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Hurrikan «Dorian» rast auf Florida zu: 10 Fragen, 10 Antworten zum Monstersturm

Hurrikan Dorian steuert auf Florida zu. Seine Zerstörungskraft ist gewaltig. Er bewegt sich langsam, was ihn aber noch gefährlicher macht.

1) Ist der Hurrikan Dorian besonders stark?

Das amerikanische «National Hurricane Center» (NHC) hat Dorian als zweitstärksten Hurrikan seit 1935 bezeichnet. Der gewaltige Wirbelsturm bewegt sich mit neun Kilometern pro Stunde Richtung Osten und hat gestern Nacht auf Nordosten abgedreht. Zuvor hat Dorian die nördlichen Inseln der Bahamas erreicht, Häuser abgedeckt und das Land überschwemmt. Sturmfluten von sieben Metern Höhe brandeten über die Küste Bahamas. Die Winde des Wirbelsturms sind gemäss NHC 270 km/h schnell, Windböen sogar 350 km/h. Das NHC hat den Hurrikan in die höchste Kategorie 5 – das heisst Windgeschwindigkeiten von über 250 km/h – eingeteilt. Er trägt gewaltige Wassermassen mit sich und entlädt beim Durchzug gemäss dem US-Wetterdienst NOAA 75 Liter Regenwasser pro Quadratmeter.

2) Wie ist seine Stärke im Vergleich zu anderen Tropenstürmen?

Im langjährigen Durchschnitt fegen jährlich zwei bis drei Hurrikane mit Kategorie 3 oder mehr über den tropischen Nordatlantik. Kategorie 5 ist zwar selten, aber nicht aussergewöhnlich. Der legendäre Hurrikan Katrina von Ende August 2005 erreichte kurz vor dem Auftreffen auf Land bei New Orleans auch Kategorie 5, erklärt Stephan Bader von Meteo Schweiz.

Erste Zeichen des Hurrikans in Ponce Inlet, Florida.

Erste Zeichen des Hurrikans in Ponce Inlet, Florida.

3) Ist Dorian typisch für die Hurrikansaison?

Es herrscht momentan klassische Hurrikansaison im tropischen Nordatlantik, und die Sturmbahn von Dorian liegt im ganz normalen Bereich atlantischer Hurrikane.

4) Warum sind die Geschwindigkeitsangaben für einen Wirbelsturm so verschieden: 9 und 270 km/h?

Das führt oft zu Missverständnissen. Die Windgeschwindigkeiten, also die Windrotation, beträgt 270 km/h, aber der Sturm als Ganzes bewegt sich nur mit wenig Tempo. Dorian ist sehr langsam mit nur 9 Kilometern pro Stunde.

5) Was bedeutet das?

«Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass sich die Tropenstürme langsamer bewegen und damit länger über einem Ort Schaden anrichten, weil sie dort dann viel mehr Wasser abladen», sagt der ETH-Klimatologe Reto Knutti. Oft sind Schäden durch Wasser mindestens so gross wie durch die Winde. Der Hurrikan Harvey war ein gutes Beispiel von einem Sturm, der sich lange kaum bewegte und 2017 in Texas massive Schäden anrichtete. Schon aus einem durchschnittlichen Wirbelsturm ergiessen sich bis zu 30 Liter Regen pro Quadratmeter innert weniger Stunden, ergänzt Bader. Im Mittelland der Schweiz ist das etwa die durchschnittliche Menge von drei Monaten. Schon die Regenmengen normaler Wirbelstürme führen zu grossen Überschwemmungen.

Hurrikan "Dorian" zerstört die Bahamas und fordert erste Opfer

Hurrikan "Dorian" zerstört die Bahamas und fordert erste Opfer

Der Hurrikan "Dorian" hat am Wochenende in den Bahamas gewütet. Ein 7-jähriger Junge ist beim Sturm ertrunken. Gestuft wurde der Hurrikan auf der höchsten Kategorie 5.

6) Werden die Hurrikane wegen des Klimawandels zunehmen?

Tropische Wirbelstürme sind komplex und werden von vielen Faktoren beeinflusst. Deshalb sind die Unsicherheiten der Prognosen von langfristigen Trends beträchtlich. «Die Anzahl an Wirbelstürmen bleibt in Zukunft wahrscheinlich ähnlich, oder nimmt sogar leicht ab. Aber viele Modelle zeigen, dass die Häufigkeit der stärksten Stürme dafür zunimmt», sagt Knutti.

7) Warum werden Hurrikans immer stärker?

Hauptfaktor für die stärkeren Hurrikane sind die wegen des Klimawandels steigenden Ozeantemperaturen.

Der Hurrikan Dorian bewegt sich auf die amerikanische Küste zu.

Der Hurrikan Dorian bewegt sich auf die amerikanische Küste zu.

8) Wie ist das Schadenspotenzial?

Trifft ein Wirbelsturm auf Festland, schlägt er oft gleich dreifach zu. Zum einen die bereits erwähnten grossen Regenmengen. Dann zum zweiten die extremen Windstärken, welche Dörfer, Städte, Häfen und Flughäfen, aber auch Wälder und Felder stark in Mitleidenschaft ziehen. In den Häfen werden kleinere Schiffe und Boote regelmässig richtiggehend zu einem Haufen zusammengeschoben. Auf Flughäfen sind schon tonnenschwere Flugzeuge von ihrem Standplatz in die Luft und auf die Flughafengebäude geschleudert worden. Die extremen Windstärken bergen aber für Küstengebiete eine noch weit grössere Gefahr: Sie türmen in der Bewegungsrichtung des Wirbelsturms mitunter eine riesige Flutwelle auf. «Bei einem Hurrikan der Kategorie 5 können diese fünf bis sechs Meter hoch werden», sagt Bader. Diese Flutwellen gefährden ganz speziell flache Küstengebiete, da sie hier weit ins Landesinnere vordringen und grosse Gebiete unter Wasser setzen können.

9) Woher holt ein Hurrikan seine Energie?

Hurrikane sind extreme tropische Tiefdruckgebiete. Normalerweise zieht ein solcher Sturm von Afrika her zur Karibik und trifft in der Regel auf Kuba oder Florida. Eingeklemmt zwischen zwei Hochdruckgebieten ist er ein riesiges, konzentriertes Tiefdruckgebiet, das gewaltige Wassermengen aus dem Meer zieht. Die vermutlich wichtigste Voraussetzung für die Entstehung tropischer Wirbelstürme ist eine starke Strömungsdivergenz. Das ist das Auseinanderfliessen der Luftmassen in einer Höhe von etwa 15 bis 18 Kilometern. Dieses Wegströmen der Luft in grosser Höhe sorgt für eine geringere Luftmasse in diesem Bereich der Atmosphäre, wodurch auf Meeresniveau tiefer Druck entsteht. In den Tropen geschieht das vor allem in der Innertropischen Konvergenzzone. Das ist der heisseste Ort, wo die nördlichen und südlichen Passatwinde zusammenströmen. Dementsprechend lässt sich häufig beobachten, dass Wirbelstürme aus grossen Gewittern oder Gewitter-Ansammlungen in dieser Konvergenzzone entstehen.

Als zweite wichtige Voraussetzung muss mindestens 27°C warmes Meerwasser vorliegen. Nur auf diese Weise kann genügend Wasserdampf bereitgestellt beziehungsweise in die Atmosphäre verdunstet werden. Der Wasserdampf ist die Energie des Wirbelsturms. In der Höhe der Atmosphäre kondensiert der Wasserdampf wieder zu Wassertropfen und bildet Wolken. Dadurch wird eine riesige Menge von Wärme frei. Diese Energie ist nötig für die Aufrechterhaltung des Wirbelsturms.

10) Wie viel Energie ist das?

Überschlagsmässige Berechnungen zur freigesetzten Energie eines tropischen Wirbelsturms haben ergeben, dass ein mittlerer Hurrikan im Laufe seines Lebens, also etwa in einer Woche, so viel Energie freisetzt, wie die ganze Menschheit in einem Jahr an elektrischer Energie produziert. Ein sehr starker Wirbelsturm setzt ein Mehrfaches davon frei. «In einem Jahr treten viele solche Stürme auf, welche oft sogar gleichzeitig aktiv sind. Das heisst, es handelt sich hier um unvorstellbare Energiemengen», sagt Stephan Bader von Meteo Schweiz.

Autor

Bruno Knellwolf

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