Leben

Das Virus sucht auch die Traumdestinationen heim: Vier Auswanderer erzählen

Über die ganze Welt verstreut, haben sich Schweizerinnen und Schweizer im Ausland eine neue Existenz aufgebaut.

Über die ganze Welt verstreut, haben sich Schweizerinnen und Schweizer im Ausland eine neue Existenz aufgebaut.

Je nach Land trifft die Coronakrise Schweizer Auswanderer stark. Vier von ihnen erzählen: von monatelanger Quarantäne, der Sehnsucht nach dem Liebsten, Lebensmittelknappheit oder fehlenden Ärzten. Und weshalb es sie dennoch nicht nach Hause zurückzieht.

Sie haben ihre Koffer gepackt und sind zu einem neuen Leben fernab der Schweiz aufgebrochen: die Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland leben. Sei es der Liebe, des Abenteuers oder eines Engagements wegen, bauten sie sich in ihren Traumdestinationen eine neue Existenz auf.

Eine Existenz, die wegen der Coronakrise – je nach Wohnort und Branche – bedroht ist. Das bestätigt Nicole Töpperwien, Geschäftsleiterin von Soliswiss. Die Organisation berät Aus- und Rückwanderer und unterstützt finanziell in Not geratene Mitglieder. Sie sagt:

Auch die Auslandschweizer-Organisation ASO verzeichnet einen Anstieg der Beratungsgespräche.

Nicht alle der rund 770 900 Auslandschweizer seien gleichermassen von der Krise betroffen, sagt Töpperwien. Ein Schweizer Rentner sei etwa finanziell besser aufgestellt, als eine Kleinunternehmerin im Tourismusbereich oder ein Zahnarzt, der keine Patienten mehr empfangen darf. Vor allem ausserhalb von Europa können Auswanderer oft nicht auf eine Behörde hoffen, die mit Krediten oder Kurzarbeit die Wirtschaft unterstützt.

Eine Rückkehr in die Schweiz versuchen dennoch viele der Auswanderer unbedingt zu vermeiden. «Wir sehen grundsätzlich den Wunsch, auszuharren. Insbesondere bei jenen, die noch im Berufsleben stehen und sich in der neuen Heimat etwas aufgebaut haben. Zu viel Herzblut und Geld stecken im Auswanderungsprojekt», sagt Töpperwien.

Auch die vier Auswanderer, die mit uns gesprochen haben, wollen in ihrer neuen Heimat bleiben. Sie sind von der Coronakrise ganz unterschiedlich betroffen:

Brigitte Villa Eichenberger (Kolumbien): «Viele Menschen hungern»

Brigitte Villa Eichenberger lebt mit ihrer Familie im kolumbianischen Bergdorf Minca.

Brigitte Villa Eichenberger lebt mit ihrer Familie im kolumbianischen Bergdorf Minca.

«Seit dem 22. März leben wir in Quarantäne. Die Kinder wurden eine Woche früher aus der Schule entlassen. Kolumbien hat fast gleichzeitig wie Europa auf die Pandemie reagiert, trotzdem trifft sie das Land hart. Die Fallzahlen schrauben sich in die Höhe; viele Menschen haben ihren Job verloren und hungern. Die staatliche Hilfe ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Wir als Familie mit zwei Kindern haben bislang ein Hilfspaket mit Thunfischdosen, Reis und Seife bekommen. Aufgebraucht war das Paket nach etwas mehr als einer Woche.

Aus unserem Gästehaus sind Mitte März die letzten Besucher abgereist. Seither haben wir nichts mehr eingenommen. Dennoch sind wir privilegiert. Wir besitzen ein Haus, das Wasser beziehen wir von einer Quelle und den Strom über Solarpanels. Einzig die Krankenversicherung und etwas Essen müssen wir bezahlen. Sind alle Ersparnisse aufgebraucht und kommt es hart auf hart, kann ich auf mein Netzwerk in der Schweiz zählen.

Wann und unter welchen Umständen wir unser Gästehaus wiedereröffnen können, ist unklar. Wegen der Ausbildung unserer Kinder haben wir sowieso geplant, in etwa fünf Jahren in die Schweiz zurückzukehren. Im schlimmsten Fall ziehen wir die Rückreise vor.

Wir haben das Glück, dass wir in Minca leben, einem Bergdorf inmitten des Dschungels. Wie auch unsere Nachbarn bepflanzen wir unseren Garten intensiver als zuvor. Im Dorf hat der Tauschhandel zugenommen. Jemand hat Salat, jemand Hühner – so werden Lebensmittel herumgereicht.

Unsere Kinder können auf unserem Grundstück draussen spielen. In den Städten ist es schrecklich: Wer älter als 70 Jahre oder unter 5 Jahren ist, darf seit März nicht raus. Da die Schulen bis Ende Jahr geschlossen sind, bringen wir im Homeschooling unserem sechsjährigen Sohn das Schreiben und Lesen bei. Viele Einheimische können das nicht, in unserer Nachbarschaft leben viele Analphabeten.

Wer in der Stadt einkaufen war – das ist für eine erwachsene Person einmal pro Woche möglich – muss danach Fieber messen und seine Füsse sowie das Auto mit Chlor abspritzen.

Minca lebt vom Tourismus, relativ viele Ausländer betreiben hier ein Gästehaus oder Restaurant. Über Spenden finanzieren wir seit Beginn der Coronakrise eine Suppenküche. Einmal pro Tag werden somit alle im Dorf satt; und für die Kinder gibt es noch ein <Bettmümpfeli>. Doch das Geld wird knapp. Wir sorgen uns, dass mit dem Hunger die Situation eskaliert und die Kriminalität zunimmt.»

Esther Tschudi (Indien): «Völlig unklar, wann ich zurückkehren kann»

Können sich seit Monaten nicht sehen: Esther Tschudi und ihr Mann.

Können sich seit Monaten nicht sehen: Esther Tschudi und ihr Mann.

«Mit einem Köfferchen bin ich Ende Februar für zwei Wochen Ferien in die Schweiz eingereist, seither bin ich in meiner alten Heimat gestrandet. Eigentlich sollte ich in Goa, Indien, sein. Dort bauen mein indischer Mann und ich gerade unser Haus, in dem wir auch Gäste beherbergen werden. Momentan sind für mich die Grenzen jedoch zu. Mein Visum wurde annulliert, obwohl es noch zwei Jahre gültig gewesen wäre. Wann ich wieder zurückkehren kann, ist aktuell völlig unklar.

Ich bin vor acht Jahren nach Indien ausgewandert. Nun stellen sich mir Fragen wie: Muss ich mich jetzt in der Schweiz anmelden? Soll ich vorübergehend eine Wohnung mieten? Muss ich mir einen Job suchen? Die letzten Monate habe ich bei meinen Söhnen oder Freunden gewohnt. Nun wechsle ich in ein B&B. Auf die Dauer ist aber auch das keine Lösung.

Existenzängste habe ich nicht. Um meinen Aufenthalt in der Schweiz zu finanzieren, muss ich meine eisernen finanziellen Reserven anzapfen. Immerhin sind wir mit unserem Gästehaus nicht vom ausländischen Tourismus abhängig, Goa ist auch unter Indern ein beliebtes Ferienziel. Das gibt uns Sicherheit.

Aufgrund von Korruption und Rechtsstreitigkeiten hat sich der Bau unseres Hauses bereits verzögert. Die Coronakrise verschiebt die Fertigstellung erneut. Nun hoffen wir, dass wir im September 2021 die ersten Gäste empfangen können. Klappt das, reichen unsere Ersparnisse. Unterstützung vom indischen Staat gibt es nicht: Jeder und jede ist auf sich gestellt.

Schaue ich die Ansteckungskurve in Indien an, gehe ich davon aus, dass ich noch bis nächstes Jahr in der Schweiz bleiben muss. Auch zu meinem eigenen Schutz, ich bin 56 Jahre alt. Was, wenn ich ernsthaft am Virus erkranken würde? Die Spitäler in Indien sind völlig überfüllt. Wer medizinische Hilfe benötigt, kann nicht damit rechnen, diese zu erhalten. Im Gegenteil.

Sehr gerne würde ich meinen Mann in die Schweiz holen, aber er kann die Baustelle nicht verlassen. Im Moment ist Monsunzeit, da muss besonders gut geschaut werden, dass nichts kaputt geht. Zudem ist die Mafia in der Krise erstarkt. Das hat mit dem Kohle- und Sandraubbau auch starke Auswirkungen auf die Natur; aber ebenso auf den lokalen Handel. Insbesondere die Essensversorgung kontrollieren sie in unserer Region grösstenteils.»

Jonas Müller (Indonesien): «Für die vier Millionen Einwohner in Westpapua gibt es nur einen Lungenarzt.»

Jonas Müller hat in Westpapua die Hilfsorganisation Child Aid Papua mit einem Bildungs- und Umweltzentrum aufgebaut.

Jonas Müller hat in Westpapua die Hilfsorganisation Child Aid Papua mit einem Bildungs- und Umweltzentrum aufgebaut.

«Als der Bundesrat den Lockdown bekannt gab, war ich gerade zu Besuch in der Schweiz. Ich setzte mich umgehend vor den Computer und buchte einen Flug nach Indonesien. Es war einer der letzten. In dieser Krise die Leute in Raja Ampat im Stich zu lassen, wäre mir feige vorgekommen. Dort, in Westpapua, habe ich die Non-Profit-Organisation Child Aid Papua mit einem Bildungs- und Umweltzentrum aufgebaut. Wir bringen den Kindern Englisch und ökologisches Wissen bei. Mit ihnen führen wir auch Programme zum Meeresschutz oder der Abfallentsorgung durch.

Mitte März mussten sämtliche Schulen in Indonesien schliessen. So auch unsere. Erst seit dieser Woche dürfen wir wieder unterrichten. Neu kommen auch Schülerinnen und Schüler der Oberstufe zu uns. Sie sind mit dem Onlineunterricht ihrer regulären Schulen überfordert. Ihnen fehlt nicht nur ein Computer, sondern auch grundlegende IT-Kenntnisse. Bislang kannten sie nicht mal Google, wie sollen sie dann mit Videokonferenzen und Dateien zurechtkommen? Was möglicherweise in Regionen wie Jakarta funktioniert, klappt hier nicht.

Wir leben abgeschieden auf einer kleinen Insel. Bis vor etwa 20 Jahren lebten die Menschen hier als Selbstversorger. Das hat sich in der Coronakrise zeitweise wiederholt: Die Lebensmittelversorgung war über Wochen hinweg zusammengebrochen. Die Fähre, die Nahrungsmittel aus einer grösseren Stadt bringt, wurde eingestellt. Ebenso der Betrieb des Flughafens. Obwohl viele Menschen ihre Jobs in der Tourismusbranche verloren hatten, musste niemand hungern. Sie fischten, jagten Wildschweine im Wald und ernteten, was ihn ihren Gärten wuchs.

Ist das Ökosystem intakt, betrifft es die Einheimischen hier nur bedingt, wenn die Aussenwelt zusammenbrechen würde. Diese Erfahrung haben wir genutzt, um ihnen die Bedeutung des Umweltschutzes zu vermitteln. Um die Dorfgemeinschaft zu entlasten und das Risiko einer Ansteckung zu senken, organisierten wir regelmässige Bootstransporte in die nächste Stadt. Wer etwas brauchte, konnte dies bei unserer Organisation bestellen.

Man muss sich bewusst sein: Für die vier Millionen Einwohner in ganz Westpapua gibt es nur einen einzigen Lungenarzt. Unsere Crew haben wir intensiv zu den Vorsichtsmassnahmen geschult und ihnen Masken für den kurzen Aufenthalt in der Stadt mitgegeben.

Ein grosses Problem sind die Fake News. So geisterte etwa die Idee herum, dass Salzwasser das Virus abtöten würde. Bevor Leute von aussen Dörfer betreten durften, mussten sie daher ins Meer hüpfen. Solchem fatalen Aberglauben versuchen wir mit Aufklärung beizukommen. Was wir als Organisation spüren, ist ein Rückgang von spontanen Spenden. Da herrscht praktisch Stillstand. Da unsere Mitglieder aber weiterhin ihre Beiträge zahlen, können wir den Betrieb aufrechterhalten.»

Urs* (Westafrika): «Meine Mitarbeitende haben mir das Leben gerettet»

«Unter meinem richtigen Namen kann ich nicht von meiner Situation erzählen. Die Lage hat sich zugespitzt und die Behörden beobachten genau, wer was erzählt. Auch im Ausland. Seit mehr als zwei Jahrzehnte führe ich in Westafrika einen Betrieb mit mehreren Angestellten. Eine Krise wie die aktuelle habe ich noch nie erlebt. Der Umsatz brach komplett ein, denn die meisten meiner Kunden sind Ausländer. Fast alle von ihnen sind in die USA und nach Europa zurückgekehrt, als das Coronavirus Westafrika erreicht hat.

Das hiesige Gesundheitswesen ist völlig überlastet. Es dauert Tage, bis man behandelt wird. Die Menschen haben grosse Angst vor dem Virus. Fährt eine Ambulanz in ein Quartier, rennen die Anwohner weg. Die Kranken werden entsprechend stark stigmatisiert. Mich hat das Virus auch erwischt. Eine Woche lang wusste ich nicht, wie mir geschieht. Meine Mitarbeitende haben mir das Leben gerettet: Sie haben sich nicht von mir abgewandt, sondern mich gepflegt und aufgepäppelt.

Inzwischen geht es mir gesundheitlich wieder gut. Aber finanziell ist die Situation schwierig. Ich habe mein ganzes Erspartes aufgebraucht. Nur so musste ich niemanden entlassen – unter meinen Angestellten gibt es viele Familienväter. Viele Menschen hier stehen bereits vor dem Nichts. Deshalb lasse ich jeden Tag einen Topf Reis kochen, von dem sich mehrere Kinder aus dem Quartier ernähren können. Sonst hätten sie nichts zu essen.

Ich habe viel Unterstützung aus der Schweiz erfahren: von Freunden, Familienangehörigen und auch dem Staat. Dieser hat mir drei Monate lang einen kleinen Sozialhilfebeitrag gewährt.

In die Schweiz möchte ich aber nicht zurückkehren. Dort würde ich, Ende 50, kaum mehr einen Job finden. Und ich arbeite so gerne! Ganz langsam nehmen die Aufträge wieder zu. Aber die Unsicherheit ist enorm: Bricht das Geschäft erneut ein, bin ich innert einem Monat bankrott. Es wäre schrecklich für mich, wenn ich meine Zelte hier abbrechen müsste.

Ich habe eine Verantwortung gegenüber meinen Angestellten und ganz besonders gegenüber einem Buben, der seit seinem ersten Lebensjahr bei mir aufwächst. Ihn könnte ich nicht in die Schweiz mitnehmen. Ihn zurücklassen zu müssen, wäre ein Albtraum. Dieser Gedanke bereitet mir schlaflose Nächte.»

*Name geändert

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