Cannabis

Endlich ohne schlechtes Gewissen «einen durchziehen»: Der erste legale Joint ist da

Der Joint sieht aus wie einer, riecht wie einer, knistert wie einer. Wer daran zieht, kann den Rauch unbekümmert in die Luft blasen – in aller Öffentlichkeit. Denn er ist genauso legal wie eine Zigarette. (Symbolbild)

Der Joint sieht aus wie einer, riecht wie einer, knistert wie einer. Wer daran zieht, kann den Rauch unbekümmert in die Luft blasen – in aller Öffentlichkeit. Denn er ist genauso legal wie eine Zigarette. (Symbolbild)

Ein Zürcher Start-up verkauft Hanf als Tabak-Alternative. High wird man davon aber nicht – dafür müde. Wer soll das kaufen? Die «Nordwestschweiz» hat nachgefragt.

Der Joint sieht aus wie einer, riecht wie einer, knistert wie einer. Wer daran zieht, kann den Rauch unbekümmert in die Luft blasen – in aller Öffentlichkeit.

Wahrscheinlich werden Menschen irritiert gucken, den Kopf schütteln, dass sich da jemand traut, einfach so einen Joint anzuzünden. Aber dieser Joint ist genauso legal wie eine Zigarette oder eine Zigarre.

Das Cannabis enthält nämlich kein Tetrahydrocannabinol (THC). Die Tüte macht also niemanden high – auch nicht passiv. Das Gras darf deshalb offiziell – das heisst, mit dem Segen des Bundesamts für Gesundheit BAG – verkauft und geraucht werden.

Den legalen Hanf hat das Zürcher Start-up-Unternehmen Bio Can auf den Markt gebracht. Zusammen mit der Blühauf GmbH haben sie mehrere Jahre an einem Produkt aus THCarmen Cannabisblüten gearbeitet.

100 Prozent Schweizer Hanf, Produkt auf pflanzlicher Basis ohne Tabak, steht auf der Packung, die an ganz normalen Drehtabak erinnert. Jeder ab 18 Jahren kann das Kraut kaufen. Sein Gras sei ein Freizeitprodukt, eine Alternative zum Tabak, sagt Dario Tobler, der Geschäftsführer von Bio Can.

Er findet, der Hanf passe zum Zeitgeist: «Alle wollen gesundheitsbewusst leben, Zigaretten ohne Zusatzstoffe haben sich etabliert – warum also nicht pures Cannabis statt Tabak?»

Eine 10-Gramm-Packung wird maximal 25 Franken kosten. Der Vorteil sei, dass CPure – so heisst das Gras – im Gegensatz zum Tabak kein Nikotin enthalte.

Wie ein Orangenblüten-Tee

Im THC-armen Hanf ist dafür umso mehr Cannabidiol (CBD). Die Wirkungsmechanismen von CBD sind noch nicht vollständig erforscht, wie die Arbeitsgemeinschaft «Cannabis als Medizin» in einem Fachartikel schreibt.

«CBD wirkt entzündungshemmend, angstlösend, anti-epileptisch, entspannt und entkrampft die Muskulatur bei Bewegungsstörungen und hemmt Übelkeit», erklärt Manfred Fankhauser, der in Langnau im Emmental eine Apotheke betreibt und seinen Patienten auch Cannabis-Produkte abgeben darf.

Tobler sagt, ein Joint ohne THC wirke beruhigend und leicht sedierend. «Wie ein Orangenblüten-Tee.» Zu diesem Schluss kommt auch ein «Blick am Abend»-Redaktor, der das Kraut Probe geraucht hat. Er fühlte keinen Rausch, sondern «eine Beruhigung, wie nach Rotwein oder Hopfentee».

Bei Cannabis mit einem THC-Gehalt unter einem Prozent handle es sich um ein neues Produkt, sagt Irene Abderhalden, Direktorin von Sucht Schweiz. «Es gibt noch praktisch keine Erfahrungen in der Schweiz.»

Zwar bestehen Ideen, Cannabis praktisch ohne THC zu produzieren, allerdings nicht als Tabakersatz, sondern als Alternative für Jugendliche mit einem problematischen Cannabis-Konsum. «Sie könnten so weiter Cannabis konsumieren, ohne die psychoaktive Wirkung von THC», sagt Irene Abderhalden.

Ob sich ein solches Produkt durchsetzen kann – als Tabakersatz und auch bei Menschen mit einem problematischen Konsumverhalten –, wisse sie nicht. Bei der Suchthilfe wünscht man sich, dass die Cannabis-Regulierung insgesamt überdacht wird, anstatt immer neue Produkte auf den Markt zu bringen. «Auch der Einsatz von Cannabis zu medizinischen Zwecken ist heute noch restriktiv.»

Egal was, es schadet

Obwohl der THCarme Hanf harmlos und ziemlich langweilig, ja sogar einschläfernd klingt, ist er das nicht: Während das Cannabis verbrennt, entstehen – wie beim Tabak – Kohlenmonoxid und Teer. Die Stoffe gelangen in die Atemwege und Lunge und sind verantwortlich für zahlreiche Krankheiten wie Lungenkrebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

«Studien gehen zudem davon aus, dass ein Joint das Schädigungspotenzial von acht bis 20 Zigaretten aufweist», sagt Claudia Künzli von der Lungenliga. Der einzige Vorteil sei, dass pur gerauchtes Cannabis kein Nikotin enthält. Das Suchtpotenzial ist also geringer.

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