Frau Stamm, laut Saalfrank sind nicht mal Strafarbeiten in der Schule o. k. Finden Sie das auch?

Nein. Aber ich möchte nicht von Strafen sprechen, sondern von sinnvollem und konsequentem Handeln. Natürlich ist es besser, wenn Lehrpersonen sinnvollere Konsequenzen bereit haben als Abschreiben. Aber das grössere Problem ist, dass sich Eltern heute oft nicht mehr auf die Seite der Lehrpersonen stellen. So wird dem Kind vermittelt: Ich verhalte mich richtig so, so bin ich halt. Das Gefühl des König-Seins wird verstärkt. Es ist deshalb gut, wenn Lehrpersonen ihr konsequentes Vorgehen mit den Eltern absprechen.

Finden Sie, dass Strafen generell schaden?

Nein, Kinder sind viel widerstandsfähiger, als man denkt. Sie sind keine Pflänzli, die beim ersten Wind grad abknicken. Aber Strafe und Autorität wurden zu bösen Wörtern. Dabei schadet es den Kindern eher, wenn sie nicht lernen, sich zu integrieren und sich anzupassen. Ich befürworte nicht den autoritären, aber den autoritativen Erziehungsstil, bei dem Erwachsene ein bestimmtes Verhalten einfordern. Nicht als Drohung, sondern mit klarer Kommunikation, Regeln und Zuneigung. Sonst kann es zu wirklich schlimmen Strafen kommen.

Welche Strafen sind das?

Der Liebesentzug. Darüber wird viel zu wenig gesprochen. Wenn die Eltern sich nicht mehr getrauen, ihr Kind zu massregeln, greifen sie dafür oft unbewusst zum Liebesentzug: Wenn man tagelang nicht mit einem Kind spricht oder nach einem Streit abends keine Geschichte mehr vorliest, trifft das die Kinder enorm. Auch Schuldzuweisungen sind schlimm, wenn Eltern den Kindern nach einer schlechten Note sagen: «Was habe ich alles für dich getan und jetzt bringst du diese Note heim.» Das ist mindestens so schlimm wie ein Klaps auf den Hintern.

Was wäre eine gute Strafe, wenn sich ein Kind nicht verhält, wie es sollte?

Unser Sohn hat mal mit dem Ball das Fenster einer Nachbarin eingeschlagen. Er sagte nichts und versteckte sich im Zimmer. Als es die Nachbarin meldete, haben wir verlangt, dass er sich allein entschuldigen geht. Wenn man einem Kind hilft, die Konsequenzen seines Handelns zu tragen, bringt es das Kind weiter. Es ist auch gut, wenn man mit dem Kind abmacht, was es für Konsequenzen hat, wenn es noch einmal die Kleider rumliegen lässt. Vielleicht einigt man sich darauf, dass es die Wohnung putzen hilft, wenn es wieder passiert. Allerdings wird es immer schwieriger, sinnvolle Strafen zu finden, je älter die Kinder werden. Im Teenageralter ist es eine echte Herausforderung!

Wie schlimm ist es, wenn die Eltern sich im Tonfall vergreifen?

Ich finde das kein grosses Problem. Im Gegenteil: Für ein Kind ist es schlimm, wenn eine Mutter oder ein Vater perfekt wären und also immer hundert Prozent konsequent und total ausgeglichen reagieren würden. Wichtig, ist, dass man sich nach einer heftigen Episode ausspricht, versöhnt und Eltern auch selbstkritisch sind. So können Kinder am Modell lernen.