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Familienmuster: Eltern geben ihren Kindern nicht nur Grösse und Augenfarbe weiter

«Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.» Eine zu Tode gerittene Redensart, die trotzdem wahr ist.

«Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.» Eine zu Tode gerittene Redensart, die trotzdem wahr ist.

Grösse und Augenfarbe sind erblich, klar. Aber was ist mit Verhaltensweisen, Marotten und – ja, auch Schicksalen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden? Wer sucht, findet oft ein Familienmuster.

Draussen ist Sommer. Drinnen schiesst sich Ernest Hemingway mit der Schrotflinte in den Kopf. Das war 1961. 35 Jahre später bringt sich seine Enkelin Margaux mit Tabletten um. Sie ist das fünfte Familienmitglied innerhalb von drei Generationen, das Selbstmord begeht.
Ja, die Hemingways sind eine Ausnahmefamilie. Mit besonders herausragenden Talenten, besonders tiefen Tälern und besonders dunklen Schatten. Ein überdimensionales Familienschicksal in Moll.

Aber sind sie wirklich so anders als kreuznormale Familien? Hat nicht jede Familie eine Art Muster? Ja, hat fast jede. Und längst ist das nicht nur die markante Nase mit der, wie vergilbte Fotos beweisen, schon diverse Familienmitglieder gestraft waren.
Da sind Familien – wie die der Autorin – in denen sich eine beachtliche Gruppe Familienmitglieder lieber einen Zeh abhacken liesse, als mit jemand anderem vom selben Löffel zu essen.

Trennen und erziehen

Woran liegt das? Weshalb zeigen viele Familien Muster wie Zebras Streifen? Liegt es an den Genen? Der Erziehung? Am Zufall? Oder gibt es tatsächlich so etwas wie Schicksal, ein Familiengespenst, das nicht nur in alten Schlössern, sondern auch in Reihenhäusern mit Einbauküche spukt?

Fred Berger, Professor für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Generationenverhältnisse an der Universität Innsbruck, hats nicht so mit Gespenstern. Selbst das Wort «Schicksal» ist ihm zu adipös. «Aber Schicksalsschläge, ja, die gibt es. Und einen familientypischen Umgang mit Schicksalsschlägen – den gibt es natürlich auch.» Die Art und Weise mit den Schlaglöchern des Lebens umzugehen, Realität und Probleme aufgrund bestimmter Wertvorstellungen in die ein oder andere Richtung zu deuten, die werde zum Teil von Generation zu Generation weitergegeben. «International gut erforscht ist das etwa bei Scheidungskindern», sagt Fred Berger. «Scheidungskinder werden – statistisch gesehen – deutlich häufiger selber wieder geschieden als Kinder aus sogenannten intakten Familien. Das haben wir mit unserer über 30 Jahre dauernden Zürcher LIFE-Studie belegen können.»

Auch eine weitere Untersuchung der Uni Düsseldorf zeigt, dass alleinerziehende Mütter doppelt so oft wie andere Mütter aus Scheidungsfamilien stammen. Kommt auch der Vater aus einer Trennungsfamilie, steigt das Risiko weiter. «Gründe für diese ‹Intergenerationale Transmission› gibt es viele», erklärt Berger. Zunächst trennten sich heutzutage weitaus mehr Paare als früher, weil etwa das Stigma «geschieden» keines mehr sei und Frauen häufiger als früher finanziell auch ohne «Ernährer» ganz gut bestehen könnten. Für die «soziale Vererbung» von Scheidung spiele dann insbesondere eine Rolle, was Kind und Heranwachsendem in der eigenen Familie vorgelebt worden sei, welches Vorbild die Eltern gegeben hätten im Umgang mit Konflikten, beim Vertragen, in Diskussionen und bezüglich der Einstellung zu Krisen. «Da stehen sich – vereinfacht ausgedrückt – zwei Positionen gegenüber», so Berger: «‹Durchhalten und Probleme zu lösen versuchen› gegen ‹einen schnellen Schlussstrich ziehen›.»

Manche Redensart ist ausgeleiert, staubig, zu Tode geritten – und trotzdem wahr. «Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm» ist so eine. Denn wenn sich auch jede neue Generation für wahnsinnig originell und fortschrittlich im Umgang mit ihrem Nachwuchs hält – richtig ist: Verlässlich wie der Brauch, alle Jahre wieder die fettige Weihnachtsgans aufzutischen, vererbt sich innerhalb von Familien auch der Erziehungsstil. Studien belegen: Wie erzogen wird, ist Familientradition. Lockere Eltern werden locker erzogene Enkel bekommen, und die meisten werden wahrscheinlich ausserdem ihre politische Meinung vererben.

Jemand wie der deutsche Vizekanzler und Sozialdemokrat Sigmar Gabriel, der trotz eines überzeugten Nazis als Vater neulich einem Aufmarsch rechten Pöbels öffentlich den Mittelfinger zeigte, gehört zur Minderheit. Wird doch ein Kind hinsichtlich seiner Wertorientierungen nicht nur von seinen Eltern geprägt, indem es miterlebt und mithört, sondern politische Orientierungen scheinen sich in Gene und Gehirn einzuschreiben. Mit einer Trefferquote von über 80 Prozent lässt sich etwa voraussagen, welche Partei eine Person wählen wird, beobachtet man deren Gehirnaktivität. Das behaupten Wissenschafter der University of California in San Diego und der britische Forscher Ryota Kanai.

Vererbt oder anerzogen?

Sucht man also nach Familienmustern, scheinen die Gene über Nasenform, Körpergrösse und Haarfarbe hinaus ein Wörtchen mitzureden. Manchmal ein lautes (siehe Interview mit Isabelle Mansuy).

«Ach, die ewige, uralte Anlage–Umwelt-Diskussion …», sagt Berger. «Bei Verhaltensweisen wird man wohl noch lange nicht endgültig klären können, was vererbt und was anerzogen ist.» Simple Wenn-dann-Erklärungs-Modelle taugen hier nicht, schliesslich werden Ereignisse von jedem Menschen individuell bewertet. Schreckt die Erzählung der Mutter ab, wie sie damals die Schule schmiss und sich anschliessend mit Jobs durchwurschteln musste? Oder kommt stattdessen im Kinderohr an: Wow! Abenteuerlich! Spannend! Mach ich auch!? «Wir können meist nur statistische Zusammenhänge gesichert feststellen», erklärt Berger. «Was Ursachen und was Wirkung ist, lässt sich sehr schwer belegen.»

Fazit bislang: deutliche Familienmuster, offene Fragen, lose Fäden. Aber mit Fäden lässt sich gut stricken. Legenden beispielsweise. Das Familienschicksal der Hemingways, die Biografien der Manns, der Gettys oder jener legendäre «Fluch der Kennedys» … alles prima Material für Boulevard und Hollywood.

Denn woran liegt es beispielsweise, dass bei den Kennedys kaum einer friedlich und alt im Bett starb? An einem «bösen Schicksal»? Letzte Antworten gibts nicht. Aber vorletzte. Statistische Zusammenhänge zeigen:

  • dass für Kinder aus Alkoholiker-Familien ein siebenfaches Risiko besteht, selbst Suchtprobleme zu bekommen. 30,8 Prozent der Trinker einen trinkenden Elternteil aufweisen, Mädchen mit einem Alkoholiker als Vater 2,5 Mal häufiger als andere Frauen später einen Partner mit Alkoholproblemen wählen.
  • dass wirtschaftlich erfolgreiche Eltern häufig finanziell erfolgreiche Kinder haben. Weil sie Geld als Startkapital vererben und, wie Volkswirtschafter der Uni Bonn herausgefunden haben, weil sie die Charaktereigenschaften Mut, Risikofreude und Vertrauen weitergeben.
  • dass 38 Prozent der Berufsmusiker von Berufsmusikern abstammen.
  • dass ein Viertel aller Ärzte einen Elternteil haben, der Arzt oder Ärztin ist.
  • dass Depressionen innerhalb der Familie das Risiko vervierfachen, selbst an Depressionen zu erkranken.
  • dass von 16 Rhesusäffchen, die von ihrer Mutter geschlagen oder gebissen wurden, ihre Kinder schlagen und beissen. Und 0 von 16 Äffchen, die lieb behandelt wurden. (Bei Menschen wird – statistisch – jedes zweite geprügelte Kind später auch seine Kinder schlagen.)

Unerforscht ist bislang, warum sich Familien bis ins dritte Glied, über verschiedene Haushalte, Städte, Ländergrenzen hinweg vor Ekel schütteln, beim blossen Gedanken, jemand könnte von ihrem Löffel gegessen haben.

Dies ist ein Beitrag aus «wir eltern». Die aktuelle Ausgabe ist jetzt am Kiosk erhältlich.

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