Vor 200 Jahren

Ein Attentat, das nicht zum gewünschten Ziel, sondern zum Gegenteil führte

Zeitgenössische Darstellung des Attentats von Karl Ludwig Sand )hinten rechts) auf den Dramatiker August von Kotzebue.

Zeitgenössische Darstellung des Attentats von Karl Ludwig Sand )hinten rechts) auf den Dramatiker August von Kotzebue.

Vor 200 Jahren gab es keinen deutschen Staat. Der deutsche Student Sand wollte mit der Ermordung des reaktionären Dramatikers August von Kotzebue seine Landsleute aufrütteln. Sein Ziel: Aus dem Flickenteppich diverser Kleinmonarchien einen Nationalstaat zu machen.

Mannheim am 23. März 1819. Der 23-jährige Student und Burschenschafter Karl Ludwig Sand spricht vor im Haus des Schriftstellers August von Kotzebue. Unter dem Vorwand, er bringe Briefe von der Mutter des damals weltberühmten Literaten, verschafft er sich Einlass. Kotzebue empfängt Sand im Wohnzimmer, sofort greift der Student den Weltliteraten an, sticht zuerst mit einem Dolch ins Gesicht, dann stösst er ein kleines Schwert in die Brust Kotzebues. Während seiner Tat ruft Sand: «Hier, du Verräter des Vaterlandes!» Der Schriftsteller sinkt zusammen und stirbt kurz darauf. Sand versucht sich mit zwei Stichen in die Brust das Leben zu nehmen, überlebt aber schwer verletzt und wird festgenommen. Im Wohnzimmer des Schriftstellers treffen zwei Vertreter der damals vorherrschenden, um die Deutungshoheit ringenden politischen Richtungen jener Zeit aufeinander. Auf der einen Seite der junge Student und Burschenschafter, der für ein vereintes Deutschland mit Pressefreiheit und Volksvertretung eintritt. Auf der anderen Seite der konservative Autor, der den Flickenteppich der deutschen Monarchien, lose zusammengehalten im Deutschen Bund, beibehalten will. Immer wieder hetzte Kotzebue vor seinem Tod in seinen Schriften gegen die neue Bewegung.

Deutschland nach 1815.

Deutschland nach 1815.

Auftritt Fürst Metternich

Auf dem Wiener Kongress von 1815 wurde die alte Ordnung wiederhergestellt, die von Napoleon in den Jahren zuvor auf den Kopf gestellt worden war. Die Hoffnung der deutschen Nationalisten, der gemeinsame Kampf gegen Napoleon würde zur Bildung eines starken, einheitlichen deutschen Staates führen, wurde auf dem Kongress arg enttäuscht. An die Stelle des vormaligen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation trat der Deutsche Bund mit seinen vielen Fürsten und Herzogen, Königen und Kaisern.

Entsprechend schockiert zeigen sich die Herrschenden über die blutige Tat. Die Sorge vor Unruhen und gar Revolutionen wuchs. Ab dem 6. August 1819 treffen sich als Reaktion auf den Mord Vertreter der deutschen Staaten auf einer geheimen Konferenz in Karlsbad, dem heutigen Karlovy Vary in Tschechien.

Geladen hat eine der prägendsten europäischen Figuren des 19. Jahrhunderts: der österreichische Aussenminister Fürst Klemens von Metternich. Metternich, Mastermind hinter der Restauration der deutschen Monarchien, sieht durch die Bluttat die Zeit gekommen, um endlich aktiv gegen die Nationalstaatsgelüste vorzugehen, die vor allem von den Universitäten ausgehen. Bei den Beratungen in Karlsbad, die bis zum 31. August dauern, vereinbaren die Herrscher im Deutschen Bund zahlreiche Repressionsmassnahmen, um die revolutionären Umtriebe zu unterdrücken. Das Massnahmenpaket der Karlsbader Beschlüsse umfasst eine weitgehende Überwachung von Universitäten, die Entlassung von revolutionär gesinnten Lehrern und Professoren, das Verbot der Burschenschaften sowie die Einschränkung der Meinungsfreiheit, in erster Linie durch die Einführung einer allgemeinen Pressezensur. Am 20. September 1819 werden die Beschlüsse in Kraft gesetzt und bleiben bis zur Deutschen Revolution 1848 gültig. Deutschland sollte in «tiefen politischen Dämmerschlaf versinken», wie das Deutsche Historische Museum in Berlin schreibt.

Neutralität der Schweiz in Frage gestellt

Die Karlsbader Beschlüsse haben auch Auswirkungen auf die Schweiz. Zahlreiche im Deutschen Bund verfolgte Personen suchen Zuflucht in der Eidgenossenschaft. In jener Zeit besteht die Aussenpolitik der Schweiz vor allem darin, Beschwerden der Grossmächte wegen der Aufnahme von politisch Verfolgten zu bearbeiten.

Unter diesem Druck beschliesst die Tagsatzung 1823 das «Presse- und Fremdenkonklusum», das die Pressefreiheit einschränkt. Bestimmte Redaktoren werden mit einem Schreibverbot belegt, Zeitungen müssen geschlossen werden. Auch die Aufnahme von politischen Flüchtlingen wird zurückgefahren, Emigranten die der «Agitation» überführt worden sind, verweist die Schweiz des Landes. Die Massnahmen werden 1829 wieder aufgehoben, ohne dass die Grossmächte protestieren.

Der Märtyrer auf dem Schafott

Und Karl Ludwig Sand? Der Attentäter kämpft nach seinem Selbstmordversuch monatelang um sein Leben. Noch bettlägerig, wird er in ein Gefängnis gesteckt. Dort vegetiert er vor sich hin und wartet auf sein Urteil. Die Behörden hoffen lange, dass sich der Fall Sand durch den Tod des Mörders von alleine erledigen würde, denn in Teilen der Bevölkerung galt der Attentäter als Held. Man wollte mit seiner Verurteilung nicht neuen Unmut erzeugen. Doch Sand bleibt am Leben. Anfang Mai 1820 wird Sand zum Tode verurteilt.

Die Hinrichtung des Attentäter Karl Ludwig Sand am 20. Mai 1820.

Die Hinrichtung des Attentäter Karl Ludwig Sand am 20. Mai 1820.

Der französische Schriftsteller Alexandre Dumas («Der Graf von Monte Christo») recherchierte den Fall im Jahr 1838 in Mannheim nach und veröffentlichte seine Erkenntnisse. Er berichtet von grossen Sicherheitsvorkehrungen im Vorfeld der Exekution, weil man einen grossen Aufmarsch von Studenten fürchtete, für die Sand ein Held und Märtyrer war. Um auf Nummer sicher zu gehen, wurde die Hinrichtung mit dem Schwert um fünf Stunden vorverlegt und in den frühen Morgenstunden des 20. Mai ausgeführt. Karl Ludwig Sand wird in einem anonymen Grab in Mannheim beigesetzt, keine 20 Schritte von der letzten Ruhestätte Kotzebues entfernt, wie Dumas berichtet.

Autor

Dominik Weingartner

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