Da steht es. Am letzten Tag der Reise. Als hätte es auf den Moment gewartet: ein Leopardenweibchen. Und was liefert es pünktlich zur Abfahrt von der Nambwa Tented Lodge zum Flughafen von Katima Mulilo für ein Finale? Ein Sprung hinauf in eine Akazie, wo der Lohn seiner vergangenen Nachtschicht hängt, eine schon ziemlich zerfledderte Impala-Antilope, zoom und klick. Stechender Blick der kräftigen Katze in die Kamera, klick, klick. Biss des Leopards in die Impala, klick, klick, klick.

Man tut gut daran, vor einer Pirschfahrt durch den Nationalpark Bwabwata auf einen gut geladenen Akku und genug Platz auf der Speicherkarte im Fotoapparat zu achten – selbst, wenn eigentlich nur noch die Heimreise auf dem Programm steht. Auch soll es Menschen geben, die ein Vogelbestimmungsbuch während einer Tour durch diese Region für verzichtbar halten. Womöglich haben sie noch nie etwas von der vielfältigen Vogelwelt mit mehr als 300 Arten gehört. Meist gehört das Augenmerk ja auch anderen Dingen: Den Flusspferden und Büffeln am Wasser. Dem beeindruckenden Antilopenschauspiel. Und natürlich den imposanten Elefantenherden von teilweise mehreren hundert Tieren, die durch den Caprivizipfel ziehen.

Caprivizipfel. So wird das kartografische Kuriosum im Nordosten Namibias immer noch häufig genannt, und trotz eines touristischen Aufschwungs in den vergangenen Jahren ist es weiterhin so, dass diese Region von vielen Namibia-Besuchern links liegen gelassen wird. Das kommt nicht von ungefähr. Weit vom Zentrum mit seiner Hauptstadt Windhoek entfernt, ist der Caprivi als eine Art Nebenwirkung des Helgoland-Sansibar-Vertrags von 1890 zwischen Grossbritannien und Deutschland schon immer ein wenig das Stief- und Sorgenkind gewesen. Die deutschen Kolonialisten haben den Streifen Land, der als erster territorialer Baustein für einen Übergang in die Ländereien Deutsch-Südostafrikas gedacht war, nie richtig besiedelt.

Bereiche wie der heutige Nationalpark Bwabwata wurden während des namibischen Unabhängigkeitskampfs von der South African Defence Force als Militärgebiet genutzt. Und nach der Unabhängigkeit 1990 gab es hier den einzigen bewaffneten Konflikt in Namibia.

Vielen ist die Ecke noch heute ein wenig zu, nun ja, afrikanisch-abenteuerlich. So manch Interessierten hält schlicht das Malaria-Risiko fern, das in vielen anderen Landesteilen nicht besteht. Es regnet auch oft mehr als 700 Millimeter pro Jahr, was diverse Flecken an der Küste in drei Jahrzehnten nicht haben. Irgendwie passt die grüne Sambesi-Region – so der von kolonialem Ballast befreite Name für die allerdings nicht ganz deckungsgleiche Caprivi-Region – mit seinen Wäldern und Sümpfen auch gar nicht zu dem Land, es trägt den Namen einer Wüste – der Namib – sogar im Namen. Während die vielen Trockenflussbette in Restnamibia meist nur wenige Monate Wasser führen, kreuzen und rahmen den 450 Kilometer langen Streifen mit Okavango, Kwando und Sambesi gleich mehrere grosse Flüsse.

Grenzenlose Tierwelt

Dabei ist die Region Sambesi in Wirklichkeit eine Bereicherung für das Land. Neuere Bestrebungen gehen sogar dahin, einen Teil der Ländereien, die einst zerstückelt wurden, zumindest für die Tierwelt wieder zusammenzufügen. Das Projekt heisst Kavango Zambezi Transfrontier Conservation Area, kurz KaZa. Seit der offiziellen Gründung 2011 ist es das grösste Schutzgebiet Afrikas und umfasst etwa eine Fläche von der Grösse der Schweiz, Deutschlands und Österreichs zusammen.

Geschaffen wurde es vor allem, um den hier lebenden Elefanten Wanderungen ohne Grenzen zu erlauben. Bis zu 300'000 Tiere, mehr als irgendwo anders auf der Welt, sollen im KaZa-Gebiet leben. Und die Sambesi-Region liegt direkt auf der Migrationsroute.

Natürlich ist KaZa vor allem eine gewaltige Vision, ein auf fünf südafrikanischen Staaten verteilter Flickenteppich aus Nationalparks und anderweitig geschützten Gebieten, etwa den Communal Conservancies. Dahinter verbirgt sich eine namibische Besonderheit. Steve Felton, Kommunikationsexperte von WWF Namibia, findet heute: «Wir hatten sehr viel Glück, dass die namibische Regierung bei der Unabhängigkeit 1990 sehr naiv war und so etwas wie die Communal Conservancies einrichtete.»

Inzwischen gibt es mehr als 80 dieser Gemeindeschutzgebiete, vor allem an den Rändern des Landes, in denen noch heute ein Grossteil der einst in die Peripherie verdrängten Bevölkerungsgruppen lebt. Indem man sich in den Communal Conservancies auf nachhaltigen Tourismus und Trophäenjagd als Glücksformel geeinigt hat, ist tatsächlich eine Win-win-win-Strategie entstanden: ein Nutzen für Touristen, Einheimische und Tierwelt gleichermassen. Denn der Tourismus generiert in den Communal Conservancies nicht einfach nur Arbeitsplätze.

Vielmehr wird die lokale Bevölkerung an jeder Lodge und jedem Zeltplatz, jeder Pirsch und jedem bezahlten Abschuss beteiligt, manchmal direkt über Umsatz oder verteiltes Wildfleisch, manchmal indirekt über den Bau von Schulen, Krankenstationen oder die Kompensation durch Wildschäden. Weil zudem das Wild einen echten Wert erhält, wird der Schutz der Tiere nicht nur durch die Brille der Umweltschützer interessant. Namibier verweisen in dem Zusammenhang auf Erfolge wie eine Verdreifachung der Elefantenpopulation von 7500 auf 22'500 innerhalb von zwei Jahrzehnten im Land. Felton spricht von «erstklassigem, vom Tourismus getriebenem Naturschutz».

Auch dank der Communal Conservancies ist KaZa nicht allein eine Vision von Regierungen, Organisationen wie dem WWF oder Geldgebern wie dem deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, das dem Schutzgebiets-Projekt bislang 35,5 Millionen Euro an Unterstützung zusagte. Der Begriff scheint sich vielmehr ganz langsam zur übergeordneten Leitidee von Dorfgemeinschaften und Tourismusverantwortlichen zu entwickeln.

Man trifft sogar durchaus Touristiker, die der Meinung sind, dass sich KaZa als Destination eher über Privatunternehmer wie etwa Lodgebetreiber weiterentwickeln kann als über eine Kooperation der oft in Grenzen und Visa denkenden Staaten.

Elefanten unter Zelt-Plattformen

Tinus Adriaanse, den Manager der Nambwa Tented Lodge, darf man beispielsweise getrost zu jenen Menschen zählen, die das Grossprojekt sehr gut finden. Er sagt: «Es wäre schön, wenn KaZa eine eigene Destination werden würde.» Die ziemlich hochpreisige Nambwa Tented Lodge steht als winziger Baustein von KaZa ja wirklich mittendrin im Geschehen, und das in jeder Hinsicht. Die lokale Mayuni-Gemeinschaft stellt nicht nur 90 Prozent der Angestellten, sondern hält auch 15 Prozent der Anteile an der Anlage. Errichtet wurde sie auf einer bewaldeten Insel im Schwemmland des Flusses Kwando, und zwar auf Stelzen, inmitten gewaltiger Bäume wie Jackalberry, Teak und Knobthorn. Die einzelnen Plattformen mit Zelten sind durch Holzstege verbunden, unter denen sogar Elefanten marschieren können. Sofern sie gerade in der Gegend sind.

Spät am Abend, nachdem man vom Sundowner am Fluss in jener Hochstimmung zurückkehrt, in die einen nur Afrika versetzen kann, sagt Tinus Adriaanse aber auch: «Das Problem ist, dass viele gar nicht wissen, was KaZa eigentlich ist.» Aber vielleicht ist ein Leopard zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Baum auch viel wichtiger.