Zürich

Erster Coronafall im Frauenhaus: Der Zufluchtsort muss in Quarantäne

Häusliche Gewalt ist in der Schweiz verbreitet. Experten gehen aufgrund des Lockdowns von einem Anstieg aus.

Häusliche Gewalt ist in der Schweiz verbreitet. Experten gehen aufgrund des Lockdowns von einem Anstieg aus.

Weil sich eine Frau mit dem Coronavirus infiziert hat, kann das Frauenhaus Zürich Violetta zwei Wochen lang keine neuen Frauen aufnehmen. Dabei wird gerade jetzt die häusliche Gewalt zum Problem.

Im Frauenhaus Zürich Violetta ist das eingetreten, was die Schutzinstitutionen fürchten: Eine Bewohnerin ist positiv auf das Coronavirus getestet worden. Gestern traf das Resultat ein – und führte zu einem sofortigen Aufnahmestopp: «In den nächsten 14 Tagen können keine neuen Frauen bei uns eintreten. So lange dauert die Quarantäne», sagt Susan A. Peter, Geschäftsleiterin der Stiftung Frauenhaus Zürich.

Damit ist der Zufluchtsort genau zu jenem Zeitpunkt blockiert, in dem Experten aufgrund des Lockdowns vor einer Zunahme von häuslicher Gewalt warnen. Bereits in Italien und China nahmen Übergriffe, Körperverletzungen oder Drohungen in den eigenen vier Wänden zu.

In der Schweiz gibt es zu wenig Schutzplätze

Eine Umfrage von CH Media zeigt: Die meisten Frauenhäuser sind voll. Eine Situation, die allerdings wiederholt eintrifft. «Die Schweiz bietet viel zu wenige Schutzplätze an. Gemäss EU-Richtlinien müsste es hierzulande etwa 800 Schutzplätze geben, in der Realität sind es jedoch nur rund 350», sagt Peter.

Da sich die Lage in den nächsten Wochen zuspitzen dürfte, arbeiten die Frauenhäuser unter Hochdruck daran, neue Zufluchtsorte zu schaffen. «Wer Schutz benötigt, erhält ihn. Wir weisen keine Frauen ab, sondern suchen nach alternativen Unterbringungen», sagt Peter. Das kann in zusätzlich angemieteten Wohnungen oder in anderen Institutionen sein.

Die Bewohnerin, die sich mit dem Coronavirus infiziert hat, bleibt im Frauenhaus. Bislang deuten die Symptome auf einen eher milden Verlauf hin. Deshalb verbringt sie die Quarantäne in ihrem bisherigen Zimmer; isoliert von den anderen. Das Essen wird ihr vor die Tür gestellt und mit den Mitarbeiterinnen spricht sie übers Telefon oder durch die Tür. Wenn sie kurz an die frische Luft will, ruft sie das Team an, damit die anderen informiert und für den nötigen Sicherheitsabstand gesorgt ist.

Im Spital ist es für die Frauen zu gefährlich

Erkranken weitere Frauen am Virus, bleiben auch sie, wenn es der gesundheitliche Zustand erlaubt, im anonymen Zufluchtsort. «Im Frauenhaus sind sie sicherer, als in den Spitälern. Die Frauen sind schliesslich akut von häuslicher Gewalt bedroht», sagt Peter. Doch was, wenn eine Bewohnerin schwer erkrankt und medizinische Pflege benötigt? «Dann muss die Kommunikation mit dem Spital stillschweigend geregelt werden, damit der Gefährder ihren Aufenthaltsort nicht erfährt», sagt die Zürcher Geschäftsleiterin.

Im Frauenhaus tragen nun Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen allesamt Masken und Handschuhe, desinfizieren weiterhin mehrmals täglich die Klinken und organisieren ihren Alltag zwar in Sicherheit vor häuslicher Gewalt, jedoch mit dem Coronavirus. Normalität kehrt frühestens in zwei Wochen ein.

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