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Eine Kindheit zwischen Heroin und Kokain: So geht es den Platzspitzbabys heute

Die elfjährige Mia (Luna Mwezi) muss ohnmächtig dabei zusehen, wie ihre Mutter Sandrine (Sarah Spale) immer tiefer in die Drogensucht abrutscht.

Die elfjährige Mia (Luna Mwezi) muss ohnmächtig dabei zusehen, wie ihre Mutter Sandrine (Sarah Spale) immer tiefer in die Drogensucht abrutscht.

Der Film Platzspitzbaby erzählt vom Aufwachsen in der Drogenhölle. Über das heutige Leben dieser Kinder ist nur wenig bekannt. Wie geht es ihnen als Erwachsene?

Mia sitzt am Boden und rubbelt die silbrig glänzende Schicht von den Gewinnlosen. Niete. Niete. Niete. Das elfjährige Mädchen schluchzt, weint, schreit. Sie sitzt im Dunkeln, der Strom wurde längst gekappt. Am Ende des Besuchswochenendes hat der Vater ihr hundert Franken zugesteckt – «fürs Essen». Doch Mia braucht mehr Geld. Sie will mit ihrer Mutter auf die Malediven. Für das Mädchen scheint es der einzige Ausweg, um sie dem Heroin zu entreissen.

Die Szene stammt aus dem Film Platzspitzbaby von Pierre Monnard, der heute in die Kinos kommt. Der Film ist inspiriert von der Biografie von Michelle Halbheer. Die heute 34-Jährige hat 2013 ihre Geschichte im gleichnamigen Buch veröffentlicht. Darin schildert sie ihr Aufwachsen als Tochter einer drogensüchtigen Mutter. Schonungslos erzählt sie von Hunger, von Verwahrlosung, von Gewalt.

Mit dem Buch erhielten jene eine Stimme, die trotz ausführlicher Berichterstattung über die Zürcher Drogenszene keine Beachtung fanden: die Kinder vom Platzspitz. Bis heute ist über sie nur wenig bekannt, Studien oder Erhebungen gibt es nicht. Dabei prägte die Drogenszene ihr Leben. Und dies auch noch als Erwachsene, sagt Michelle Halbheer. «Man kann nicht eine Therapie machen und dieses Kapitel abschliessen.»

Der Film erzählt kein Einzelschicksal

Scheinbar alltägliche Situationen konfrontieren Halbheer plötzlich mit Bildern aus ihrer Kindheit. Etwa ein lauter Knall während eines Interviews oder eine Zahnbehandlung.

Mit den Erinnerungen kehren die Emotionen aus der Kindheit zurück, sagt Halbheer. In einer Gesprächstherapie und durch Achtsamkeitstraining habe sie gelernt, die Warnzeichen ihres Körpers wahrzunehmen. Jene Signale, die sie als Kind stets unterdrücken musste: «Sonst hätte ich damals nicht überlebt», sagt Halbheer.

Buch-Bestseller «Platzspitzbaby» kommt ins Kino

Luna Mwezi spielt das «Platzspitzbaby»: «Manchmal habe ich abends nach den Dreharbeiten geweint»

«Platzspitzbaby» ist einer der meist erwarteten Schweizer Filme 2020. Ab 16. Januar läuft die Bestseller-Verfilmung in den Schweizer Kinos. Schauspielerin Luna Mwezi spielt die 11-jährige Mia, die bei ihrer drogensüchtigen Mutter lebt und erzählt im Video, wie sie die Drehtage verarbeitet hat.

Der Film Platzspitzbaby zeigt kein Einzelschicksal. Im Bekanntenkreis von Michelle Halbheer kennen diverse Personen die Drogenhölle des Platzspitzes aus ihrer eigenen Kindheit. Auch sie wuchsen teilweise bei süchtigen Eltern auf. Wie geht es ihnen heute? «Unterschiedlich», sagt Halbheer. Einige führen stabile Beziehungen und seien inzwischen selber Eltern. Andere kämpfen mit einer Drogensucht oder psychischen Problemen. Viele hätten Mühe, Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen. Das münde oft in schwierigen Beziehungen, sagt Halbheer.

Der Trailer zum Film:

Auch das Verhältnis zum Essen sei häufig gestört. «Bei schwer Suchtkranken steht die Finanzierung der Drogen an erster Stelle. Bleibt noch etwas Geld übrig, werden Lebensmittel eingekauft. Das führt dazu, dass ihre Kinder in der Regel keinen normalen Umgang mit Essen lernen», sagt Halbheer. Als Erwachsene würden sie dann zu viel oder zu wenig essen.

Kinder von drogen- oder alkoholabhängigen Eltern fühlen sich für deren Sucht oft mitschuldig

Der Psychotherapeut Georg Kling betreut in der spezialisierten Beratungsstelle Zebra in Winterthur Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien. Die meisten der Eltern sind alkoholabhängig. Welche Substanz konsumiert werde, spiele für das Erleben der Kinder jedoch keine zentrale Rolle, sagt Kling.

Es gäbe nicht ein typisches Verhaltensmuster von Kindern suchtkranker Eltern. Während die einen durch Konzentrationsschwierigkeiten auffallen, sei es bei anderen die Aggressivität. Doch es gäbe auch die «überangepassten Kinder», wie sie Kling nennt. Jene, die alles richtig machen wollen, um Ärger oder Nachfragen zu vermeiden. «Obwohl diese Kinder ebenfalls dringend Hilfe bräuchten, wird ihre Not oft nicht erkannt. Sie fallen schlicht nicht auf», sagt Kling. Das könne schwerwiegende Konsequenzen im Erwachsenenalter haben.

Vater rettet Tochter

Kinder von suchtkranken Eltern haben ein bis zu sechsmal höheres Risiko selber von Alkohol oder Drogen abhängig zu werden. Auch sind sie deutlich häufiger von psychischen Krankheiten betroffen. «Etwa ein Drittel der Kinder schafft es, als Erwachsene ein normales Leben zu führen. Ein Drittel weist mittelstarke psychische Probleme auf und ein weiteres Drittel wird selber schwer süchtig oder psychisch krank», sagt Kling.

Für einige Freunde von Michelle Halbheer wog die Vergangenheit zu schwer. Sie nahmen sich das Leben. «Dass sie keinen anderen Weg für sich gefunden haben, tut mir unglaublich weh. Denn ich weiss, wie sich die Dunkelheit anfühlt», sagt sie. Was hat sie gerettet? «Meine Liebe zu mir selbst – und mein Papi», sagt sie. Als die Mutter schwer drogensüchtig wurde, habe der Vater seiner Tochter in stundenlangen Diskussionen eine Zukunft aufgezeigt. Zudem hätten die Eltern ihr früh vermittelt, dass sie ihnen wichtig sei.

Bis heute werden nicht alle Kinder von suchtkranken Eltern betreut

Wie das Buch von Michelle Halbheer prangt der Film Platzspitzbaby das Versagen der damaligen Behörden im Umgang mit Kindern von Süchtigen an: Ärzte, Polizisten oder Sozialarbeiter, die von den katastrophalen Umständen wussten, aber nicht reagierten. Ist das heute noch möglich? Psychotherapeut Georg Kling sagt: «Die Haltung gegenüber Suchtkranken und die Sensibilisierung für die Situation der Kinder hat sich deutlich verbessert. Es gibt mehr und bessere Hilfsangebote als zu Platzspitzzeiten. Auch empfinden wir die Zusammenarbeit mit den Behörden bei schwierigen Fällen meistens als positiv.» Allerdings mangle es an psychotherapeutischen Angeboten für die Kinder von Suchtkranken, sagt Kling.

Die Stiftung Sucht Schweiz schätzt, dass etwa 100'000 Kinder mit einem Elternteil leben, dessen ausgeprägter Alkohol- oder Drogenkonsum die Familie zerrüttet. Im Februar findet zum zweiten Mal eine Aktionswoche für sie statt. Markus Meury von «Sucht Schweiz» sagt:

Für Michelle Halbheer ist es wichtig, dass suchtkranke Eltern gegenüber ihren Kindern nicht als Täter dargestellt werden: «Bei einer Suchterkrankung gibt es nur Opfer. Entsprechend müssen alle geschützt werden – die Kinder als auch ihre Eltern.»

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