Leben

Drogenexperte Thomas Kessler: Ein Querdenker möchte Politiker werden

Mit 14 zog er aus, weil er sich in der Schule langweilte und es zu Hause auch nicht mehr passte. Bild: Sandra Ardizzone

Mit 14 zog er aus, weil er sich in der Schule langweilte und es zu Hause auch nicht mehr passte. Bild: Sandra Ardizzone

Thomas Kessler gilt in der Schweiz als führender Drogen- und Migrationsexperte. Manche sagen, er sei selbstverliebt. Jedenfalls ist er oft seiner Zeit voraus. Und eckt damit an.

Doppeladlerjubel? Thomas Kessler, 60, weiss Rat. Asylwesen? Jugendgewalt? Altersvorsorge? Rahmenabkommen? Drogenpolitik? Biodiversität? Klimaschutz? Verbrennungsmotoren? Brennstoffzellenautos? Syrien? Kurden? Basel? Zürich? Landwirtschaft? Künstliche Intelligenz? Atomabkommen? Mediengesetz? Bundesverfassung? Stadtplanung? Egal, Thomas Kessler hätte wahrscheinlich auch etwas über das Paarungsverhalten der Mauersegler oder das Comeback von Plateauschuhen zu sagen.

Ein Einzelfall ist Thomas Kessler gewiss nicht. Es gibt viele Menschen, die zu allem Möglichen etwas zu sagen haben. Aber bei Kessler wirkt es kaum, als würde er irgendwem nachplappern, als drängte er in die Hall of Fame des Mainstreams. Kessler denkt quer und klar und spricht entsprechend. Für ordnungsliebende Menschen, die gern kategorisieren, ist es die pure Horrorshow, mit Kessler zu diskutieren. Er überrascht und verwirrt. Als sei er im permanenten Spielmodus – ihr kriegt mich nicht.

Gleichwohl ist er inspirierend. Ein Beispiel: Grün, Humanist, Drogenversteher, quasi ein Lord der Minderheiten – als solcher sollte Kessler im Duktus des Sozialromantikers doch in jedem Flüchtling einen Gewinn für unsere Gesellschaft sehen. Tut er nicht. Schon vor über sieben Jahren kreierte er den Begriff Abenteuermigranten und erklärte, dass 90 Prozent der Asylsuchenden keine echten Flüchtlinge seien. Nicht nur der Provokation willen. Sondern hauptsächlich, um auf Systemfehler im Asylwesen aufmerksam zu machen. Heute stellt er mit Genugtuung fest, dass die Verfahren gestrafft und beschleunigt worden sind. Kurz: Kessler ist gut. Und meist der Zeit voraus. Das weiss er auch. Was für ihn aber nicht nur von Vorteil ist.

Zuerst als Schund verschrieen, nun Standardwerk

Selbstdarsteller. Abenteuerbeamter. «Dampfplauderi». Populist. Selbst der Begriff Intrigant ist schon gefallen. Und dann noch das markante Kinn, die vollen Lippen – dominant und weich. Klar, wer nicht Durchschnitt ist, muss sich nicht um seine Feinde sorgen. Erst recht nicht, wenn der Überdurchschnittliche extrovertiert ist wie Kessler. Dazu noch frei von jeglicher Konfliktscheue. Nur sollte nicht vergessen werden, welchen Mut, ja Verwegenheit es auch braucht in diesem Land, um ausgetretene Pfade zu meiden.

Ende 80er, Anfang 90er in Zürich. Bis zu 25-mal am Tag rücken die Sanitäter aus, um Süchtige wegen Heroinüberdosen wiederzubeleben. Dass der Platzspitz von Drogenabhängigen okkupiert wird, ist den Zürchern ein Dorn im Auge. Sollen sie doch dahinsiechen. In irgendeinem Keller. Aber bitte nicht im Park gleich hinter dem Landesmuseum. Ja, es war sehr unpopulär, Drogensüchtige als das zu betrachten, was sie sind: Teil unserer Gesellschaft. Thomas Kessler hatte den Mut.

Seit 1977 erforscht er Cannabis botanisch und kulturhistorisch. 1981 veröffentlicht er sein erstes Buch: «Hanf in der Schweiz – über Ursprung, Kultur, Forschung, Zucht und Gesetz». Vier Jahre später legt er nach mit «Cannabis Helvetica: Hanf in der Schweiz – Hoffnung für die Drogenpolitik». Sie gelten heute als Standardwerke. Damals indes waren die Bücher von grossen Teilen der Bevölkerung als Schund verschrien.

Kessler wollte etwas gegen das Zürcher Drogenelend unternehmen. Er hatte ein – wie sich hinterher herausstellte – taugliches Konzept. Aber die Mehrheit der Zürcher Politiker sah im Kantonsrat der Grünen den Mann, der die Schweiz mit Hanf vollpflanzen will.

, erzählt er. In Basel aber hören sie dem Zürcher zu. Und stellen ihn ein. Als Drogendelegierten. Später folgen Zürich und Bern dem Basler Modell, unter anderem mit der kontrollierten Heroinabgabe.

Mutig war auch, wie er nach dem achten Schuljahr mit 14 auszog, weil ihn die Schule langweilte und es zu Hause auch nicht mehr passte, obwohl er in einer bildungsnahen und weltoffenen Familie – der Vater arbeitete in der Finanzverwaltung der Sulzer AG und war Friedensrichter – lebte. Kessler unterschrieb einen Lehrvertrag bei einem Landwirt im Welschland und kehrte Weisslingen für immer den Rücken. «Eine der besten Entscheidungen meines Lebens», sagt er heute. «Denn ich hatte viel Freiheit mit maximaler Verantwortung.»

Wir sitzen in der Küche seiner Jugendstil-Wohnung in Basel. Hohe Räume, altes Parkett. Überall liegen Zeitungen, Bücher, Artikel, Unterlagen. Beim Witwer herrscht gemütliches, organisiertes Chaos. Denn was er sucht, findet er. Wie das Kaffeepulver. Oder die Bilder seiner Alp im Onsernonetal, seinem Rückzugsort. Dort ist er nicht der Zürcher mit dem ausgeprägten Sendungsbewusstsein, der jetzt sogar für die FDP in den Nationalrat einziehen will, bei den lokalen Medien aber einen schwierigen Stand hat und selbst nach bald 30 Jahren für viele noch immer kein richtiger Basler geworden ist, weil er sich um jegliche Mitgliedschaften – egal ob Fasnacht, FCB, Quartierverein oder Businessklubs – foutiert.

Da kann es schon mal vorkommen, dass eine Autorin der «Basler Zeitung» vom «selbstverliebten Thomas Kessler» schreibt. Trifft ihn das?

Ein bisschen ging sie auch ab, als er 2017 nach 26 Jahren im Staatsdienst an die frische Luft gesetzt worden war. Dabei hat er es gut gemeint. Basel Tourismus fragte ihn an, was er von Sonntagsöffnungszeiten für Läden bei der Schifflände halte. Kessler, radikal liberal, wie er sich selbst beschreibt, ist dafür. Weil a) viele Verkäufer lieber sonntags arbeiten, weil sie mehr verdienen. Weil b) Sonntagsöffnungszeiten den Status eines religiösen Themas haben, was aber nicht mehr mit der heutigen Lebenswirklichkeit zu tun hat. Und c) immer mehr Touristen zum Dreiländereck fahren, sonntags aber enttäuscht feststellen, dass alles verrammelt und geschlossen ist.

Obwohl Basel Tourismus die Sache öffentlich gemacht hatte, hiess es: Der Stadtentwickler Thomas Kessler fordert, dass man an der Schifflände die Ladenöffnungszeiten verlängern soll. Der Vorsteher des Wirtschafts-departements, Christoph Brutschin, fühlte sich brüskiert und warf Kessler Kompetenzüberschreitung vor. Und Regierungspräsident Guy Morin hatte gegen Schluss seiner Amtszeit die Chance genutzt, mit der Trennung von Kessler sein Profil zu schärfen.

Auch das noch! Mit Hanf will er die AHV retten

Tempi passati. Kessler will nun in den Nationalrat. Für die FDP. Das klingt schräg, wenn man Kessler auf den Hanfpapst und die FDP auf die Geldsack-Partei reduziert. «Die Gründerväter von 1848 waren allesamt freisinnige Liberale. Sie entschieden, dass die Schweiz auf Demokratie und Bildung aufgebaut werden soll, und verzichteten auf nationalistische Leidenschaft. Ich will diese spezielle Situation wieder deklarieren. Mich interessiert der Wettbewerb der Ideen. Mich interessieren Themen. Und ich will dazu beitragen, das Niveau im politischen Diskurs, der sich zu häufig mit Nebensächlichkeiten befasst, zu heben.»

Grosse Worte. Nur, was ist denn so nebensächlich am politischen Diskurs? Er referiert über die Vorlaufzeit für Handwerker aus dem EU-Raum. Und den Zugang zu den Sozialversicherungen. «Wir leben nicht mehr in der Postkutschenzeit. Wir haben die fitteste Verwaltung, sie sollte im Stande sein, die Vier-Tage-Regelung zu handeln. Und schmarotzerische Absichten bekämpft man nicht mit abstrakten Mauern. Wir brauchen eine Integrationspolitik, die von Anfang an fördert und fordert.» Kessler fordert Modelle für die Zukunft, was den Arbeitsmarkt, den Klimaschutz und die Altersvorsorge betrifft. Beispiel AHV:

Sein Ansatz zur Entschärfung des AHV-Problems ist bekannt. Der Schreibende hörte ihn, als er Kessler in Tägerig das erste Mal begegnet ist. Nun, Tägerig ist eigentlich nicht der Ort, wo man sich das erste Mal begegnet. Aber da war diese Einladung. Von der Frau, die seit Jahren mit ungeheurem Eifer ein Hanfmuseum betreibt. Es kamen Menschen, die wegen des Krauts schon im Gefängnis sassen. Und solche, die immer noch vom Handel oder Verkauf leben. Irgendwie. Und es kam Kessler. Mit zwei Flaschen Prosecco unter dem Arm. Stargast an einem unprätentiösen Anlass. Weder das eine noch das andere schien ihn zu stören.

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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