Coaching-Boom

Experte: «Ein geschützter Berufstitel wäre das Beste»

Hansjörg künzli forscht an der Zürcher Fachhochschule für Angewandte Wissenschaften zum Thema Coaching.

Hansjörg künzli forscht an der Zürcher Fachhochschule für Angewandte Wissenschaften zum Thema Coaching.

Hansjörg Künzli über die Risiken von falschem Coaching, Erfolgsstorys und coachende Spitzensportler.

Herr Künzli, was ist das eigentlich, Coaching?

Hansjörg Künzli: Coaching ist Hilfe zur Selbsthilfe. Woher der Begriff stammt, ist unklar. Vermutlich aus dem tschechischen Wort für Kutsche (‹kočár›). In den USA ist der Coach vor allem der Trainer im Sport. Beim Coaching geht es aber nicht primär darum, jemanden zu Spitzenleistungen anzutreiben, sondern jemanden dabei zu unterstützen, schwierige Situationen zu meistern oder ein Problem zu lösen.

«Coach» darf sich jeder nennen. Sie warnen vor Scharlatanen. Wie können sich professionelle Coaches von ihnen abheben?

Ein geschützter Berufstitel wäre das Beste. Bis heute existiert der aber nicht. Ich vergleiche das gerne mit dem Verbraucherschutz bei Konsumgütern. Würden Sie eine Zahnbürste kaufen, die keine Qualitätskontrolle überstanden hat?

Nein.

Eben. Beim Coaching aber gibts heute faktisch keine solche Qualitätskontrolle. Viele gehen durch eine zwei-, dreitägige Schnellbleiche. Ich mache niemandem Vorwürfe. Wer eines Morgens entscheidet, dass er jetzt ein Coach sein will, der hat das Recht, das zu tun. Aber die heutige Situation ist eben auch für Ratsuchende problematisch.

Warum eigentlich?

Weil oberflächlich oder gar nicht ausgebildete Coaches psychische Störungen und Krankheiten nur unzureichend Erkennen können. Wenn Sie an einer Depression leiden und der Coach bei Ihnen einfach ein bisschen Stress am Arbeitsplatz feststellt, dann ist das gefährlich. Man braucht nicht gleich ein Medizinstudium, aber ein bisschen eine Ahnung sollte man von diesen Dingen schon haben.

Sind Ihnen konkrete Fälle bekannt, in denen Coaching zu gefährlichen Situationen geführt hat?

Was es zum Beispiel gibt, sind Fälle, in denen Coaches das Gefühl hatten, dass sie ihre Klienten ganz genau durchschauen und ihnen vorschnell Lösungen überstülpten. Ein Beispiel: Ein Coach bringt seinen Klienten dazu, den unfairen Chef direkt zu konfrontieren. Daraufhin wird der Klient von ebendiesem Chef entlassen, weil der Coach die Situation falsch eingeschätzt hatte. Coaches sollten ihren Klienten mögliche Wege erarbeiten, sie selbst entscheiden lassen und ihnen nicht einfach eine Lösung überstülpen.

Eine Beratungsstunde bei einem professionellen Coach kostet zwischen 180 und 300 Franken. Zahlt sich das für Hilfesuchende aus?

In den meisten Fällen schon. Erfolgsgeschichten gibt es viele. Wir haben mal bei einem Grosskonzern, der einige seiner Mitarbeiter in ein Coaching schickte, nachgefragt und zahlreiche Rückmeldungen erhalten. Alles Erfolgsstorys. Ein Mitarbeiter, der völlig überarbeitet war und seine Familie kaum noch zu sehen bekam, lernte im Coaching Nein zu sagen und zu delegieren. Er macht heute nicht nur viel weniger Überstunden, sondern schläft auch besser und fühlt sich viel wohler mit seiner Familie.

Coach heisst übersetzt – wie Sie angetönt haben – Kutsche. Ein Coach zieht also seine Klienten, treibt sie an. Dieses stete Streben nach immer mehr Leistung ist doch eigentlich problematisch, oder?

Das sind zwei Fragen. Wie arbeitet ein Coach und bei welchen Zielen unterstützt er seine Klienten. Zum einen hoffe ich, dass kein Coach seine Klienten antreibt oder zieht. Mit der zweiten Fragen sprechen Sie einen uralten Konflikt an. Ist der Coach Erfüllungsgehilfe einer überdrehten Leistungsgesellschaft oder der gute Samariter? Einerseits hilft man Menschen zwar dabei, mit ungünstigen Rahmenbedingungen zurechtzukommen, ohne dass sich diese Bedingungen ändern. Andererseits aber ist Coaching auch ein emanzipatorischer Prozess.

Wie meinen Sie das?

Die Leute lernen, besser mit sich selber umzugehen. Das hat oft auch positive Auswirkungen auf ihr Umfeld, also zum Beispiel auf die Familie oder die Mitarbeitenden.

Es gibt heute eine ganze Armada von Leuten ohne psychologische Ausbildung, zum Beispiel ehemalige Spitzensportler oder Astrologinnen, die sich als Coaches und persönliche Berater anbieten. Was halten Sie davon?

Das ist in meinen Augen einfach ein völlig anderes Angebot, das wenig mit dem klassischen Coaching zu tun hat. Ein Spitzensportler weiss sicher unglaublich viel über Spitzensport und kann seinen Klienten etwas über effiziente Bewegungsabläufe oder über Motivation beibringen. Ob er aber ein Fachmann für zwischenmenschliche Beziehungen ist, das ist doch sehr unklar.

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