Corona-Kolumne

Gegen die Angst: ein Plädoyer für die frische Luft

Es wird Frühling, und die frische Waldluft ruft.

Es wird Frühling, und die frische Waldluft ruft.

In Zeiten des Verzichts besinnt man sich oft auf jene alltäglichen Dinge, denen man im Alltag kaum Beachtung schenkt; die Freiheit, jederzeit nach draussen gehen zu können etwa. Warum wir jetzt erst recht an die frische Luft gehen sollten.

Das Wetter tut, als wäre schon April. Gestern noch Dauerregen und fieser Wind, heute mild und Sonnenschein. Mit den Wetterwechseln wechselt auch meine Stimmung: Ist es grau und trüb, fällt mir Dauer-Gute-Laune zuweilen schwer in den künstlich beleuchteten Büroräumen.

Ist es hell und frühlingshaft, sieht die Welt gleich fröhlich aus. Auch, weil ich dann öfter mal vor die Tür gehe, mich bewege an der frischen Luft, mir die Sonne ins Gesicht scheinen lasse. Dass ich das in diesen Tagen und Wochen mehr denn je als Momente des Glücks wahrnehme, dafür kann einmal mehr der Corona-Virus etwas. Ein geeigneter Sündenbock derzeit.

Wie die meisten Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes befinde auch ich mich nicht in Quarantäne und gehöre auch ich nicht zu der gefährdeten Bevölkerungsgruppe. Das erlaubt mir, ohne grosse Angst über die Dinge nachzudenken, in denen wir gerade stecken oder die noch auf uns zukommen könnten. Es mag einigen so gehen wie mir: Die Zeit der Einschränkung macht mich einiger Selbstverständlichkeiten bewusst, denen ich vorher keine oder kaum Beachtung schenkte. Die Möglichkeit, nach Lust und Laune vor die Tür gehen zu können etwa.

Jetzt, wo es Frühling wird und es morgens wieder früher hell ist. Jetzt, wo die Vögel munter zwitschern und erste bunte Blumen das Wintergrau vertreiben, beschämt es mich zuweilen gar, dass ich noch nie auch nur einen Gedanken an den glücklichen Umstand verlor, dass ich mich immer schon frei bewegen konnte und kann. Und obschon ich die meiste Zeit des Tages in geschlossenen Räumen verbringe, an einem Schreibtisch oder Küchentisch oder auf einem Sofa sitze: Es geschieht immer freiwillig. Und nicht, weil mich äussere Umstände dazu zwingen.

Oft wissen wir nicht, was wir haben, bis wir es verlieren oder bis es zumindest droht, verloren zu gehen. In Zeiten des Corona-Virus trifft das auf viele Dinge zu: die Selbstverständlichkeit, überall hin reisen zu können. Volle Supermarkt-Regale. Ein schier endloses Kulturangebot. Offene Grenzen. Gesundheit.

Die Freiheit, nach draussen gehen zu können, besitzen wir. Wer sich mit einer vollen Vorratskammer darauf einstellt, die Wohnung irgendwann nicht mehr verlassen zu können, bereitet sich vor auf das Schlimme, das noch nicht eingetroffen ist und vermutlich auch nie eintreffen wird. Und vergisst dabei, dass das Gute jetzt schon da ist.

Übrigens: Social Distancing, das Vermeiden von Menschenmassen und die Stärkung des Immunsystems funktioniert bei einem Spaziergang im Freien sehr gut. Die kommenden Tage könnten das geeignete Frühlingswetter dazu liefern.

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