Wang Ning blickt erstaunt auf. «Yinsi Zhengce» – das chinesische Wort für Datenschutz – sagt ihr nichts. Natürlich habe sie von diesem Begriff schon mal gehört. Aber auf die Frage, ob sie sich angesichts der Datensammelwut der Firmen und Behörden Sorgen mache, sagt die 32-jährige Angestellte einer Veranstaltungsagentur: «Nein». Das gehöre doch in einer modernen Welt dazu, dass von einem überall die Daten gesammelt würden.

Auch in anderen Ländern machen sich viele Menschen im Zeitalter der Digitalisierung nur wenig Gedanken, wo sie überall ihre Daten hinterlassen und was mit ihnen geschieht. Im Zeitalter von Social Media wie Instagram, Facebook oder Twitter gehört es gar zum guten Ton, ständig und in allen nur erdenklichen Situationen mit Selfies, Postings und Likes im Netz für alle einsehbar Präsenz zu zeigen.

In China ist die Gleichgültigkeit aber besonders ausgeprägt. Das Riesenreich ist das Land mit den meisten Internetnutzern der Welt. Fast 95 Prozent der insgesamt 1,4 Milliarden Chinesinnen und Chinesen sind regelmässig im Internet, meist mit dem Smartphone. Facebook, Twitter und Instagram sind in China zwar blockiert. Doch die Chinesen haben ihre eigenen Dienste. Und auf denen stellen sich viele von ihnen ebenfalls ständig mit Bildern, Videos und Livestreamings zur Schau. «Privatsphäre kennen viele nicht», sagt der 27-jährige Ling Yun, Informatikstudent an der Pekinger Tsinghua-Universität.

Der Staat findet das gut

Ling Yun glaubt jedoch, dass das Bewusstsein für Datenschutz in China noch besonders wenig ausgeprägt ist, weil der Staat selbst laufend dabei ist, Daten zu sammeln. «Es gibt hier ein staatliches Interesse am gläsernen Bürger.» Auch für den Studenten war Datenschutz lange Zeit kein Thema. Wenn er im Supermarkt darum gebeten wurde, für ein kleines Werbegeschenk seine Kontaktdaten preiszugeben, stellte er bereitwillig den Barcode seines WeChat-Kontos zur Verfügung. WeChat ist die in China meistgenutzte App. Sie wird zum Austausch von Kurznachrichten genutzt, für Online-Spiele, zum Bezahlen und vielem mehr. Ling machte es auch nichts aus, dass die Verkaufsplattform Alibaba sich genau merkt, für welche Produkte er sich schon einmal im Netz interessiert hatte. «Das fand ich sogar gut», erzählt der 27-Jährige. Damit sei ihm überflüssige Werbung erspart geblieben.

Doch seit er von dem Vorhaben der Regierung erfahren hat, landesweit ein Social-Credit-System einzuführen für nahezu alle Belange des gesellschaftlichen Lebens ist er ins Grübeln geraten. Aus den Datenspuren seiner Bürger will der Staat ein System erschaffen, das erwünschtes und unerwünschtes Verhalten jedes Bürgers bewertet – und über seine Zukunft entscheidet. Darüber, ob er einen Job bekommt, befördert wird, eine Wohnung, einen Kindergartenplatz oder einen Kredit erhält, mit dem Zug fahren darf oder zu Hause bleiben muss, weil er sich bei einer Reise danebenbenommen hat.

Getestet wird das bereits in mehreren Städten, etwa im ostchinesischen Rongcheng, wo eine Million Menschen leben. 2020 soll es für jeden chinesischen Staatsbürger zur Pflicht werden, sich mit seiner Sozialausweisnummer für dieses Punktesysteme registrieren zu lassen. Vorgesehen ist, dass jeder mit 1000 Punkten startet. Erreicht man durch Wohlverhalten 1300 Punkte, wird man mit AAA bewertet. Wer hingegen unter die Punktzahl von 600 fällt, landet in der schlechtesten Kategorie D. In diesem Fall muss man befürchten, seinen Job zu verlieren.

Die Behörden kontrollieren

Über eine Smartphone-App kann sich jeder über seinen Punktestand informieren. Behörden, Banken und Arbeitgeber, aber auch Einkaufsplattformen, Reiseveranstalter und Fluggesellschaften sollen Einsicht in die Bewertung erhalten. Datenquellen sind Bewertungen beim Online-Shoppen oder Beiträge in den Online-Netzwerken, Internet-Suchanfragen, Reisepläne, Bezahl-Apps, aber auch Kranken- und Gerichtsakten. Diese Daten analysiert und gewichtet der Computer, um daraus die Punktzahl abzuleiten.

Den Anstoss für dieses System lieferte angeblich das rüpelhafte Verhalten chinesischer Touristen im Ausland. Seitdem sich immer mehr Chinesen Fernreisen leisten können, häufen sich weltweit Klagen über ihr Benehmen. Sie drängeln, schreien in ihre Smartphones, lassen in Hotels Besteck und Handtücher mitgehen. Inzwischen stellt ein Gesetz schlechtes Benehmen im Ausland unter Strafe. Chinesische Reisende, die unangenehm auffallen, landen auf schwarzen Listen und erhalten Reiseverbot.

Weil das Datenschutzbewusstsein gering ausgeprägt ist, regt sich gegen dieses geplante Social-Credit-System in China wenig Widerstand. Im Gegenteil: Viele Menschen misstrauen ihren Mitbürgern mehr als dem Staat. Das Projekt einer «Zivilisierung» der eigenen Bevölkerung durch die harte Hand der Machthaber findet durchaus Beifall.

Die grossen Internetfirmen wie Alibaba oder Tencent haben besonders fleissig Vorarbeit geleistet. Alibaba, der chinesische Internetgigant, der mit seinen Online-Handelsplattformen Taobao und Tmall mehr Umsatz macht als Amazon, hat Daten von fast 800 Millionen Nutzern gesammelt.

Auch Alibaba bewertet Käufer

Mit seinem Dienst «Sesame Credit» bietet die Firma seit einiger Zeit ein umfassendes Bewertungssystem, an dem man freiwillig teilnehmen kann. Wie «Sesame Credit» den Punktestand genau berechnet, gibt Alibaba nicht preis. Bekannt ist nur, dass der Einkauf bestimmter Produkte besser bewertet wird als der anderer und dass es sich lohnt, Freunde mit hoher Punktezahl zu haben. Nach eigenen Angaben stellt das Unternehmen die Daten auf Wunsch Behörden und Banken zur Verfügung.

Konkurrent Tencent, der Betreiber von WeChat, arbeitet an einem ähnlichen System und übergibt die Chat-Protokolle bereitwillig auf Anfrage den Behörden. Alibaba ist Betreiber von Alipay, einer reinen Bezahl-App, bei WeChat gibt es ein Chatprogramm mit integrierter Zahlmöglichkeit: Der Geldtransfer ist damit erfasst.

Das ist allerdings nicht das Ende der Fahnenstange. Ein Besuch bei der Firma Megvii im Nordwesten Pekings, dem chinesischen Silicon Valley, macht deutlich, was die Bürger in China demnächst noch erwartet. Die Firma hat sich auf Kamerasoftware spezialisiert. Und sie funktioniert so: Schon am Eingang wird man erfasst. Die Software erkennt: ein Mann. Beim Alter ist sie sich erst noch etwas unschlüssig. Auf dem Bildschirm schwankt die Angabe zwischen 35 und 42. Dann pendelt sich die Zahl bei 38 ein. Volltreffer. Die Software vermisst zudem das Gesicht, erstellt ein Bewegungsprofil und merkt sich spezielle Merkmale wie Leberflecken, die Form der Ohrmuscheln und die Augenfarbe. Erfasst die Kamera denjenigen ein paar Minuten später das zweite Mal, spuckt die Software alle Daten sofort aus – dieses Mal alles korrekt. Das System ist lernfähig. «Wenn du vor einer unserer Kameras stehst, wissen wir sofort, wer du bist», sagt Megvii-Mitarbeiterin Ai Jiandan. «Jedes Gesicht hat seine speziellen Merkmale.»

Geld via Gesichtserkennung

Die China Merchants Bank, das sechstgrösste Geldhaus im Land, ermöglicht den Kunden bereits Geldabheben per Gesichtserkennung. Auch Alibaba ist begeistert von dieser Technik. Der Internetriese sieht darin die Möglichkeit, Online-Verkäufe und reale Geschäfte miteinander zu kombinieren. Alibaba stellt sich das folgendermassen vor: Wer einen Laden betritt, der mit Alibaba-Technik arbeitet, wird von Kameras erfasst. Die Software merkt sich, vor welchen Kleidungsstücken Kunden stehen bleiben, was sie anprobieren. All das fliesst in ihr Benutzerprofil ein. Online können diesen Kunden dann noch mehr Produkte angeboten werden, die aufgrund der Datenauswertung auf ihre Vorlieben ausgerichtet sind.

Auch hierbei scheint Datenschutz für den Konzern kein Problem darzustellen. Als Alibaba-Marketingchef Chris Tung im vergangenen Herbst die Pläne in Schanghai vorstellte, wollte eine Journalistin wissen, wie es Alibaba mit der Privatsphäre halte. Der Manager verstand ihre Frage nicht. Oder er wollte sie nicht verstehen.

Ob mit der Bürgerbewertung künftig die Linientreue überprüft wird? Möglich sei das, fürchtet ein Pekinger Netzaktivist, der nicht mit Namen genannt werden möchte. So erhalten in der Versuchsstadt Rongcheng Bürger Extrapunkte, wenn sie regelmässig die Website der parteinahen Volkszeitung besuchen. Wer es wage, in den sozialen Medien die Missstände im Land zu kritisieren, müsse mit einem Punktabzug rechnen. Für Wang ist das nicht nur die «totale Kontrolle». Er befürchtet, dass die chinesische Führung sich auf diese Weise noch erfolgreicher «kommunistische Musterbürger» heranzieht.