Kolumne

Neue Kolumne «Die Sprachstilistin»: Stoppt den Bindestrichwahn – er beleidigt Leserin und Leser

Unsere Kolumnistin Odilia Hiller. Auch Regionalleiterin und stellvertretende Chefredaktorin des «St.Galler Tagblatts».

Unsere Kolumnistin Odilia Hiller. Auch Regionalleiterin und stellvertretende Chefredaktorin des «St.Galler Tagblatts».

«Auto-Tür», «Partei-Mitglied», «Bauch-Gefühl»: In ihrer neuen Kolumne klärt Autorin Odilia Hiller über den Deppenbindestrich auf. Und sie weist auf einen monumentalen Trugschluss hin.

Sie verteilen Bindestriche mit dem Salzstreuer? Über nahezu alles, was Sie schreiben? Sie würden am liebsten Bundes-Rat, Tomaten-Spaghetti und Wohnzimmer-Tür schreiben? Keine Sorge: Sobald Sie diesen Text gelesen haben, werden Sie zusammengesetzte Wörter wieder zusammenschreiben wollen.

Satzzeichenkunst des Schweizer Bildhauers Anton Egloff.

Satzzeichenkunst des Schweizer Bildhauers Anton Egloff.

Komposita, die so schön ineinanderfliessen, dass jedem, der auch nur einen Hauch Sprachgefühl in sich trägt, wohlig warm wird, sind ein Geschenk der deutschen Sprache. Theodor Fontane selig, Schöpfer von Wörtern wie «Weltverbesserungsleidenschaft» und «Schuhbürstenbackenbart», freut sich im Grab jedes Mal wie ein Schneekönig, wenn jemand ein zusammengesetztes Wort bindestrichfrei verwendet.

Wörter, die kein Handybildschirm auf die Reihe bekommt

Als Kind spielten wir «Wörter bauen». So entstanden Ungetüme wie

oder

Reihum mussten alle einen Baustein hinzufügen. Wörter, die kein Handybildschirm auf die Reihe bekommt.

So begriffen wir, zu welchen Wortkompositionen das Deutsche fähig ist. Niemals wäre uns später eingefallen, Wörter wie Rasierapparat, Wartezimmer oder Bauchgefühl mit Bindestrichen zu verunstalten. Bei längeren Wörtern – sagen wir, ab vier Teilen – fingen wir an, darüber nachzudenken, mittels Kopplung etwas Übersicht zu schaffen.

Das Englische lässt grüssen

Heute aber lesen wir «Lohn-Einbussen», «Zonen-Plan» und «Partei-Mitglied», und zwar am «Lauf-Meter». Woher der Kopplungswahn rührt, lässt sich teilweise erklären. Das Englische lässt grüssen. Via Internet allzeit bereit, uns die Sicht zu vernebeln mit seiner Variante, zusammengehörige Nomen schlicht nebeneinanderzustellen.

«Washing machine», «driving licence» und «swimming pool» hinterlassen einen so bleibenden Eindruck, dass manche mittlerweile glauben, «Auto Garage» sei ein deutsches Wort. Im Vergleich dazu wirkt ein Bindestrich geradezu als heroisch eindeutschende Geste. Ganz nach dem Motto: Ich habe gemerkt, dass ich hier etwas anpassen muss.

Sind wir wirklich alle Menschen mit Lernschwierigkeiten?

Fragt man Urheber unsinniger Kopplungen, warum sie unsinnig koppeln, heisst es oft:

Bei Fortgeschrittenen wird vom «ungewohnten Schriftbild» genuschelt. Schliesslich funkt noch die «Leichte Sprache» hinein – entwickelt für Menschen mit schweren Lernschwierigkeiten, deren Fähigkeiten zum Entziffern längerer Wörter nicht ausreichen. Offensichtlich gehen viele Autorinnen und Texter davon aus, ihre Leserinnen und Leser bewegten sich intellektuell in einem ähnlichen Rahmen.

Ein monumentaler Trugschluss. Denn wer möchte schon mutwillig sanfte Leseflüsse mit Bindestrichen stauen – und gleichzeitig sämtliche Nachrichtenempfänger für nicht ganz hundert erklären.

Vergissmeinnicht, für immer zusammengeschrieben.

Vergissmeinnicht, für immer zusammengeschrieben.

Viel reizvoller ist doch, der Leserin Sommerabendhauch, Vergissmeinnicht und andere Bandwurmwörter zuzumuten. Und ihr zu zeigen, dass man sie für extrem clever hält. Probieren Sie es aus.

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