Coronavirus

Gelangweilte Affen, beliebte Hunde: Die Situation für Tiere in der Quarantäne

Mögen Menschen als Beschäftigung: Gorillababy, Zoo Basel

Mögen Menschen als Beschäftigung: Gorillababy, Zoo Basel

In Tierheimen wird vermehrt nach temporären Hunde-Adoptionen gefragt, derweil ist es den Zootieren zu ruhig.

Die Zoos sind leer. Statt mehrerer Tausend Menschen pro Tag sehen die Tiere in Basel und Zürich derzeit nur ab und zu einen Tierpfleger oder eine Gärtnerin. Bei den Menschen ist von Entschleunigung die Rede. Für die Affen ist es schlicht langweilig. «Affen gucken normalerweise intensiv den Besucherinnen und Besuchern zu», sagt Kurator Adrian Baumeyer vom Zoo Basel. «Gerade für Menschenaffen sind Menschen eine der wichtigsten Beschäftigungen. Das kann man nicht ersetzen.»

Eine ähnliche Situation gab es bereits vor einigen Jahren, als wegen des Umbaus des Affenhauses ein Jahr lang kein Besuch zu den Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen durften. «Wir haben damals verschiedenes ausprobiert, zum Beispiel mit Fernsehgeräten», sagt Baumeyer. «Aber es hat nicht funktioniert. Die Affen wollen die echten Menschen sehen.» Allerdings zeigte sich auch, dass die Tiere ein solche langweiligere Phase gut überstehen. «Die Menschenaffen schlafen etwas mehr. Aber wir sehen kein stereotypes oder depressives Verhalten.»

Ähnlich tönt es aus dem Zoo Zürich. Insbesondere die Gorillas nähmen die Veränderung wahr. Wenn nun jemand im Besucherraum auftauche, sei sie oder er die grosse Attraktion. Das Personal versucht in beiden Zoos, den Menschenaffen zusätzliche Beschäftigung zu bieten.

Auch Zebras registrieren, dass weniger Besucher da sin

Wer ebenfalls sichtbar auf die Krise reagiert, sind in Basel die Zebras. «Wenn jemand am Gehege vorbeigeht, folgen die Zebras der Person mit den Augen und Ohren», beobachtet Baumeyer. Das erklärt sich für den Biologen durch die Instinkte eines Fluchttiers: Ihre natürlichen Feinde sind nicht in Herden unterwegs, einzelne Lebewesen wirken auf sie weit gefährlicher.

Haustiere dürfen nicht zu Ersatzspielzeug für die Kinder werden

Während in Zoos die Menschen ausbleiben, erleben Haustiere genau das umgekehrte. In vielen Haushalten ist plötzlich den ganzen Tag über jemand zu Hause. Die Erwachsenen machen Home Office, die Kinder haben schulfrei. Helen Sandmeier, Mediensprecherin beim Schweizer Tierschutz STS, freut dies grundsätzlich: «Für das Tier kann es positiv sein, wenn die Tierhalterin oder der Tierhalter mehr Zeit hat, sich um es zu kümmern. Wenn der Hund einmal mehr nach draussen kommt, ist das super.» Jedoch dürften die Haustiere auf keinen Fall zum Ersatzspielzeug werden, an denen die Kinder ihre Langeweile auslassen.

Vor zu viel Aktivität warnt auch die Hundeschule Dogrelax. Die Routine im Tagesablauf soll für den Hund möglichst beibehalten werden, heisst es dort.

Auch Tierheime spüren, dass sich in diesen Zeiten mehr Menschen für Hunde interessieren: Die Anfragen für Adoptionen häufen sich. Offenbar sehen sich viele nach Gesellschaft durch Tiere, weil sie kaum mehr andere Menschen sehen. «Ich befürchte, diese Wünsche sind nicht nachhaltig», sagt dazu Helen Sandmeier vom Schweizer Tierschutz. «Im Moment haben die Leute Zeit. Aber was, wenn sie dann wieder auswärts arbeiten?»

Kurzfristige Tier-Adoptionen sind für Tier nicht gut

Manche Heime berichten auch von Anfragen nach befristeten Adoptionen. Was gut gemeint ist, ist mit Rücksicht auf das Tierwohl aber keine Option; das Hin- und Her wäre zu stressig für einen Hund. In Spanien wurden gar Hunde zum Mieten angeboten – dies aber aus einem ganz praktischen Grund: Wer Gassi geht, kann die Ausgangssperre umgehen. Zu diesem Zweck einen Hund zu missbrauchen, droht aber nicht nur dem Tier, sondern auch dem Menschen zu schaden. Zwar ist es äusserst unwahrscheinlich, dass der Hund selbst das Virus trägt und weitergibt, aber über das Halsband oder die Leine wäre dies durchaus möglich.

In China sollen derweil Haustiere ausgesetzt worden sein, weil die Besitzerin oder der Besitzer eine Ansteckungsgefahr durch das Tier fürchteten. Diese falschen Ängste rühren wohl daher, dass das Virus wohl tatsächlich in Tieren seinen Ursprung hat: Es stammt vermutlich von Fledermäusen und könnte via Gürteltiere auf den Menschen übergegangen sein. Inzwischen hat China deswegen den Handel mit Wildtieren weitgehend verboten.

Raus mit dem Hund: das wünschen sich gerade viele.

Raus mit dem Hund: das wünschen sich gerade viele.

Indirekt profitieren Wildtiere in China also von der Pandemie. Weniger klar ist, ob sich die Krise auch hier auf sie auswirkt. Sandra Gloor, Leiterin des Projekts «Stadtwildtiere», sagt: «In der Regel reagieren Wildtiere nicht so kurzfristig auf Veränderungen der Umwelt.» Wenn derzeit mehr wilde Tiere beobachtet würden, sei dies wohl eher darauf zurückzuführen, dass die Menschen mehr Zeit auf dem Balkon oder im Garten verbringen und mehr nach draussen blicken. «Mittelfristig könnten aber zum Beispiel Füchse oder Dachse ihre Aktivitätszeiten ausdehnen oder geschlossene Pärke wie die Seeanlagen in Zürich stärker nutzen.»

Vogelmännchen erfolgreicher bei der Balz

Besonders schnell passen sich gewisse Vögel an veränderte Umweltbedingungen an. «Studien mit Rohrammern haben gezeigt, dass die Vögel unmittelbar auf den Lärm reagieren und den Gesang dem Lärmpegel sofort anpassen können», lässt die Vogelwarte Sempach verlauten. Die Vögel singen in einer lauten Umgebung höher, um sich vom Lärm abzuheben. Trotzdem gelingt es den Männchen an lärmigen Orten wesentlich schlechter, ein Weibchen zu finden.

Nun fällt der Lockdown zusammen mit der Balzzeit vieler Arten – das könnte die Paarung vereinfachen und den Vögeln zu mehr Erfolg beim Brüten verhelfen.

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