an.

Keine andere Wahl

Nach kurzem Training an der Kalaschnikow tötete Ibrahim sein erstes Opfer. «Wir mussten unseren Glauben und unsere Moscheen verteidigen. Ausserdem hätten die Christen mich umgebracht, hätte ich mich nicht der Seleka angeschlossen. Ich hatte keine Wahl», rechtfertigt er heute seine Taten. Viele Kinder sahen das offensichtlich ähnlich. Mit seinen 14 Jahren war er nicht der Jüngste in seinem Bataillon. Rund 150 Jungen, Mädchen, Frauen und Männer kämpften in der Einheit. Wie viele andere Kinder auch, wurde Ibrahim oft an vorderster Front eingesetzt, verwundet wurde er nie.

«Ich war ein guter Soldat», sagt Ibrahim. Als er im Schatten eines Baumes in Bangui von den schrecklichen Verbrechen, die er selbst begangen hat und deren Opfer er geworden ist, berichtet, mahlen seine Kiefer nervös, laut lässt er die Gelenke seiner schlanken Finger knacken. Von seiner eigenen Vergangenheit zu erzählen, quält ihn. Nur als er sagt, dass er ein guter Soldat war, lächelt er kurz. Auch wenn er es nicht zugeben will, macht es den muskulösen Jugendlichen noch heute stolz, dass er im Krieg als unverwundbar galt.

Ibrahim glaubt, dass sein Grigri ihn während der Kämpfe beschützte. Das Totem hatte sein Vater ihm kurz vor seinem Tod geschenkt. Während der Kämpfe trug Ibrahim es am Oberarm. Es erinnerte ihn stets daran, dass er tötete, um seinen Vater zu rächen.

Auf Drogen in den Krieg

«Bevor wir in die Schlacht zogen, haben unsere Vorgesetzten uns rote und grüne Pillen aus Nigeria, Marihuana und Alkohol gegen die Angst gegeben. Ich brauchte aber keine Drogen. Ich hatte mein Grigri. Ausserdem habe ich vor jedem Kampf gebetet, dass Gott mich in sein Paradies aufnimmt, falls ich doch getroffen werden sollte», berichtet Ibrahim, der viele seiner Kameraden sterben sah. «Im Krieg ist der Tod normal. Allah hat sie zu sich gerufen», sagt Ibrahim. Es soll stärker klingen, als es tatsächlich ist.

Vor einigen Monaten beschloss Ibrahim, nicht weiterzukämpfen. «Nachdem ein Waffenstillstand geschlossen wurde, musste ich unseren Glauben und unsere Moscheen nicht mehr verteidigen», sagt der Jugendliche. Doch kaum hatte er seine Waffe abgegeben, hatte er Angst. «Meine Kalaschnikow hatte mir Macht verliehen, doch plötzlich war ich wieder ein Niemand und völlig schutzlos.»

Ohne Waffe versucht er sich in einem Leben zurechtzufinden, in dem es nicht darum geht, zu töten oder getötet zu werden. Für den Jugendlichen, dem eine Waffe die Kindheit raubte, ist das schwierig. Mit Gelegenheitsjobs versucht er sich über Wasser zu halten. Doch meist findet er keine Arbeit und hat viel Zeit, nachzudenken, was die letzten Jahre aus ihm gemacht haben und was er aus den Jahren machte. «Als ich loszog, um meinen Vater zu rächen, dachte ich, dass meine Mutter stolz auf mich sein würde. Heute weiss ich, dass sie es nicht war», sagt der ehemalige Soldat. Als er die Waffe in die Hand nahm, dachte er, der Krieg würde aus ihm einen Helden machen. Heute weiss er: Der Krieg kennt nur Verlierer.

Was er im Krieg tat, soll in seiner Heimat niemand wissen. «Wahrscheinlich hätten die Leute dann Angst vor mir und ich würde nie eine Freundin finden», sagt der Junge, der gerne Lastwagenfahrer werden möchte. Bei diesem Wunsch unterstützt ihn eine Partnerorganisation der Welthungerhilfe. Die vom ehemaligen zentralafrikanischen Fussball-Nationalspieler und Nationaltrainer Anatole Koué gegründete Organisation «Les frères centrafricains» will ihm helfen, den Führerschein zu machen.

Ibrahim weiss nicht, ob sich sein Traum vom Lastwagenfahren wirklich erfüllen wird. Doch eines weiss er ganz genau: Nie wieder will er eine Waffe in die Hand nehmen: «Alles ist besser, als zu töten oder getötet zu werden.»

*Name geändert

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