Esskultur

Auszeit um 12.00 Uhr: Ein Plädoyer für das Mittagessen zu Hause

Beatrice Sandmeier kocht über Mittag immer. Sie hat uns am Wochenmarkt spontan zu sich eingeladen. Bericht einer Auszeit, die Luxus geworden ist.

Das letzte Mal einen Dürüm gegessen hat Beatrice Sandmeier vor ein paar Jahren an der Aare, als sie eine Weiterbildung machte. Das letzte Mal Pommes frites gab es auf dem Ausflug mit ihren Kindergartenkindern. Pizza isst sie öfter – aber nur selbst gemachte.

Wir stehen in ihrer Küche und schälen eine Karotte. Wenn man sich schon selber zu Fremden zum Zmittag einlädt, dann geht man in der Küche zur Hand, so gut man kann. Beatrice Sandmeier, 65, Kindergärtnerin aus Aarburg AG, nimmt die geschälte Karotte vom Rüstbrett und bessert nach. Mit dem alten Sparschäler, nicht mit der Version, auf welche die Schweiz stolz ist. «Mit dem alten gehts mir besser», sagt sie und uns ist längst klar, dass wir in die Kühe eines Profis geraten sind.

Schreiben wollten wir über das einfache Schweizer Zmittag, wo es um die reine Nahrungsaufnahme geht, unbelastet von allen Ernährungstrends, aber auch abseits der Auswärts-schnell-Verpflegung. Wir stellten uns darauf ein, Nüdeli mit Tomatensauce zu essen oder gebratene Tätschli von der Polenta vom Vortag. Was Schnelles halt, pünktlich auf dem Tisch, aber mit Liebe serviert für alle hungrigen Anwesenden.

Deshalb fragten wir am Wochenmarkt in Olten ein paar Frauen, ob sie heute kochen würden und ob wir ihnen dabei über die Schulter blicken dürften. Getroffen haben wir die Zubereiterinnen der schnellen Mittagsküche an diesem Vormittag durchaus. Junge Mütter, auch ein paar Väter, oft mit Kinderwagen unterwegs. Die sagten, sie kochten heute, wüssten aber noch nicht was. Reis vielleicht.

Keine Hauptmahlzeit mehr

Der Hunger am Mittag ist etwas, was man beseitigen muss. 70 Prozent aller erwachsenen Schweizer tun es auswärts, das hat die nationale Ernährungserhebung 2015 ergeben. Sie essen bestenfalls in einem Restaurant, in einer Mensa vielleicht, aber oft ist es auch nur Convenience-Food aus dem Kühlregal oder eben ein Dürüm. Das Zmittag zu Hause ist längst nicht mehr Standard und damit auch oft nicht mehr unsere Hauptmahlzeit.

Food Trucks sind bei Hungrigen hoch im Kurs

Food Trucks sind bei Hungrigen hoch im Kurs

Dass es früher anders war, zeigt die nationale Ernährungserhebung auch: Es sind heute nämlich die über 65-Jährigen, die eher mittags kochen, die Jüngeren eher abends. «Das macht nichts», sagt Ernährungsberaterin Charlotte Weidmann Schneider von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE, obwohl auch sie genau so aufgewachsen ist: Die Mutter kocht ein von Grund auf selbst zubereitetes Zmittag, Vater und Kinder alle am Tisch. Schon in den 60er- und 70er-Jahren wurde Gemüse in Konserven hip, für jene, die sich das leisten konnten. Genau betrachtet begann der Trend zum schnelleren Zmittag schon 1880 mit der Erfindung des Bouillonwürfels. Das hatte mit der Industrialisierung zu tun: Die Eltern, und nicht selten auch die Frau, arbeiteten nun auswärts, seltener auf dem eigenen Hof oder in der Werkstatt. Und wenn schon die Arbeit industrialisiert wurde – warum nicht auch beim Kochen effizienter werden?

Nicht mehr alltagskompatibel

Wir wollen hier also nichts verklären. Und auch die Ernährungsberaterin sagt: «Die Arbeitswege wurden länger, die Mittagspausen kürzer, viele Frauen arbeiten. Ein selbst gekochtes Mittagessen ist nur noch selten kompatibel mit der Alltagsrealität.»

Und doch tun es manche noch. Zmittag kochen. Und wir wollten wissen, wie sich das anfühlt.

Mittagessen bei Frau Sandmeier

Mittagessen bei Frau Sandmeier

Als Erste zugesagt hat dann eben Beatrice Sandmeier, die beim Auftischen entschuldigend sagt: «Servietten gibt es nur, wenn die Schwiegermutter kommt.» Der Rüebli-Gurken-Radieschen-Blatt-Salat aber wird in separaten Tellern serviert. Zum Hauptgang musste dann auch sie selber sagen: «Mein Mann ist sehr verwöhnt.» Es gibt Saltimbocca mit Frühkartoffeln und dreierlei sautiertem Gemüse. Am Fleisch steckt je ein Blatt des Salbeistrauches im Garten.

Zubereitet hat sie das Ganze unglaublich flink (das Wasser für die Kartoffeln im Wasserkocher erhitzt) und machte keinen Fehler, obwohl wir sie ständig mit Fragen ablenken. Jahrelange Übung. Früher brachten die Kinder spontan ihre Freunde heim. Heute sitzt zweimal in der Woche Enkelin Johanna, 2, auf dem Fensterbrett neben dem Schüttstein und schaut zu. Ihre Mutter, also Beatrice Sandmeiers Tochter, erscheint dann rasch zum Zmittag. Und nicht selten noch der Schwiegersohn. Immer natürlich auch ihr Mann, Peter Gretz.

Mittagessen bei Frau Sandmeier

Mittagessen bei Frau Sandmeier

Angelockt werden sie von Beatrice Sandmeiers Essen. Sie kocht gesund, bio meist, ausgewogen sowieso, das Baumnussöl stammt vom Baum im Garten. Und: «Essen ist viel mehr als reine Nährstoffzufuhr», sagt Charlotte Weidmann Schneider. «Es geht auch um Tischkultur, um die Freude am Essen, Gesellschaft, Austausch, den Moment der Ruhe, den Szenenwechsel.»

Das muss man sich leisten können und wollen. «Aber wenn wir sagen, wir haben keine Zeit, um richtig Zmittag zu essen, betrügen wir uns genau darum», sagt die Ernährungsberaterin. Ein Tag in zwei Portionen, mit einer echten Verschnaufpause. Luxus. Man stelle sich vor, wir würden uns das immer leisten und energiegeladen den Rest der Arbeit anpacken. Oder wir würden wie früher als Kind eine Sorge am Zmittagtisch abladen, die am Nachmittag nur noch halb so schlimm scheint.

Zmittag gibt es auch andernorts

Die Zeiten haben sich geändert, aber das Bedürfnis ist geblieben. Wer keine Frau, Mutter, Grossmutter oder Schwiegermutter hat oder einen der selteneren über Mittag kochenden Männer, der findet den Zmittag-Luxus andernorts: Gekocht wird in Kirchengemeindehäusern, in Quartiertreffpunkten, im Gemeinschaftsraum von Siedlungen. Ein Mittagessen kostet meist nicht viel mehr als 10 Franken, zur Auswahl gibt es höchstens vegetarisch/nicht vegetarisch. Hahnenwasser inklusive. Ein halb privates Ambiente, nicht kommerziell.

Auch die digitale Vernetzung hilft. Planbare Spontaneität. Vor drei Jahren haben die beiden Zürcher Brüder Thomas und Stefan Ganz die Plattform margrit.li gegründet im Andenken an ihre Grossmutter, die sie mittags bekocht hat. Inzwischen finden via dieser Vermittlung im Mittelland pro Woche fünf bis zehn Mittagessen statt, zu denen man sich selber einladen kann. Vor drei Monaten haben die Brüder die App «Triff» aufgeschaltet, über die man sich auch privat organisieren kann. «Nach dem Motto ich koche heute, hat jemand Lust zu kommen», sagt Stefan Ganz.

Gerade über Mittag spriesst erstaunlich viel Spontaneität. Die Einladung abends ist meist von langer Hand geplant, und wenn die Gäste dann klingeln, brutzelt nicht nur ein teures Stück Fleisch in der Pfanne und die Beilage ist Superfood, sondern auch die Wohnung ist garantiert piekfein aufgeräumt. Wer aber mittags eingeladen wird, dem wird keine Show geboten. Vielleicht kommt die Nachbarin spontan mit ihren Kindern, der Schwiegervater bleibt nach einer Stippvisite sitzen oder eine Freundin ist grad in der Stadt und hilft die aufgewärmten Resten essen.

Beatrice Sandmeier, hat uns ohne grosses Hin und Her vom Wochenmarkt in ihrem Auto nach Hause gefahren, nicht nur, weil sie ein offenherziger Mensch ist, sondern auch, weil ihr so ein Zmittag keine Mühe bereitet. Ein oder zwei Teller mehr, das geht immer, da kommt kein Stress auf. Und vielleicht auch – wir haben sie nicht gefragt – weil es schöner ist, für mehrere Personen zu kochen. «Ich finde Zmittagkochen für meine Buben frustrierend», sagt zum Beispiel ein Vater. «Ich koche, sie putzen das Essen in zehn Minuten weg und dann sitze ich allein da und muss noch aufräumen.»

Sogar die Kinder essen auswärts

Doch sogar die Kinder ernähren sich heute über Mittag oft nicht zu Hause: Es gibt kaum noch eine Schulgemeinde ohne Mittagstisch. Die Ruhe um 12 fällt so auch für die Kleinen weg. Eine Gefechtspause im Sich-ständig-behaupten-Müssen. Vielleicht fehlt auch ein Moment für Tischtgespräche in den Familien. Eine Mutter sagt: «Beim Znacht ist die Schule schon zu weit weg.» Ein Vater erwidert: «Das Erlebte müssen die Kinder zuerst verdauen. Meine erzählen ohnehin erst vor dem Zubettgehen.»

Die Tischkultur leidet übrigens nicht zwingend. Auch in Kitas gilt – vielleicht strenger als zu Hause: Was man sich selber schöpft, muss aufgegessen werden. Oder: Dessert gibts nur, wenn vom Gemüse zumindest probiert wurde.

Es ist, wie es ist: Auf die kochende Hausfrau kann man heute nicht mehr oft zählen. Beatrice Sandmeier kocht gut. Kocht sie auch gerne? Sie sagt es so: «Mein Mann schätzt gutes Essen bis heute, wenn ich schön geputzt habe, merkt er es hingegen nicht.» Kommt der Mann mal nicht heim über Mittag, dann bedauert sie das jedoch nicht. Sie streicht sich ein Butterbrot und geniesst den kochfreien Mittag.

Mittagessen bei Frau Sandmeier

Mittagessen bei Frau Sandmeier

Unsere Teller sind leer. Wir reden weiter. Niemand hetzt uns. Peter Gretz sagt, als junge Familie sei das Geld knapp gewesen, aber beim Essen hätten sie nie gespart. Die beiden erzählen von ihren drei Töchtern. Wir reden von Solarenergie, dem Olivenöl, das sie jedes Jahr in Italien holen und den Blindschleichen im Garten.

Der Kaffee ist getrunken. Ein Dessert braucht so ein Zmittag nicht. Wir nehmen die zweite Hälfte des Tageswerkes in Angriff. Ausgeruht, inspiriert, satt.

Mittagessen bei Frau Sandmeier

Mittagessen bei Frau Sandmeier

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