Familienfeier

Die ganze Wahrheit über Weihnachten: Was sich Familien unter dem Tannenbaum nicht zu sagen wagen

Was hat der Klimawandel mit Weihnachten gemacht? Braucht es eine Tanne, müssen Geschenke jetzt CO2-neutral sein und wer will noch Fondue Chinoise essen? Sechs Familienmitglieder erzählen wahrheitsgetreu erfunden, was sie unter dem Christbaum wirklich denken.

Der Vater: Christoph, 50, reflektierter Babyboomer

«Bis gestern hiess es, wir brauchen dieses Jahr keinen Christbaum. Es sei nicht mehr vertretbar, sich eine abgehackte Tanne aus einer Monokultur in die Stube zu stellen, befanden meine Frau und meine Tochter. Ich hab dazu nur mit den Schultern gezuckt, das tue ich in letzter Zeit immer, wenn Frau und Tochter gerade die Welt retten. Es ist das einzige, was einem weissen Mann, einem Babyboomer noch dazu, an Reaktionsmuster geblieben ist. Mit den Schultern zucken und sich in unauffälliger Resignation üben. Meine pure Existenz macht mir manchmal ein schlechtes Gewissen. Wenn ich jung wäre, würde ich vielleicht auch gegen mich demonstrieren. So wie ich früher für den Frieden demonstriert habe und gegen AKWs. Heute, wo ich mich mit den Kernkraftwerken endlich angefreundet habe, werden sie abgeschaltet. Irgendwie bin ich aus dem Zeitgeist gefallen.

Heute Morgen hiess es von meiner Frau Karin plötzlich: ‹Christoph, hol doch noch einen Christbaum.› Ich hab mit den Schultern gezuckt und zu den Autoschlüsseln gegriffen. Die Gedankensprünge meiner Frau sind unergründlich, noch viel mehr seit sie regelmässig meditiert. Zehn Minuten später stand ich auf dem Marktplatz unseres Dorfes. Mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen marschierte ich die traurige Restbaum-Auswahl ab. Ich war nicht alleine. Etwa ein Dutzend Ehemänner stolperten in gleicher Mission durch die Tannen. Wir tauschten verzweifelte Blicke aus, wissend, egal ob Nordmann oder Blautanne, heimische Zucht oder Import, den perfekten Christbaum werden wir nicht nach Hause bringen.

Mit meiner Tochter habe ich eine Greta in Swiss Miniatur am Tisch sitzen. Kürzlich hatte sie ein T-Shirt mit der Aufschrift: ‹How dare you!› angezogen. Ein Zitat aus Greta Thunbergs Rede, die sie im September bei den Vereinten Nationen in New York hielt. ‹Wie könnt ihr es wagen euren Kindern alles zu nehmen, die Kindheit, die Zuversicht, die Zukunft.› Reichlich pathetisch. Ich kann mich doch nicht dauernd entschuldigen. Meine Tochter Sophia hat auf meinem Smartphone eine App installiert, damit kann ich jedes Produkt auf dessen Klimafreundlichkeit durchleuchten. Es ist wie vor dem letzten Gericht. Darum gibt es bei uns jetzt keine Geschenke.

Familienidyll unter dem Weihnachtsbaum 2019: Zwischen Selbstoptimierung, Tradition und Klimawandel.

Familienidyll unter dem Weihnachtsbaum 2019: Zwischen Selbstoptimierung, Tradition und Klimawandel.

Die Grossmutter: Doris, 70, Traditionalistin

«Keine Geschenke, kein Christbaum, und Weihnachtslieder wollen sie schon seit Jahren nicht mehr singen. Ich verstehe die Familie meines Sohnes nicht. Wozu sollen wir uns denn an Heiligabend überhaupt noch treffen? Wegen des Fondue Chinoise? Ich weiss ja, dass uns Christoph und Karin nur aus schlechtem Gewissen einladen. Damit wir Alten nicht alleine in der Stube hocken und das Weihnachtsoratorium hören. Dabei wäre das für mich nicht die schlimmste Vorstellung. Das dauert wenigstens nur eine Stunde. Bis sich meine Enkelkinder Tim und Sophia durch ihre Geschenkberge gekämpft haben, wird es Mitternacht. Niemand will mit mir in die Kirche, und mein Mann Hansjörg schläft auf dem Sofa ein. Immerhin einen Christbaum hat mein Sohn Christoph jetzt doch noch gekauft. In letzter Minute wohl, so wie dieses kümmerliche Exemplar aussieht. Ich habe meiner Schwiegertochter Karin heute Morgen eine Nachricht geschickt, ob ich einen Christbaum mitbringen soll, sie habe ja sicher keine Zeit, einen zu besorgen. So gestresst wie sie immer ist. Die Ärmste überfordert sich ständig. Sie hat dann sofort zurückgeschrieben, das sei nicht nötig, sie habe alles im Griff. Ich hab dann aber wenigstens meine berühmten Sösseli für das Fondue Chinoise mitgebracht, die mag Christoph so.

Aber wenn ich ehrlich bin, ich verstehe diese Kinder, diese Welt nicht mehr. Als ich letzte Woche die Krippe aufstellen wollte, meinte meine Enkelin Sophia, sie sei dagegen, dass da Tiere ausgestellt würden, und die Weihnachtsgeschichte manifestiere althergebrachte Geschlechterrollen. Eine einzige Frau komme darin vor, und die müsse ohne je Sex gehabt zu haben in einem Stall gebären. Ja, soll ich denn Tofuwürfel neben das Jesuskind legen? Und Transgender-Königinnen aufstellen? Jesus sei gekommen, die Welt zu retten, hab ich ihr erklärt. Sie hat nur die Augen verdreht und gemeint, dass er sich damit besser beeilen soll, es sei fünf vor Klimawandel. Beten helfe da nicht. Die Schule zu schwänzen auch nicht, hätte ich antworten sollen. Sophia hat ihren Messias in dieser Greta gefunden. Neulich hat sie mir gesagt, dass sie, statt Matur zu machen, auf dem Mittelmeer Flüchtlinge in Seenot retten wolle, so wie diese Carola Rackete. Ich musste die Frau erst googeln. Ich weiss jetzt zumindest, dass die vor Gericht keinen BH trug. Da ist mir die Greta mit ihren Zöpfen lieber.»

Die Mutter: Karin, 42, Lehrerin, Sich-selbst-Suchende

«Dieses Jahr gibt es kein Fondue Chinoise. Das kann sich mein Schwiegervater auf den Kopf stellen. Und meine Schwiegermutter mitsamt ihrer Cocktailsauce dazu. Mag ja sein, dass man in dieser Familie seit Erfindung des Rechauds an Weihnachten Fleisch in einer Brühe rührt, jetzt ist damit Schluss. Es gibt gerösteten Blumenkohl mit Granatapfelkernen, dazu Humus und Fladenbrot.

Am liebsten hätte ich auch den Weihnachtsbaum aus der Stube verbannt. Ich brauche diesen Klimbim nicht mehr. Noch nicht mal Kerzen. Ginge es nach mir, ich würde Heiligabend meditieren. Tim, mein Sohn, hat mir auf YouTube einen neuen Meditations-Kanal gezeigt. Eine echte Erleuchtung: Hinsetzen, einschalten, Augen zu und weg. Für 25 Minuten hört die Welt und vor allem meine Familie endlich auf zu lärmen. Heute Morgen während meiner ‹daily-morning-session› hatte ich so eine Vision: Meine Familie sitzt in der Stube, es ist Heiligabend und es passiert einfach nichts. Da ist nur Stille. Keine Geschenke, kein Gesang, kein Essen. Wir haben Weihnachten abgeschafft, klimaneutralisiert. Das Christkind hatte zwei Zöpfe, einen grimmigen Blick und verteilte CO2-Bilanzen. Ich fragte mich, was mir dieses Bild sagen soll, da piepste mein Handy. Meine Schwiegermutter schrieb mir, dass sie eine Weihnachtstanne mitbringen will. Fertig Vision, hallo Familienkompromissrealität. Sicher stellt mir meine Schwiegermutter keine pestizidverseuchte Importtanne in die Stube. Also schickte ich den armen Christoph los eine Tanne zu besorgen.»

Der Sohn: Tim, 19, Praktikant, Gamer

«Echt jetzt, Blumenkohl an Weihnachten und keine Geschenke? Was soll denn das jetzt? Ich mag Weihnachten. Ich mag es, wenn wenigstens an diesem Tag alles gleich bleibt. Die Welt da draussen dreht sich eh schon ein paar Umdrehungen zu schnell für mich. Nur dank grosser Kopfhörer und hohem Spielerstatus in meinen Lieblingsgames halte ich das noch aus. Mit meiner Virtual-Reality-Brille war ich heute in der Sixtinischen Kapelle, das ist krass schön. Ich reise nur noch so, das ist klimafreundlich und viel weniger anstrengend.

Tim, 19,  hält sich die Welt mit Kopfhörern vom Leib – auch an Weihnachten.

Tim, 19, hält sich die Welt mit Kopfhörern vom Leib – auch an Weihnachten.

Generation Schneeflöcklein, so beschreiben sie uns, weil wir zartbesaitet seien. Die haben doch keine Ahnung. Wir wissen nicht, was unsere Zukunft bringt, darum sind wir – kaum volljährig – schon nostalgisch verklärt. Meine Mutter hat auf Instagram mehr Follower als ich, mein Vater spielt stundenlang Flugsimulator, und meine Grossmutter flutet unseren Familienchat mit Fotos aus ihren zahlreichen Ferien. Aber ständig heisst es, ich sei mit dem Smartphone verwachsen. Jetzt zum Beispiel bin ich der einzige, der aus dem Fenster schaut und bemerkt, dass es angefangen hat zu schneien.»

Der Grossvater: Hansjörg, 79, Unternehmer, E -Bike-Fahrer

«Ich hab zu meiner Frau Doris gesagt, wir feiern Weihnachten wie wir immer gefeiert haben, davon wird der Planet schon nicht untergehen. Ich weiss, meine Enkelin und diese Greta sehen das anders. Aber ich lass mir nicht von Gören, die zeit ihres kurzen Lebens in Spielzeug und Kommerz versunken sind, vorwerfen, ich hätte diesen Planeten an den Rand des Abgrunds getrieben. Ich hab für meine Familie immer gut gesorgt, es hat ihnen an nichts gemangelt. Wenn ein Mann das heute tut, gilt er als Patriarch, der seine Familie vernachlässigt. Wenn ich mir meinen Sohn Christoph so ansehe, dann habe ich Mitleid mit ihm, der schafft es noch nicht mal, diesen lausigen Öko-Weihnachtsbaum gerade in den Ständer zu stellen. Ein Mann braucht Raum für sich. Den hat mein Sohn viel zu wenig. Karin und er teilen sich alles, ausser das Bett, fürchte ich.

Und kann mir eigentlich jemand erklären, warum wir immer Fondue Chinoise essen müssen? Ich habe meinen Fleischkonsum nämlich ziemlich heruntergeschraubt – nicht wegen Greta, so weit kommt es noch –, mein Hausarzt hat es mir geraten, soll gesünder sein. Auch mit der Solaranlage auf unserem Dach habe ich nicht vor, das Klima zu retten, da interessiert mich einfach die Technik daran, und ich lade mit dem Solarstrom mein E-Bike auf.»

Die Tochter: Sophia, 17, Veganerin, Klimaaktivistin

«Es schneit, richtig schöne dicke Flocken. Ich wette, dass gleich einer meiner Verwandten ruft: ‹Siehst du, Sophia, es gibt doch Schnee. So schlimm kann es doch gar nicht sein mit dem Klimawandel!› Sie wollen es einfach nicht begreifen. Sie hören nicht zu. Dass die Welt untergeht, weil wir das Klima mit allerlei Schmutz und Gasen aus Kohlemeilern, Flugzeug- und SUV-Auspüffen sowie Rinderhintern zugrunde richten, ist allgemein bekannt. Dass diese Erkenntnis ausser Gewissensbissen nichts auslöst, auch. Aber meine Familie tut so, als würde ich höchstpersönlich Weihnachten abschaffen wollen. Gut, ich lebe vegan, was meine Mutter zu ignorieren versucht, ich kaufe meine Kleider im Brockenhaus, ich stelle zur Diskussion, ob wir wirklich mit dem Auto nach Spanien in die Ferien fahren müssen. Und dann wird mir gesagt, dass ich anstrengend sei und undankbar. Ich finde es anstrengend, als Teenager ein Vorbild sein zu müssen.

Früher habe ich darauf vertraut, dass die Erwachsenen das schon richten. Heute ruft mich mein Vater vom Christbaumstand aus an, weil er nicht weiss, welche Tanne er kaufen soll. Und meine Mutter schiebt es auf mich, dass es heute Abend zum ersten Mal, seit 20 Jahren kein Fondue Chinoise geben wird. 20 Jahre lange hatte sie nicht den Mut, meiner Grossmutter und ihren Sösseli entgegenzutreten. Für Mama ist die ganze Nachhaltigkeitsdiskussion ein schicker Vorwand, ihren Selbstfindungs- und Emanzipationstrip durchzuziehen. Öko ja gerne, solange es in den Lifestyle passt und nicht wehtut. Beim Christbaum ist sie eingeknickt, was mir aber recht ist. Ich weiss, dass meiner Grossmutter das wichtig ist. Manchmal denke ich, dass ich meinen Grosseltern näher bin als meinen Eltern. In Sachen Nachhaltigkeit sind das echte Vorbilder – auch wenn sie es aus anderen Beweggründen tun: Geiz bei meinem Grossvater, weibliche Bescheidenheit bei meiner Grossmutter. Zu Weihnachten wünsche ich mir: Klimagerechtigkeit, nettonull Treibhausgase bis 2030. Und weil es noch eine ganze Weile dauern wird, bis wir das erreicht haben, könnte ich neue Doc-Martins-Stiefel und ein Fairphone gut gebrauchen. Das eine, um Demos zu organisieren, das andere, um noch lange mitmarschieren zu können. Aber heute Abend habe ich keinen Groll. Ich schaue diesen etwas schiefen Christbaum in unserem Wohnzimmer an, esse Grossmutters Sösseli mit Fladenbrot und den gerösteten Blumenkohl meiner Mutter, lobe Grossvaters Wein, spiele mit meinem Bruder Minecraft. Und dann, wenn mein Grossvater auf dem Sofa eingeschlafen ist, meine Mutter auf ihrer neuen Matte meditiert und mein Vater mit der VR-Brille meines Bruders im Great Barrier Reef taucht, werde ich mich ins Bett legen und von einer besseren Welt träumen. Wohl wissend, dass ich die Klimapolitik eher ändern kann als meine Familie.»

Verwandtes Thema:

Autor

Katja Fischer De Santi

Meistgesehen

Artboard 1