Porträt

Beruf Tatortreiniger: Spezialist für Blutflecken und Verwesung

Alexander Häusler in Aktion: Nur in Schutzkleidung betritt er Tatorte.Nicolas Zonvi

Alexander Häusler in Aktion: Nur in Schutzkleidung betritt er Tatorte.Nicolas Zonvi

Nach einem Mord wischt er die Spuren des Todes weg – auf Putztour mit einem Tatortreiniger.

Die Wohnungstür ist lediglich eine Hand breit offen. Ein unerträglicher Gestank breitet sich im Treppenhaus aus. Würde einem davon nicht übel, wähnte man sich irgendwo vor einer 1,5-Zimmer-Wohnung. Doch der Mieter hier ist gestorben. Zwei Wochen lag er tot in der Wohnung, bevor Nachbarn auf den Leichengeruch aufmerksam wurden. Die Liegenschaftsverwalterin fand den merklich verwesten Körper. Dass Tote manchmal lange Zeit unentdeckt bleiben, da niemand den Verstorbenen vermisst, komme öfter vor, als man denke, sagt Alexander Häusler.

Wenn Alexander Häusler an einem Tatort eintrifft, ist die Leiche schon weg, der Fundort von der Polizei freigegeben. Oft weiss er nicht einmal, woran einer gestorben ist, wenn ihn der Eigentümer, der Hausmeister oder die Angehörigen rufen. Manchmal erfährt er es von Nachbarn. Trifft er auf Hinterbliebene, die sich das Leid von der Seele reden wollen, ist Fingerspitzengefühl gefragt. Dann hört er zu, lässt die Arbeit warten.

Alexander Häusler bereitet Leichenfundorte auf. Er schrubbt eingetrocknetes Blut von Decken, Wänden und Böden, entfernt Insekten und lässt den Geruch von Leichen verschwinden. Einige der Hingeschiedenen sind einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen, andere haben sich das Leben genommen oder sind eines natürlichen Todes gestorben – in jedem Fall lautet der Fachbegriff für den Fundort «Tatort». «Suizide kommen häufiger vor als Gewaltverbrechen», sagt der 51-Jährige, «besonders oft bei alten Menschen.»

Spuren der Toten verwischen

Bevor Häusler eine kontaminierte Wohnung betritt, verschafft er sich einen Überblick, wählt die richtigen Maschinen und Geräte, stellt Reinigungs- und Desinfektionsmittel bereit. Ein weisser Schutzanzug, Gummihandschuhe und -stiefel sowie eine Brille und Atemschutzmaske bewahren ihn vor Bakterien und Viren und den giftigen Substanzen, die er später einsetzen wird. Über Polizisten, die Tatorte ohne Schutzkleidung betreten, schüttelt er den Kopf: «Die Infektionsgefahr ist enorm.»

Ist der Gestank unerträglich, neutralisiert er diesen vorab mit Ozon. Dann desinfiziert und reinigt Häusler die Räumlichkeiten, schrubbt eingetrocknetes Blut weg, verwischt die Spuren der toten Körper. Gelegentlich unterstützt ihn seine Frau bei der Arbeit.

Immer, wenn er einen Leichenfundort betrete, befalle ihn eine dunkle Schwere. «Es ist nicht so, dass ich deswegen schlecht schlafe», sagt der 51-Jährige. Doch die Geschichten rund um die oft grausigen, menschlichen Abgründe bewegen ihn. «Besonders Mühe habe ich, wenn Kinder betroffen sind», sagt der Vater von zwei Kindern. Mit Unbehagen erinnert er sich an den Doppelmord an einem Ehepaar, das mit einem Messer regelrecht massakriert wurde. Der kleine Sohn musste darauf in eine psychiatrische Klinik. Oder die junge Frau, die sich mit einer Gebrauchsanleitung aus dem Internet das Leben nahm und von der Mutter gefunden wurde. Sie verlor beinahe den Verstand.

Wo der Dreck regiert

Vor ein paar Jahren ist Alexander Häusler über einen Bekannten zu diesem Job gekommen. Beim Basler Berufskollegen Sascha Torriani, der gemeinsam mit seiner Frau vor gut einem Jahr den «Verband Schweizer Tatortreiniger» ins Leben gerufen hat, lernte er das Handwerk. Häusler ist gelernter Koch und Maler. Seine vielseitige Berufserfahrung lässt er in die Arbeit einfliessen. Tüfteln mag er über den Reinigungsmitteln. Häusler hat gegen jeden Blut-, Kalk- oder Fettflecken das Passende parat.

«Eine Wohnung sollte so gereinigt und desinfiziert hinterlassen werden, dass sie wieder problemlos bewohnt werden kann», sagt Häusler. Besonders viel Arbeit machen Reinigung und Räumung von Messie-Wohnungen. Häusler erzählt von einem jungen Drogentoten, der tagelang zwischen seinem Müll gelegen hatte. Doch damit nicht genug: «Die Wohnung war übersät mit Insekten, die Decken gelb vom Nikotin, der Dreck türmte sich hüfthoch und überall gab es Schimmel, Kot und Urinflecken.» Er wisse nicht, wie viele 120-Liter-Abfallsäcke sie gefüllt hätten. Es müssen über 100 gewesen sein. «Wegen des Geruchs kann bisweilen nichts mehr gebraucht werden. Selbst neue Fernsehgeräte, Computer oder Musikanlagen müssen dann entsorgt werden.»

Türe zu und fertig

Eine Tatortreinigung kann ganz schön ins Geld gehen. Die Spannbreite reicht von ein paar hundert Franken bis zu fünfstelligen Beträgen. In manchen Fällen müssen Böden entfernt, Wände rausgerissen, ganze Einrichtungen ersetzt oder vollständig desinfiziert werden. Andernorts reicht ein minimaler Aufwand.

Häusler ist zwar auf Tatortreinigungen spezialisiert, putzt auf Anfrage aber auch andernorts. Wie in der Wohnung jenes Mannes, der spurlos verschwand. Die Verwaltung fand die Räumlichkeiten derart verdreckt vor, dass Häusler mit Spezialmitteln anrücken musste, um Wohnzimmer, Bad und Küche gründlich zu reinigen.

Der Job gefalle ihm immer besser, sagt Alexander Häusler, die Auftragslage sei nicht schlecht. Zufrieden ist er, wenn er eine Wohnung so hinterlassen kann, als wäre nichts geschehen. Dann schliesst er die Tür hinter sich, verlässt das Haus und schaltet ab.

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