Eine glatte Wand aus schmutzigweissen Eternitplatten, in ihr drei Garagentore, eine Tür mit Überwachungskamera. Irgendwie hatte man sich das Haus eines Bauhaus-Stars spektakulärer vorgestellt.

Doch dann stehen da noch zwei riesige, marmorne Skulpturen in der Einfahrt, die keinen Zweifel lassen: Hier ist das Haus von Max Bill. Die ikonischen übergrossen Halbkugeln weisen den Weg zur Klingel. Es dauert, bis die Tür geöffnet wird – später sieht man, warum: Das Flachdach-Haus, das von der Einfahrt aus unscheinbar aussieht, ist unglaublich gross.

Angela Thomas, Max Bills zweite Ehefrau, bittet herein. Sie und ihr zweiter Mann, Filmemacher Erich Schmid, sind es gewohnt, Besuch zu empfangen. Oft führen sie Fremde durch das Max-Bill-Haus in Zumikon, zeigen das Werk des berühmten Künstlers; Wohnzimmer, Küche, Arbeitsräume, Gästezimmer, Garten, Terrassen, sogar ihr Schlafzimmer darf man besichtigen.

In allen Räumen auf rund 1500 Quadratmetern gibt es Kunstwerke, von Max Bill, seinem Freund Georges Vantongerloo, von vielen zeitgenössischen Kunstschaffenden. Auch im drei Hektaren grossen Garten Kunstwerke. Angela Thomas führt die Sammlung weiter, die Bill begann.

Künstler und Nationalrat

Max Bill war einer der berühmtesten Bauhaus-Schüler, obwohl er nur ein Jahr in Dessau studierte, 1927/28. Er wurde 1908 als Sohn eines Eisenbahners in Winterthur geboren und besuchte die Kunstgewerbeschule in Zürich. Er arbeitete als Künstler, Architekt, Designer, Publizist, Schriftgestalter, wurde in den Nationalrat gewählt, begründete die konkrete Kunst, stellte mehrfach an der Documenta aus und vielfach weltweit, erhielt unter anderem den «Nobelpreis» der Kunst. Er gründete und leitete die Hochschule für Gestaltung Ulm, die als Nachfolgerin des Bauhaus Dessau galt.

«Das Haus wurde von einer öffentlichen Figur erbaut, es hat naturgemäss einen öffentlichen Charakter», sagt Erich Schmid. Um das Haus zu unterhalten, verkaufen sie ab und an Kunst. 200 000 Franken verschlingen Betriebskosten und Unterhalt pro Jahr. Nein, sie fühle sich nicht, als wohne sie in einem Museum, sagt Kunsthistorikerin Angela Thomas. Die hohen, hellen Räume strahlen Klarheit aus, für Besucher gibt es viel zu entdecken. Im Haus habe man ein sehr gutes Raumgefühl. «Die Architektur stört nicht», sagt sie, und das ist natürlich ein Scherz, und ein Zitat aus dem Film ihres zweiten Mannes Erich Schmid über ihren ersten Mann Max Bill.

Die 25-Jährige und der Senior

Das klingt kompliziert, ist es aber nicht. Angela Thomas lernte Max Bill 1974 kennen. Sie jobbte als Studentin in einer Kunstgalerie in Zürich, ass dort mit einer Freundin Kuchen, als Max Bill zwei Skulpturen abholen wollte, die er gekauft hatte. Sie war 25, er 65. Mehr mag Angela Thomas nicht über das Kennenlernen erzählen. Max Bill war verheiratet, Vater eines Sohnes und führte dann parallel mit Angela Thomas eine Beziehung. «Wahrscheinlich hat er noch mehr Affären gehabt», sagt Angela Thomas trocken. Man hat den Eindruck, sie will den Künstler Bill hochhalten und nicht ihr Privatleben.

Deswegen hat sie eine Stiftung gegründet, deswegen führen sie und Erich Schmid durch das Haus Bill. Und deswegen kuratiert sie Ausstellungen, schreibt Bücher. Angela Thomas und Max Bill heirateten 1991. Als Bill 1994 starb, erbte sie die Hälfte seines Nachlasses. Die andere Hälfte ging an Bills Sohn Jakob Bill. Auch er gründete eine Stiftung. «Gemessen am Bekanntheitsgrad ging die Erbschaft gut über die Bühne», sagt Erich Schmid. Anfangs wurden noch gemeinsam Ausstellungen organisiert. Doch seit einiger Zeit gibt es keine Kommunikation mehr mit Jakob Bill.

Angela Thomas, 70, und Erich Schmid, 71, sind froh, dass sie jetzt eine Lösung für den Nachlass von Max Bill gefunden haben. Zehn Jahre hätten sie sich darum bemüht. «Wir sind nicht mehr die Jüngsten», sagt Angela Thomas. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass die international renommierte Galerie Hauser & Wirth den Nachlass von Max Bill vertreten wird. Die Museen hätten kein Interesse gehabt, sagt Erich Schmid.

Das erstaunt – und ist kompliziert: Beim Zürcher Museum Haus Konstruktiv heisst es, man habe grosses Interesse und viel versucht, Werke von Max Bill in die Sammlung zu bekommen. Das sei leider nicht Zustande gekommen.

Doch egal, wo und wie der Nachlass verwaltet wird: Bills Werke sollen rezipiert werden, wünscht sich Angela Thomas für die Zukunft. «Seine Kunst hat was zu geben.»