Wie alles begann

Dunkle Haare, dunkle Augen, in der rechten Hand eine prall gefüllte Migros-Einkaufstasche mit Dokumenten – Sakuntala erscheint pünktlich zum Treffen in Luzern. Sie sieht jünger aus, als sie tatsächlich ist. Im Juni feierte Sakuntala ihren 40. Geburtstag. So steht es in ihrem Pass – 15. Juni 1978. Ob diese Angaben stimmen, das weiss die Frau mit der sanften Stimme nicht mit Sicherheit.

Mit fünf Jahren wurde sie aus Sri Lanka in die Schweiz adoptiert. Damals in den 80er Jahren, als sich einige junge Schweizer Paare nach einem Kind sehnten, aber keines kriegen konnten, wandten sie sich der Dritten Welt zu. So auch Sakuntalas Adoptiveltern. In Dawn Da Silva fanden sie eine Vermittlerin, die sich auf die Suche nach dem passenden Kind machte. Mit handgeschriebenen Briefen kommunizierte die Vermittlerin mit den baldigen Eltern. 

Da Silva schlug den Adoptiveltern ein Mädchen namens Anoma vor. Im gleichen Brief ist auch die Rede von Sakuntala. «Sakuntala, das fünfjährige Mädchen, weigert sich mit Fremden mitzugehen. Es ist daher sicherer, Anoma zu adoptieren», schreibt Vermittlerin Da Silva an die Adoptiveltern. 1983, in die Aargauer Gemeinde Reinach, kam dennoch Sakuntala. Warum, das weiss die 40-Jährige nicht. Fragen kann sie niemanden.

Auszug aus einem handgeschriebenen Brief, den die Vermittlerin Dawn Da Silva an die Adoptiveltern von Sakuntala schrieb. Im Brief erwähnt sie Sakuntala: «The girl Sakuntala aged 5 years is refusing to go with foreigners so it's safer to adopt Anoma.»

Auszug aus einem handgeschriebenen Brief, den die Vermittlerin Dawn Da Silva an die Adoptiveltern von Sakuntala schrieb. Im Brief erwähnt sie Sakuntala: «The girl Sakuntala aged 5 years is refusing to go with foreigners so it's safer to adopt Anoma.»

Mit ihren Adoptiveltern hat Sakuntala kein gutes Verhältnis – ihre Adoption war ein Tabu-Thema. An ihre Jugendjahre erinnert sie sich nicht gerne. «Liebe, Geborgenheit und das Verständnis für meine Situation fehlten», sagt Sakuntala ohne Bitterkeit in der Stimme. Ihre Eltern investierten mehr in das eigene Geschäft, als in die Beziehung zu ihrer Adoptivtochter, erzählt diese. Doch auch sie hatte Mühe, sich in ihrer neuen Heimat zurecht zu finden.

Als Teenager reisst Sakuntala aus. Als sie wieder zurückkommt, wartet die Polizei zu Hause. Nichts passiert. Weder die Behörden, noch die Adoptiveltern nehmen Sakuntala ernst. «Ich wurde allein gelassen. Allein mit einer Million Fragen, die mir niemand beantworten wollte.» Mit 14 Jahren verlangt sie das erste Mal nach ihrer Geburtsurkunde. Viele Jahre verstreichen, bis die junge Frau endlich den Mut hat, sich auf die Suche nach ihren Wurzeln zu machen.

Die Reise in die Vergangenheit

Anfang dieses Jahres reist Sakuntala zusammen mit ihrem Mann nach Sri Lanka. Sie will endlich die Frau treffen, mit der sie 2012 einmal telefonierte. Die Frau, die behauptet, ihre leibliche Mutter zu sein. Vor sechs Jahren meldete sich ein Mann auf einen Eintrag, den Sakuntala in ein soziales Netzwerk postete. Ein Netzwerk, das vor allem in Indien und Sri Lanka rege genutzt wird. Sie suche nach ihrer biologischen Mutter und sei froh um jede Hilfe, schrieb sie. Ein Mann aus Frankreich, sri-lankischer Abstammung, erklärte sich bereit, bei ihrer Suche zu helfen. Doch bereits an jenem Februarabend 2012, als Sakuntala das Telefon entgegennahm, spürte sie, dass etwas nicht stimme. «Der Funken fehlte», sagt sie heute.

Sakuntala war sich sicher: Diese Frau war nicht ihre Mutter. Ihre Befürchtung sah sie sechs Jahre später bestätigt.

Sakuntala im Februar 2018 in Sri Lanka.

Sakuntala im Februar 2018 in Sri Lanka.

In Sri Lanka angekommen, reist sie in die Stadt, die als ihr Geburtsort auf den offiziellen Dokumenten angegeben ist. In Kahawatta, südöstlich der Hauptstadt Colombo, kennt man sie nicht. Im dortigen Krankenhaus sucht man vergeblich nach ihren Akten. Nicht ein einziger Eintrag zeugte von ihrer Existenz. Erschütternd, beschreibt Sakuntala das Gefühl: «Ab diesem Moment wurde mir langsam klar, dass alle meine Dokumente gefälscht sind.» Zeit, um diese Erkenntnis zu verdauen, hat sie nicht. Bereits einige Tage darauf meldet sich eine Bekannte ihres Vermittlers aus Frankreich. Ihre Mutter sei nun bereit für ein Treffen, sie sei jedoch sterbenskrank, heisst es am Telefon. Gleichzeitig warnt die Bekannte Sakuntala: «Sie sagte mir, dass diese Frau, die behauptet meine Mutter zu sein, gemäss den Nachbarn früher Handel mit Babys betrieb.» Mit einem mulmigen Gefühl im Magen machen sich Sakuntala und ihr Mann auf den Weg. Zurück nach Colombo, zum Haus ihrer angeblich biologischen Mutter.

Vor Ort geben sich Hoffnung und Enttäuschung die Klinke in die Hand. Ihre vermeintliche Mutter ist alles andere als krank. Sichtlich munter begrüsst sie Sakuntala. «Ich befand mich in einem riesigen Lügenkonstrukt und wusste nicht mehr, was richtig und was falsch war», beschreibt sie die Situation. «Meine angebliche Mutter verkündete mir, dass sie meine Tante ist und erzählte, dass meine echte Mutter im Krieg starb. Darauf sei ich in ihre Obhut gekommen.» Sakuntala kriegt es mit der Angst zu tun. Was, wenn diese Frau tatsächlich Menschenhandel betrieb und das bis heute vertuscht? Was will sie von ihr, von Sakuntala?

Sakuntala (dritte von rechts) mit ihrer angeblich biologischen Mutter (zweite von rechts) und deren Töchter.

Sakuntala (dritte von rechts) mit ihrer angeblich biologischen Mutter (zweite von rechts) und deren Töchter.

Hals über Kopf verlässt Sakuntala die Wohnung. Fliegt zurück in die Schweiz, völlig aufgelöst. Sie will nichts mehr von dieser Frau wissen. Bis der zermürbende Wunsch nach Wahrheit zurückkehrt. Zwei Wochen später kontaktiert sie den Fahrer, der sie zum Haus in Colombo fuhr und dem sie von ihrer Suche erzählte. Sie schickt ihn zurück zu ihrer angeblichen Tante für DNA-Proben.

Einige Zeit später hat Sakuntala Gewissheit: Nicht ein einziges ihrer Gene stimmt mit jenen ihrer Tante überein. Sie kann also weder die Schwester ihrer Mutter noch sonst mit Sakuntala verwandt sein. «Mein damaliger Fahrer hat sie darauf angesprochen. Sie reagierte wütend und meinte, der Gentest lüge», erzählt die 40-Jährige. Für Sakuntala ist klar: Sie muss bei Null beginnen. «Dieses Gefühl ist unglaublich schwer zu beschreiben. Ich war am Boden zerstört.» Hätte sie nicht vier Kinder zuhause, die auf ihre Mutter warten, wäre sie nach Sri Lanka zurückgekehrt. Tief liegt die Verwurzelung mit diesem Land, in dem sie geboren wurde. 

Das Jetzt

Heute, ein halbes Jahr später, hat sich Sakuntala von den Ereignissen erholt. Sie ist sich nun endgültig sicher, dass ihre Adoption nicht mit rechten Dingen zu und her ging. Vielleicht stammt sie sogar von einer Babyfarm. Ihre Dokumente sind gefälscht. Sie enthalten offensichtliche Fehler. Ihre angebliche Tante ist nicht einmal ansatzweise mit ihr verwandt und war möglicherweise einst in Menschenhandel verstrickt.

Die offiziellen Dokumente, die Sakuntala von ihren Adoptiveltern erhalten hat, enthalten offensichtliche Fehler. So ist ihre Einreisebewilligung auf das Jahr 1983 datiert. Sakuntalas Geburtsjahr wird mit 1976 angegeben, in Klammern steht «5 Jahre alt». Wäre sie tatsächlich 1976 geboren, wäre sie jedoch 1983 nicht fünf, sondern sieben Jahre alt gewesen.

Die offiziellen Dokumente, die Sakuntala von ihren Adoptiveltern erhalten hat, enthalten offensichtliche Fehler. So ist ihre Einreisebewilligung auf das Jahr 1983 datiert. Sakuntalas Geburtsjahr wird mit 1976 angegeben, in Klammern steht «5 Jahre alt». Wäre sie tatsächlich 1976 geboren, wäre sie jedoch 1983 nicht fünf, sondern sieben Jahre alt gewesen.

Das zermürbende Unwissen gibt ihr den Antrieb, weiterzumachen. «Erst wenn ich weiss, dass ich alles versucht habe, um meine Mutter zu finden, werde ich aufhören zu suchen», sagt sie ernst und fügt hinzu: «Ist es nicht eine der essentiellsten Fragen eines Menschenlebens, zu wissen, woher man kommt?»

Sakuntala fühlt sich zwar in der Schweiz zuhause. Hier ist sie aufgewachsen, die Schweiz ist das Land, das sie kennt. Einfach ist es trotzdem nicht. Auch nicht, weil sich ihr Verhältnis zu ihren Adoptiveltern seit ihrer Reise nach Sri Lanka weiter verschlechtert hat. «Sie sehen mich nur noch als Kameradin. Ich habe den Tochterstatus durch meine Suche verloren.» Eine harte Aussage. Dennoch plagen sie Gewissensbisse. «Ich weiss, dass ich unendlich dankbar sein muss. Aber es ist extrem schwierig, jemandem für ein Leben zu danken, nach dem man eigentlich nie gefragt hat.» Sakuntala weiss, dass ihre Adoptiveltern ihr Bestes gegeben haben. Jedoch reichte das nicht aus, um einem 5-jährigen Mädchen aus einer völlig anderen Kultur das zu geben, was sie wirklich gebraucht hätte. Halt und Sicherheit. 

Die zivile Trauung mit ihrem Mann.

Die zivile Trauung mit ihrem Mann.

«Dass du nichts über deine Wurzeln weisst, bricht immer wieder über dich herein», sagt sie. Zum Beispiel damals, als sie zum ersten Mal Mutter wurde und die Frage des Arztes nach Erbkrankheiten nicht beantworten konnte. Heute sagt sie, sie habe genug gelitten. «Ich will nicht mehr nur funktionieren, mich verbiegen und so sein, wie Andere mich gerne hätten. Ich will einfach nur ich sein und mein eigenes Leben leben.» Die Erfahrungen, die sie in ihrem Leben gemacht hat, gibt sie weiter. An andere Adoptierte, die noch ganz am Anfang ihrer Suche stehen. Ihre Arbeit als Coach gibt ihr viel. «Es tut gut, mit Gleichgesinnten zu reden. Denn sie wissen, was man wirklich durchmacht und wie man sich fühlt.» Auch ihr Mann und ihre vier Kinder geben ihr Halt. Dann, wenn erneut all die offenen Fragen ihre Gedanken plagen.

Viel Zeit bleibt ihr nicht mehr. Ihre biologische Mutter müsste gemäss den Papieren bereits 80 Jahre alt sein. Vielleicht ist sie auch schon tot. Aber Sakuntala gibt nicht auf. Papier für Papier packt sie die mitgebrachten Dokumente zurück in ihre Migros-Einkaufstausche. Säuberlich geordnet liegen sie dort in einer dicken Mappe und warten darauf, wieder herausgenommen zu werden. «Ich werde nie aufhören zu suchen», sagt die 40-Jährige mit fester Stimme und erhebt sich von ihrem Stuhl.