Corona-Virus

Die Angst ist ansteckender als das Corona-Virus selbst: Warum sogar Jogger nicht mehr glücklich aussehen

Atemschutzmasken sind zum Sinnbild der globalen Angst geworden.

Atemschutzmasken sind zum Sinnbild der globalen Angst geworden.

Die Angst, sie hat Hochkonjunktur. Sie hat mehr Leute infiziert als das Virus selbst und lässt viele nicht mehr gut schlafen.

Plötzlich war es da, dieses flaue Gefühl im Magen. Auch bei vielen von denen, die sich nicht vor einer Virus-Infektion fürchten. Die jung und gesund sind. Sie fürchten sich nicht davor, hinauszugehen oder sogar Zug zu fahren. Sie sind sich bewusst, dass die Massnahmen, die ergriffen wurden, den verletzlichen Teil der Bevölkerung schützt.

Und dass sie selbst ihren Beitrag leisten sollen. Aber das flaue Gefühl bleibt. Diese latente Nervosität, die sich schon beim Erwachen ankündigt: Etwas ist anders. Das Leben hat sich geändert. Und genau das ist es, was viele von uns jetzt unsicher macht. Auch jene, die nicht krankhaft panisch reagieren. Die neue Lage da draussen, die Sicherheitsmassnahmen, Leute, die auf Distanz gehen, die leeren Strassen, die leeren Regale – das ist per se alles nicht bedrohlich.

Im Gegenteil: Es schützt uns. Doch das Unterbewusstsein registriert diese ungewohnte Lage und macht uns ein flaues Gefühl.

Der Angstforscher, ein gefragter Mann zurzeit

«Angst hebelt unser logisches Denken aus», sagt Borwin Bandelow, Psychiater, Psychologe und der Experte für Angststörungen im deutschsprachigen Raum. Mehr als 20 Jahre lang hat er zu diesem Gefühl an der Universität Göttingen in Deutschland als Professor ­geforscht und gelehrt.

Heute ist er in Pension, aber an Tagen wie diesen, wo Regierungen Ausnahmezustände ausrufen, ganze Länder abgeriegelt werden, ist Bandelow ein gefragter Mann, ständig unterwegs, zu Interviewterminen, Talkshows, Vorträgen, wir erreichen ihn telefonisch im Zug nach Berlin.

Denn die Angst, sie hat Hochkonjunktur. Sie ist ansteckender als das Corona-Virus selbst. Und in ihrer Wirkung hundertfach verheerender. Und ebenfalls gefährlich: Es ist nicht das Virus, das Börsenmärkte zum Einstürzen bringt, es ist unsere Angst davor, was dieses Virus auslösen könnte.

Verstärkt wird dies von den sorgenvollen Gesichtern, denen wir begegnen. Frühmorgens im Wald beim Joggen sieht man sonst nur glückliche Leute: die Lungen voller frischer Luft, Vogelgesang in den Ohren, Bärlauch in der Nase. Doch die Ängstlichkeit scheint dieser Tage sogar die Waldbesucher zu erfassen.

Die wunderschöne Realität, in der sie sich gerade befinden, wird überlagert vom unguten Gefühl, welches wir nicht abschütteln können. «Je weniger fassbar eine Bedrohung ist, desto grösser ist die Angst davor», sagt Bandelow. «Rolling fear» nennen das Risikoforscher.

Solche Angstwellen schaukeln sich hoch und erfassen immer mehr Menschen, bis man den Eindruck hat, alle redeten nur noch über das eine. Denn Angst ist ein soziales Phänomen, man steigert sich wechselseitig hinein.

Beispielhaft geschehen bei den irrationalen WC-Papier-Hamsterkäufen weltweit. Menschen werden in ihrer Angst getriggert, wenn sich Ladenregale leeren, wir werden unruhig, wenn wir anderen Menschen mit Atemschutzmasken begegnen, weil diese Situationen ungewöhnlich sind, weil sie auf Gefahrensituationen hinweisen.

«Wer sich nicht fürchtet, dem ist sein Leben nicht mehr lieb. Angst ist tief in unsere DNA eingeschrieben», sagt Angstforscher Bandelow. Wobei Schweizerinnen und Schweizer in Untersuchungen als ängstlicher eingestuft werden als Bewohner südlicher Länder.

Es wird gerade alles getan, damit wir sicher bleiben

Doch es hilft, sich dieses Paradoxon vor Augen zu führen: Wir leben gerade sehr, sehr sicher. Und es wird alles getan, damit das so bleibt. Wir versuchen vorausschauend das Bestmögliche zu machen, damit die Infizierungskurve tief bleibt, die Spitäler nie überlastet sind und somit die Sterblichkeit nicht viel höher wäre wie die einer Grippe (bei 0,5 könnte sie sein statt bei 3 Prozent, wenn Spitäler überlastet sind). Also nur keine Panik. Wir haben uns bloss noch nicht an die neue Routine gewöhnt.

Aber das kommt noch. Der Abstand, den wir zueinander halten, wird zu einem normalen Verhalten, das uns keine Angst mehr machen wird. Wir fürchten uns ja auch nicht vor der Sonne.

Wir streichen Sonnencreme ein gegen Sonnenbrand und Hautkrebs und gehen trotzdem nach draussen. Jetzt meiden wir nahe Kontakte, aber wir brechen sie nicht ab. Geniessen wir das herrliche Wetter dieser Tage und das UV-Licht, das den Viren den Garaus macht. Mit Abstand. Auf dem Balkon.

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