Wohnungsnot

Grassierende Wohnungsnot: Tieflohn-Arbeiter werden aus Städten vertrieben – auch in der Schweiz

Investoren handeln immer häufiger mit einer Anlage, worauf keiner verzichten kann: Wohnraum. Längst macht die Miete den Hauptanteil unserer Lebenskosten aus. In Basel kam es zur Massenkündigung – weltweit gesehen ein harmloses Beispiel.

Ein normaler Morgen im Hauptbahnhof Zürich. Nichts für Schlaftrunkene. Es gilt, im Strom der Pendlermasse die Kollisionen vorherzusehen.

Ich fahre nach Basel. Der Zug fährt durchs Mittelland. Alles ähnelt sich: grün und Häuser, grün und Häuser. Wer zwischen den beiden Grossstädten wohnt, hats schön – aber oft einen langen Arbeitsweg.

80 Prozent der Schweizer Bevölkerung wohnt in urbanem Gebiet. Weltweit wohnen rund 55 Prozent in Städten. Weil da die Jobs sind, aber auch das kulturelle Vergnügen, die medizinische Versorgung, die letzten Fachhändler.

Ich will ins Quartier Schoren beim Badischen Bahnhof. Im März wurde dort allen 196 Bewohnern von zwei Blöcken gekündigt. Der CS-Immobilienfonds lässt die Wohnungen sanieren, obwohl die meisten noch in guten Zustand sind. Bisher wohnte hier der untere Mittelstand, viele vor Jahrzehnten aus dem Balkan zugezogen, in Wohnungen mit bezahlbaren Mieten. Zwei- bis Dreizimmerwohnungen kosten zwischen 1000 und 1700 Franken. Die Innenstadt und der öV-Anschluss sind nah. Es gibt genug Leute auf Wohnungssuche in Basel, die sich die Mieten nach der Sanierung leisten können. Egal wie hoch sie sein werden.

Gentrifizierung nennt man es, wenn die Mieten steigen und die alten Bewohner verdrängt werden. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite ist sie schon Realität: Perfekt sanierte winzige Reiheneinfamilienhäuschen und moderne neue Wohnblöcke. Nur direkt beim Badischen Bahnhof gibt's noch Industrie, da wirbt ein Unternehmen mit Gebäudeautomation «für Lebensräume mit Zukunft.» Das Quartier bietet eine gute Perspektive für Immobilienbesitzer. Und eine hoffnungslose für die Schoren-Blöcke-Bewohner. Viele gehen davon aus, dass sie sich die neue Miete nicht werden leisten können und suchen anderswo, möglichst nah.

«Ich will hier bleiben, hier, hier, hier!», sagt eine Frau, die mit Mann, Sohn, Schwiegertochter und Enkel im Block wohnt. «Wohnung, Küche, die Nachbarn, alles gut.» Sie sei nervös, schlafe schlecht. Die Schwiegertochter ist zuversichtlicher. Manche haben schon was gefunden, ein pensionierter Schweizer, aufgewachsen in Serbien, vor Jahren erkrankt an Morbus Bechterew, hat in einer nahen Genossenschaft sogar eine noch billigere Wohnung gefunden. «Wir sollten doch alle genossenschaftlich leben», philosophiert er.

Die meisten Menschen der beiden Blöcke wollen nirgends anders wohnen. Sie sind keine modernen digitalen Nomaden und werden es nie sein. Weltweit werden Tieflohn-Arbeiter aus den Städten vertrieben. Dass der Gärtner, der die Blumen neben den Blöcken bewässert, in Liestal wohnt und der Hauswart in Deutschland, ist typisch.

Wie extrem die Lage weltweit geworden ist, zeigt der Dok-Film «Push – Für das Grundrecht auf Wohnen». Die Protagonistin und UNO-Sonderberichterstatterin für das Recht auf angemessenes Wohnen, Leilani Farha, besucht Weltstädte wie Barcelona, Berlin, Toronto, Valparaiso in Chile, New York, London. Und zeigt Zustände, die über das Phänomen der Gentrifizierung hinausgehen: Nicht nur verdrängen die Reichen die Ärmeren vom knappen Platz in den Städten, sondern es gibt Immobilienbesitzer, die gar nicht mehr an Mietern interessiert sind. Denn die Mieter machen eine Liegenschaft als Anlageobjekt träge. Sie können sich beschweren, können Sanierungen fordern, man muss mit ihnen kommunizieren.

Trailer zu «Push – Für das Grundrecht auf Wohnen»

Youtube/kinofilme

In London stehen deswegen trotz extremer Wohnungsnot und einer immer grösseren Zahl an Obdachlosen ganze Strassenzüge fast leer. Die Globalisierung spült immer neue Wellen ausländischen Kapitals ins Land. Investoren aus aller Welt, von russischen und griechischen Oligarchen über arabische Ölscheichs bis hin zu US-Investmentfonds kaufen teure Häuser und verwenden sie als Spekulationsobjekte. Kommunalbeamte in Nobelvierteln wie Chelsea, Kensington und Mayfair sprechen von London bereits als der «teuersten Ödnis der Welt». Es ist absurd.

Auch in der Schweiz gibt es das Problem, doch hier hat es noch eine andere Ursache. Donato Scognamiglio, Chef des Immobilienberaters Iazi sagt: «Normalerweise investierte man sein Geld stärker in Aktien und Obligationen. Und weniger in Waschküchen und Nachbarkonflikte.» Doch seit die Nationalbank mit Negativ-Zinsen den Exportmarkt vor einem zu teuren Franken schützt, ist es weniger interessant, Geld bei Banken zu sparen. «Also sagen sich viele: Mit Immobilien habe ich wenigstens noch eine positive Rendite und konstante Erträge», sagt Scognamiglio.

Den Jungen fehlt das Geld

Mieten werden stetig bezahlt und sind und nicht abhängig von Börsenturbulenzen. Der Rentner aus dem Schoren-Block mit der chronischen Erkrankung hat immer pünktlich bezahlt und sagt, auch Schulden habe er nie gemacht. Genau jene, die sich nicht verschulden konnten, seien nun die Dummen, sagt Donato Scognamiglio.

Es trifft nicht mehr nur die Unterschicht. Im Film «Push» sagt die Sonderberichterstatterin: «Die nächste Generation könnte die erste sein, die sich kein Eigenheim mehr leisten kann, wenn sie nicht von den Eltern geerbt hat.»

Das macht die Menschen wütend. «Man kann doch Immobilien nicht mit Gold gleichstellen», sagt Jacqueline Badran. Die Ökonomin und SP-Nationalrätin ist schon lange wütend. «Boden ist wie Luft und Wasser – jeder braucht es zum Leben. Der Boden aber ist beschränkt vorhanden. Es ist Lebensraum, den wir zwangskonsumieren müssen.» Der Feudalismus sei doch durch die bürgerliche Revolution abgeschafft worden, aber wir würden gerade eine Re-Feudalisierung der Welt erleben: Als Arbeitende liefern wir unseren Zehnten an die modernen Landvögte ab. «Die Miete ist mit Abstand unser grösster Ausgabeposten!»

Badran hat sich in Rage geredet. Aber Ungerechtigkeiten gibt es noch mehr: Immobilienbesitzer machen mehrfach Rendite ohne Leistung. Sie bekommen nicht nur die Miete. Der Wert ihres Grundstücks steigt wie durch Zauberei, wenn es plötzlich Bauland wird und noch einmal, wenn eine Stadt rund herum Schulen, Strassen und Spitäler baut – was mit Steuern finanziert wird.

Der Immobilienmarkt ist mit Abstand das grösste volkswirtschaftliche Gut und übersteigt den Wert jeder anderen Branche um ein Vielfaches.

«Wenn Situationen zu ungerecht werden, hat man plötzlich gelbe Westen», sagt Scognamiglio. Die «Wohnungsnot-Demo» vom 8. Juni in Basel war da sehr harmlos. Ebenso der aktuelle schriftliche Protest der Anwohner im Zürcher Kreis 5, gegen die Wohnungen, die legal an Touristen vermietet werden können – mit traumhaften Renditen. Im Dok-Film streiken die Mieter der Mega-Metropolen und zahlen den Zins nicht mehr.

Die Wohnungsnot hat die Politik erreicht. 80 Vorstösse zu gemeinnützigem Wohnungsbau gebe es aktuell in der Schweiz, sagt Scognamiglio. Letzte Woche wurde in New York ein Gesetz verabschiedet, das die Rendite der Immobilienbesitzer einschränkt. Diesen Dienstag beschloss der Senat in Berlin einen Mietendeckel: Die Mieten dürfen fünf Jahre lang nicht erhöht werden. Und überhöhte Mieten sollen gesenkt werden.

Anders in Bern: Dort beschloss das Parlament diesen Donnerstag die erlaubte Rendite über dem Referenzzinssatz von 0,5 auf 2 Prozent zu erhöhen. Denn Kritiker befürchten, dass Restriktionen den Neubau von Wohnungen bremsen. «Kapital ist en masse vorhanden», kontert Jacqueline Badran. «Auch Genossenschaften bringen ihr Kapital immer zusammen um zu bauen.» Wer ihr mit den Pensionskassen kommt, die ja Rendite machen müssten, dem sagt sie: «Die beste Altersvorsorge sind tiefe Mieten!»

Allzu sehr wagt es die Politik aber auch nicht, den Immobilienmarkt zu beschneiden, weil da und dort ein Privater auch Immobilienbesitzer ist. Nur zeigt ein Blick in die Statistik, dass der Anteil an Immobilien in Privateigentum gesunken, jener von Firmen aber gestiegen ist. Noch besitzen die Privaten 40 Prozent aller Immobilien in der Schweiz, Aktiengesellschaften und GmbHs 36 Prozent – und Immobilienfirmen nur 9 Prozent. Aber das ändert sich. 2018 wurden beispielsweise in Basel Immobilien wie folgt gebaut: 30 Prozent durch Immobilienfirmen, 30 Prozent durch AGs und GmbHs und nur 7 Prozent durch Private.

Wenn die Mieten nur an ein paar wenige bezahlt würden, dann sei das «eine Massenvernichtung an Kaufkraft», sagt Badran. «Hier geht es nicht um Joghurts und Lippenstifte. Der Schweizer Bevölkerung fehlen so jedes Jahr 15 Milliarden. Das verträgt eine Volkswirtschaft auf die Länge nicht.» Sie glaubt, dass die Preisfrage im Immobilienmarkt zur grossen wirtschaftspolitischen Frage des Jahrhunderts wird.

Die Lösungen? Die ETH-Forscherin Sibylle Wälty sagt, mit mehr Wohnungen in den Städten würden sich die Mieten senken. Skeptiker sagen, dass das Bedürfnis an Wohnraum in der Stadt nie gestillt werden könne und so viel Geld im Umlauf sei, dass Privatpersonen noch lange überboten würden. Also braucht es wohl gleichzeitig, was die politischen Vorstösse fordern: Mehr staatliche oder genossenschaftliche Wohnungen, aber auch ein strenges Mietrecht oder sogar Verbote wie in Neuseeland, wo seit einem Jahr Ausländer keine Häuser mehr kaufen dürfen.

Dezentral gibs nicht mehr

Eine Frage bleibt noch: Warum wollen die Schorenbewohner nicht aufs schöne Land ziehen? In der Schweiz, wo die Pendlerwege im internationalen Vergleich relativ kurz sind, hat es mit der Aufwertung der Städten zu tun. Sogar Familien wollen heute lieber bleiben.

Aber Menschen ziehen auch in lautere und weniger gemütliche oder saubere Städte. Es hat einiges zu tun mit dem Post-Töffli, das schwer beladen vorfuhr, als ich die Schorenblöcke besuchte: Fast alles können wir heute online bestellen und heim liefern lassen. Von da, wo die Firma ihren Sitz hat. Meist nahe einer Grossstadt mit guter Anbindung an den Verkehr. Die Welt zieht sich wie Quecksilber auf wenige grosse Flecken zusammen.

 

Der Film «Push – für ein Grundrecht auf Wohnen» läuft nächste Woche noch im Kino Kosmos in Zürich und in Schwyz.

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