Kleine Stippvisite in der Buchhandlung. Die Buchtitel sprechen. «Die Weisheit des Alters», «Wie wir alt werden, ohne zu altern», «Zeit für Neues», «Das letzte Hemd hat viele Farben». Gleich darunter kommen dann die Bücher zum Tod. Und über der Abteilung Alter findet man die Pubertät. Beides scheinen Umbruch-Zeiten zu sein, in denen Menschen Rat suchen. Die Autoren Otfried Höffe und Verena Kast finden sich also in guter und durchaus zahlreicher Gesellschaft, wenn sie sich jener Lebensphase widmen, der sie selber mit 75 Jahren auch angehören.

Der Philosoph Otfried Höffe tut es in der im Sommer erschienenen «Kleinen Philosophie des guten Lebens» mit dem Titel «Die hohe Kunst des Alterns» mehr vom Grundsätzlichen her, die Psychotherapeutin und Psychologin Verena Kast blickt in ihrem vor zwei Jahren veröffentlichten «Altern – immer für eine Überraschung gut» mehr von innen her aufs Alter. Ab und an gerät Höffe dabei auch ins Politische, das spätestens mit der nächsten AHV-Abstimmung unter dem Stichwort Generationengerechtigkeit wieder virulent werden wird. Verena Kast bleibt beim Lebenspraktischen.

Alte pflegen ihr Wohlbefinden

Wobei sie sich durchaus auch treffen. Etwa in der Feststellung, dass das Alter für viele Menschen eine Zeit grosser innerer Zufriedenheit ist. Verena Kast spricht vom «Wohlbefindensparadox». Denn das Leben wird ja immer mühsamer, das Alter ist eine Zeit tiefgreifender Verluste. Dennoch könnten wir statistisch erwarten, «dass wir in unseren frühen 80er-Jahren so glücklich sind, wie wir mit 20 waren», fasst Verena Kast mehrere Untersuchungen zusammen.

Sie zitiert die Stanford-Psychologin Laura Carstensen, welche Zufriedenheit und emotionale Stabilität im Alter gerade damit in Verbindung bringt, «dass der wahrgenommene Zeithorizont sich verkürzt». Dies verändere die Motivation: Weil nicht mehr viel Lebenszeit ansteht, suchen Menschen nach dem, was für sie emotional bedeutsam ist, und das pflegen sie dann auch.

Wie das geht, erklärt Verena Kast so: «Man wählt einige wenige Ziele in wichtigen Lebensbereichen aus, fragt sich, was wichtig ist für die Zukunft, setzt dabei nicht auf zu viele Pferde. Man lernt noch einmal etwas dazu.» Wer heute die Gruppe älterer Menschen beobachtet, die morgens mit und ohne Rucksack unsere Züge bevölkern, weiss: Die tun genau das.

Trotz dieser Betriebsamkeit ist das Leben ruhiger geworden, was auch mit dem zu tun hat, was Otfried Höffe vom Schriftsteller Christos Tsiolkas zitiert. Dass man einen gewissen Frieden finden kann, weil im Alter alle Menschen gleichermassen klein werden. Nicht bei der Arbeit, nicht im Glauben, nicht in der Politik, nur im Alter könne man «in einer Welt verweilen, die nicht von Hierarchie, Snobismus und Rachsucht bestimmt» ist. Man ist, in Höffes Worten, «den Zwängen von Konkurrenz und Karriere mit deren Berg von Verpflichtungen und unerledigten Aufgaben enthoben», wird vom Teilnehmer zum Beobachter des Wettbewerbs um Macht, Geld und Ehre.

Nicht ausgeblendet werden aber kann dabei, was der Schriftsteller Philip Roth in den schockierenden Satz gekleidet hat: «Das Alter ist kein Kampf, das Alter ist ein Massaker.» Denn es sei einfach so, «dass wir heutzutage meistens am Leben bleiben, wenn wir krank werden», hat der damals 73-Jährige in einem Gespräch erklärt. Früher, im 15. Jahrhundert etwa, sei der Tod plötzlich gekommen. «Wer damals richtig krank wurde, der starb. Heute ruft man seinen Freund an und sagt: Hast du deine Bestrahlung gut überstanden? Oder: Was ist bei der Biopsie rausgekommen?»

Unsicherheit gehört dazu

Bestreiten lässt sich nicht, dass «im Alter der Boden in mancherlei Hinsicht schwankt», wie Verena Kast sagt. Sie empfiehlt, sich wie in einem Boot auf dieses Schwanken einzustellen, innerlich «mitzugehen mit dem Fluss des Lebens», sich nicht dagegen aufzulehnen, flexibel zu sein, auch wenn die Unsicherheiten mit den Lebensjahren stetig wachsen. Und so vielleicht zur Einsicht des Cellisten Pablo Casals zu gelangen: «Alter ist überhaupt etwas Relatives. Wenn man weiter arbeitet und empfänglich bleibt für die Schönheit der Welt, die uns umgibt, dann entdeckt man, dass Alter nicht notwendigerweise altern bedeutet.»

Nun hatte ein Künstler wie Casals gut reden. Zu den Problemen des Durchschnittsmenschen gehört nicht nur, dass er vergesslich wird. Sondern auch, dass er vergessen zu werden droht. Wie also wird man in Klugheit und in Ehren alt? Otfried Höffe nennt vier Hauptaufgaben, die vier L: Laufen, Lernen, Lachen, Lieben.

Menschen haben einen Bewegungsapparat, den viele in den Jahren im Büro vernachlässigt haben. Bildung «ist einer der wirksamsten Wege, nicht unnötig rasch zu altern», und der Humor, das Lachen, bewahrt davor, am Ende des Lebens stur und rechthaberisch zu werden. Unter «Lieben» aber fasst Höffe jenen bunten Strauss von Sozialbeziehungen, die bei der Partnerschaft anfangen, sich in Freundschaftsbeziehungen fortsetzen und bei der Mitwirkung in Vereinen, Chören, Wandergruppe nicht enden.

Denn die Alten leisten viel für die Gemeinschaft, im familiären wie im öffentlichen Rahmen. Und wenn sie einmal hilfsbedürftig werden, dann sollte man eines nicht mit ihnen tun: sie bevormunden. Worin sie sich mit den Kindern treffen. Denn, so Höffe, «so wie Kinder früh viele Rechte wahrnehmen wollen, so sollten auch ältere Menschen möglichst lang und ausgedehnt ihre Rechte behalten».

Otfried Höffe: «Die hohe Kunst des Alterns – Kleine Philosophie des guten Lebens». C. H. Beck 2018.

Verena Kast: «Altern – immer für eine Überraschung gut». Patmos 2016.