Gewalt

Drogen, Gewalt, Jugendknast: Dieser notorische Jugendstraftäter hat trotzdem die Kurve gekriegt

Ajrim Wüst ist für einen Dokfilm von SRF nach Altstätten zurückgekehrt. (Screenshot: SRF)

Ajrim Wüst ist für einen Dokfilm von SRF nach Altstätten zurückgekehrt. (Screenshot: SRF)

Im Alter von 15 Jahren hat Ajrim Wüst 30 Straftaten innert vier Monaten begangen. Danach verbrachte er über drei Jahre im Jugendheim Platanenhof in Oberuzwil. Es sah nicht gut aus. Doch jetzt, mit 27, ist Wüst geläutert.

Ab und zu übertönt die Kaffeeröstmaschine die Gespräche im Café Mitte. Das Lokal in der Basler Altstadt ist das grösste Kaffeehaus der Stadt und eines der wenigen, das ohne Konsumzwang besucht werden kann. Studenten sitzen vor aufgeklappten Laptops, Geschäftsleute trinken Cappuccino, Kinder klimpern auf dem grossen Flügel beim Eingang.

Ajrim Wüst erscheint pünktlich zum Gesprächstermin, drückt seine Zigarette im Aschenbecher vor der Tür aus. Es gab eine Zeit, da eilte dem 27-Jährigen sein Ruf voraus, vor allem im St.Galler Rheintal. Dort, in Altstätten, ist er geboren und aufgewachsen. Und dort wurde er lange Zeit gefürchtet. Drogen, Delikte gegen Leib und Leben, der erste Joint mit 12, die erste Anzeige wenig später. Mit Wüst wollte man lieber nichts zu tun haben in Altstätten.

Im Platanenhof alle Rekorde gebrochen

Ajrim Wüst, der notorische Jugendstraftäter. Wer ihn heute kennenlernt und nichts von seiner Vergangenheit weiss, würde das kaum vermuten. Wüst drückt sich sorgfältig aus, reflektiert seine eigene Vergangenheit mit hemmungsloser Offenheit. Nicht nur im Gespräch, auch in seinen Rap-Songs. Die Musik hat er in Haft für sich entdeckt, wenn er im Platanenhof wieder einmal «in den Sitz» musste, wie er sagt.

Und das war oft. «Ich habe alle Rekorde gebrochen», sagt Wüst. Weit über 50 Mal in Einzelhaft, für jeweils 48 Stunden. Weil er mehrmals abhaute, wochenlang «auf Kurve» war, Betreuer bedrohte, trotz strengem Verbot weiterkiffte.

Mit 15 brachte ein Steinwurf das Fass zum Überlaufen

Ajrim Wüsts Vater stammt aus dem Kosovo. Er lernte ihn nie kennen. Seiner Mutter, einer Schweizerin, wurde das Sorgerecht entzogen, als Ajrim Wüst 15 Jahre alt war. Der Jugendliche hatte nach einem Spiel des FC St.Gallen einem Aarau-Fan einen Stein ins Gesicht geworfen. «Wir wurden angegriffen, ich habe mich verteidigt», sagt Wüst.

Dennoch brachte der Steinwurf das Fass zum Überlaufen, er kam in den Platanenhof. Die Einrichtung nennt sich selbst Jugendheim, Wüst nennt sie Jugendknast. Über drei Jahre blieb er dort, machte eine Lehre als Koch und zog danach nach Basel.

«In Altstätten konnte ich nicht mehr bleiben. Da haben sie sich das Maul zerrissen über mich», erinnert sich Wüst an seinen Wegzug. Der Neustart in der Grossstadt, er sollte sich als erfolgreich erweisen. Heute arbeitet Wüst als Koch in der Basler Psychiatrie, ist am Rhein nicht mehr straffällig geworden und wurde vor zweieinhalb Jahren Vater einer Tochter.

«Ich versuche, das Gegenteil dessen zu machen, was mein Vater gemacht hat. Und will für meine Tochter immer da sein», sagt Wüst. Und es gelingt ihm nicht schlecht, auch wenn die Beziehung zur Mutter seiner Tochter nicht von langer Dauer war.

Saufen, Prügeln, Dealen

Warum kam es überhaupt so weit? Warum wurde Ajrim Wüst so früh straffällig? Wut sei es gewesen, Mangel an Orientierung und Werten, Perspektivlosigkeit. Hinzu kam ein schwerer Unfall: «Mein bester Kumpel wurde angefahren und lag vier Monate lang im Koma.»

Da sei eine Welt für ihn zusammengebrochen, sagt Wüst. In den vier Monaten kamen 30 Anzeigen zusammen: Der 15-Jährige trank bis zur Alkoholvergiftung, dealte mit Marihuana, prügelte sich, schlief am Tag und streifte nachts um die Häuser. Dann kam der Steinwurf am FCSG-Match.

Auch danach, im Platanenhof, wurde es nicht besser. «Am Montag rückte ich dort ein, am Mittwoch haute ich für drei Wochen ab.» Hart sei es gewesen, auch mit den anderen Jugendlichen. Aber die Härte habe ihm gutgetan.

Manchmal organisiere er «Klassentreffen» mit den anderen Heimbewohnern von damals, aber viele hätten die Kurve bis heute nicht gekriegt. «Die Hälfte ist im Knast oder auf Drogen.» Wenn er das dann jeweils erfahre, sei es deprimierend. «Am liebsten würde ich helfen, aber wie?»

Entwaffnende Offenheit

Warum hat Wüst es geschafft, zurück in die Bahn zu finden? Der Tapetenwechsel mit dem Umzug nach Basel und die Rap-Musik waren entscheidende Faktoren.

Denn die Wut, die Wüst damals straffällig werden liess, ist nicht verschwunden. Er kanalisiert sie nur besser, sagt er. Die Rap-Texte sind denn auch nichts für schwache Nerven: Es geht um die Strasse in ihrer ganzen Rauheit. Da heisst es zum Beispiel:

Wüst geht offen mit seiner kriminellen Vergangenheit um, während viele andere ehemalige Straftäter lieber nicht über ihre Taten sprechen. Warum? «Für die Kids, um zu zeigen, dass sie nicht den gleichen Weg wie ich gehen müssen, um gewisse Dinge zu begreifen.» Er schäme sich nicht für das, was er getan habe, sagt Wüst. Aber: «Ich weiss, dass es falsch war.»

Hat er bei Job- oder Wohnungssuche je Negatives erlebt, weil er mit vollem Namen zu seiner Vergangenheit steht? Nein, sagt Wüst. Jedenfalls nicht, wenn die Leute ihn zuerst persönlich kennenlernen.

Kann er sich vorstellen, je wieder in Altstätten zu leben? «Nein.» Er schätzt das urbane Basel, im Rheintal hat er zu viel verbrannte Erde zurückgelassen. In einem Städtchen wie Altstätten ist das fast nicht rückgängig zu machen. Wenn er aber wieder einmal dort sei, gebe er allen die Hand. «Auch solchen, die mit mir nichts mehr zu tun haben wollten.»

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