Sandrine hat Pech. Ausgerechnet eine 12. Der Mönch schaut sie mitleidig an und streckt ihr das Tablett mit den drei Würfeln noch einmal hin. Sandrine schüttelt kräftig, lässt die Würfel fallen: 14. «Oh, jetzt, eine Glückszahl», sagt der Mönch und prophezeit der Besucherin ein langes Leben. Ein kleiner Knicks, dann verzieht sich der Kuttenträger hinter den Vorhängen des abgelegenen Lungchutse-Klosters im wilden Westen Bhutans.

Draussen rauschen riesige Rhododendren, dahinter stemmen sich verschneite 7000er in den Herbsthimmel. Ein einsamer Wanderweg führt zu diesem Ort, der neben der Aussicht in die bergigen Weiten Bhutans auch eine Einsicht bietet: Harmonie zählt im letzten Himalaja-Königreich mehr als verbindliche Spielregeln. Und sowieso: Wer braucht schon fixe Regeln, wenn er sich stattdessen von tausend Mythen die Sinne aufs Schönste vernebeln lassen kann?

Die Mythen, die das buddhistische Land bis in die hintersten Ecken durchwuchern, reichen zurück ins 8. Jahrhundert, als der Guru Rinpoche auf einem Tiger ins Land geflogen kam. An jener Stelle, an der der Staatsheilige einst meditiert hat, klebt heute das Tigernest-Kloster 800 Meter über dem Boden an der Felswand und raubt den Touristen den Atem – nicht nur wegen der märchenhaften Architektur, sondern auch wegen des steilen Aufstiegs.

Heute noch leben die Bhutaner ähnlich wie zu Zeiten Guru Rinpoches. Sie bauen Reis an, trocknen Chilis auf den Wellblechdächern ihrer farbigen Bauernhäuser und verehren die buddhistischen Götter. Erst seit 1974 lässt das Königreich Touristen ins Land. 250 000 kamen im vergangenen Jahr, alle von ihnen (mit Ausnahme der Bürger des historisch verbündeten Indiens) auf Schritt und Tritt begleitet von staatlich zertifizierten Guides, die die Fremdlinge wie hilfsbereite Berggeister durch das Land lotsen. Hinter dem restriktiven Tourismuskonzept steckt die Angst der Bhutaner vor dem Verlust der eigenen Hochkultur.

Chilis und die CO2-Bilanz

Ähnlich bevormundet wird man als Tourist nur in Nordkorea. Im Unterschied zum Unrechtsstaat aber kümmert sich der hiesige Herrscher bestens um sein eigenes Volk. Seit den 1970er- Jahren lässt er alle paar Jahre erheben, wie glücklich die Bhutaner sind. Das staatlich verordnete Streben nach Glück hat dazu geführt, dass in Bhutan weder Schusswaffen verkauft noch öffentlich Zigaretten geraucht werden dürfen. Zudem wird überall auf die Gefahren des Klimawandels hingewiesen. Bhutan ist bis heute der einzige Staat der Welt mit einer negativen CO2-Bilanz. Auch das, glaubt der König, macht glücklich.

Lama Namgay ist einer der 700 000 Bewohner des – rein wirtschaftlich gesehen – bitterarmen Landes. Der kahl geschorene Mönch sitzt vor dem Phajoding-Kloster hoch oben über Thimpu, der einzigen Hauptstadt der Welt ohne Rotlichtsignal. Namgay kam vor sieben Jahren in das verlotterte Kloster und fing an, die alten Räume eigenhändig wieder herzurichten.

Er gründete eine Klosterschule und unterrichtet heute 50 Waisenknaben in Mathematik, buddhistischer Theologie und Englisch. «Die Dusche ist kalt, die Holzpritsche hart, das Essen einfach, das Leben gut», sagt Namgay und schöpft den Besuchern mit den lustigen Wanderjacken noch ein wenig vom Nationalgericht Ema Datsi: Reis mit Chilis und Yak-Käse. Passang, einer seiner Schüler, setzt sich dazu und erzählt, wie er von seinen Eltern hierhergeschickt wurde, weil für ihn zu Hause kein Platz mehr war. «Irgendwann will ich in meine Heimatstadt Punakha zurück und dort im Dzong arbeiten», sagt Passang.

Die Dzongs sind Bhutans Burgen, Wirkungsstätten nicht nur von religiösen Bruderschaften, sondern auch von Ministerien und Gerichten. Wie viel Autorität sich in diesen halb-säkularen Machtzentren vereint, zeigt die Legende um den Tod von Ngawang Namgyal, dem Erbauer des Punakha Dzongs, dem spirituellen Nabel des Landes. Nachdem der Nationalheld 1651 starb, schaffte es seine Entourage, seinen Tod 58 Jahre lang zu verheimlichen. Niemand fragte nach, wieso der Führer der Nation so lange schwieg. Niemand getraute sich, die Legende um den ewigen Herrscher anzuzweifeln.

Ehre dem obszönen Reformator

Unweit vom Dzong am Rande des Punakha-Tals, in dem sich die Reisterrassen wie gelbe Schuppen über die Hügel ziehen, liegt der Chimi-Lhakhang-Tempel, eine ästhetische Herausforderung für westliche Besucher. Erigierte Holzpenisse im beneidenswerten Riesenformat stehen auf den Fenstersimsen, von den Wänden schielen kopulierende Fabelwesen auf die Besucher herab. Der Tempel ist dem heiligen Ngawang Choegyel gewidmet, dem «Göttlichen Wahnsinnigen». Ngawang kam im 15. Jahrhundert in die Gegend und empfahl dem unwissenden Bergvolk, sich mit Brüsten und Penissen gegen die gefürchteten Dämonen zu wehren. Der obszöne Reformator gilt heute noch manch einem als heimliches Vorbild.

Überhaupt richtet sich der Blick der Bhutaner praktisch ausschliesslich rückwärts, wenn es darum geht, leuchtende Beispiele für den eigenen Lebensweg zu finden. Bhutan weiss, dass es – eingeklemmt zwischen den zwei globalen Giganten China und Indien – geopolitisch nie eine Rolle spielen wird. Diese Schwäche nutzt das Land, um ehrfürchtig in sich zu gehen und sich mit der Pflege alter Traditionen eine fragile Stabilität zu erhalten, die nach der Vorstellung der Bhutaner nur vom Grollen der heimischen Donnerdrachen ins Wanken gebracht werden könnte. Bhutan heisst in der Muttersprache seiner Bewohner Druk Yul, das Land des Donnerdrachens. Der Glaube an die unheimlichen Monster ist bis heute weit verbreitet.

Heimisch sind die Donnerdrachen im ewigen Eis, sagt unser Guide und deutet über die Dächer des Chimi Lhakhang-Tempels hinweg. Alles über 6000 Meter Höhe – das ist gesetzlich festgeschrieben – ist Sperrzone. Niemand darf hin, nicht einmal professionelle Alpinismus-Expeditionen. Denn dort oben hausen nicht nur die Donnerdrachen, sondern auch die buddhistischen Gottheiten. Und die soll man jetzt nicht stören. Nicht in Zeiten, in denen das Land so dringend auf ihren Goodwill angewiesen ist, um sich der Veränderung zu entziehen, der selbst die mächtigen Wände der Dzongs und die höchsten Gipfel der Erde wohl irgendwann nichts mehr entgegenhalten können.