Kinder lieben Geschichten. Und manche Geschichten lieben sie mehr als alle anderen. Ein halbes Jahr lang tönte es bei uns zu Hause: Alois hier, Alois da. Ohne Alois ging unser Sohn (3) nicht mehr aus dem Haus.

Um es vorwegzunehmen: Alois ist der Held des gleichnamigen Bilderbuchs von Max Bolliger. Ein junger Stier, der seine Kräfte nicht unter Kontrolle hat, deshalb vom Bauern weggesperrt wird, bis er, vom Duft einer Blume besänftigt, gewandelt zurückkehrt. So weit, so simpel. Und doch so magisch – offenbar auch für andere Kinder.

Die Geschichte sei zum zweiten Mal illustriert und neu herausgegeben worden, erzählt Hans ten Doornkaat, Verantwortlicher für das Bilderbuchprogramm beim Atlantis-Verlag. Eine weitere Geschichte von Bolliger erlebe sage und schreibe – beziehungsweise zeichne und male – sein viertes Revival in neuem Illustrationsgewand: Stummel, das Hasenkind, das seinen Siegeszug durch die Kinderzimmer 1986 in zartem Aquarell antrat. Nach einem Abstecher ins Schwarz-Weiss-Fach (mit Illustratorin Verena Pavoni) und einem hippen Auftritt in Jeans (Anna Luchs), erhielt der Hase letztes Jahr bei Kathrin Schärer einen geradezu menschlichen Ausdruck.

Die Vielfalt an Bebilderungen ist kein Zufall. In der Schweiz bildet sich seit einigen Jahren eine innovative und junge Illustratorinnen-Szene heraus. 26 von ihnen werden Anfang April eine Hauptrolle spielen, wenn die Schweiz als Gastland an der internationalen Kinderbuchmesse in Bologna einen grossen Auftritt hat.

Von fotorealistisch über cartoonig, von lieblich bis intellektuell – wer sich durch die kunterbunte Flut an Schweizer Bilderbüchern blättert, wird auf eine beachtliche Bandbreite an Bebilderungen stossen – aber auf oft ähnliche Geschichten. Sie drehen sich um tierische Protagonisten, Freundschaften oder fröhliche Kindergartenkinder. Es gebe Einfacheres, als eine gute Kindergeschichte zu finden, meint auch Hans ten Doornkaat.

Hasenkind Stummel gestern und heute:

Doch was ist eine gute Geschichte? Oder: Warum gefällt ausgerechnet eine bestimmte Erzählung besonders gut? Darauf angesprochen, erklärt unser dreijähriger Alois-Experte voller Überzeugung, er habe Alois gern, weil er ihn gern habe.

Was der kleine Buchbetrachter nicht formulieren kann, übernimmt für ihn ein Profi in Sachen Formulieren – und zudem hundertfache Zeugin kindlicher Buch-Begeisterung: Ilaria Morado, professionelle Leseanimatorin. Sie wird von Bibliotheken als Vorleserin gebucht.

Der Bär bin ich

Wichtig sei, dass die Geschichte etwas mit dem Leben des Kindes zu tun habe, erklärt Morado: «Der wichtigste Treiber ist die Identifikation mit der Figur. Diese Spiegelfunktion erlaubt es Kindern, in die Geschichtenwelt einzutauchen.» Und Barbara Jakob, verantwortlich für Literale Förderung beim Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien, ergänzt: «Das Entdecken der eigenen Identität erfolgt durch das Entdecken anderer Wesen und Lebensweisen.»

Und offenbar eignen sich ausgerechnet Tiere dazu, Trotzphasen, kindliche Furcht oder bombastisch grassierenden Unordnungssinn prototypisch in sich zu vereinen. Wie etwa der faulpelzige Bär, der ängstliche Hase, oder eben: Alois, der allzu starke Stier.

Wichtig sei eine geeignete Identifikationsfläche. Darum eigne sich Kuh Lieselotte als Kinderbuchheldin, nicht aber der Bundesrat.

Vielfach erforschte Geschichten sind vor allem Märchen und ihr typischer Aufbau mit einem Hindernis, dessen Überwindung und einem obligaten Happy End. Das kommt bei Kindern offenbar besonders gut an. Wie ist das bei Kindergeschichten? Gibt es da auch eine Dramaturgie mit Erfolgsgarantie?

Was die Dramaturgie angeht, erklärt Morado, muss «eine Kindergeschichte schnell zum Punkt oder zum Problem hinführen. Bei guten Geschichten ahnt der Leser spätestens auf der zweiten Bilderbuchseite, wo der Hund begraben liegt.» Was ergibt ein Reality-Check mit Stier Alois? Tatsächlich. Bereits auf Seite zwei kommt das Problem auf den Tisch. Da heisst es im Text: «Alois war ein kleiner Stier und hatte schon zwei Hörner.»

Geschichten ohne Worte

Und wenn Illustratorin Vera Eggermann Alois zwar mit Hörnern, aber auch mit sanften Kulleraugen ausstattet, weiss sie, was sie tut. So geht Geschichtenerzählen ohne Worte. Und damit ist Eggermann nicht allein. Wenn schon immer ähnliche Geschichten erzählt werden, dann gestalten immer mehr, immer bessere Illustratorinnen sie interpretierend mit. Und manchmal kann man den Zusatz «mit» auch streichen. Statt ihre Bilder in den Dienst eines fremden Textes zu stellen, machen Illustratorinnen vermehrt das ganze Buch zum eigenen Projekt.

Sanfter Löwe, freches Mädchen in «Marta & ich» vom Illustratorinnen-Duo «It’s Raining Elephants».

Sanfter Löwe, freches Mädchen in «Marta & ich» vom Illustratorinnen-Duo «It’s Raining Elephants».

Mit erstaunlichem Ergebnis. Wenn das junge Schweizer Illustratorinnenduo «It’s Raining Elephants» (Nina Wehrle, *1984, und Evelyne Laube, *1982) von der Fantasiereise des Mädchens Marta erzählt, werden die Bilder zusehends bunter. Nach dem Prinzip: Je dichter der Fantasie-Dschungel, desto dichter die Farbgebung. Als Marta nach und nach wieder aus der Illusion auftaucht, ziehen sich auch die Farbflächen hinter schwarzen Zeichnungsstrichen zurück. Hier erzählen die Bilder eine eigene Geschichte.

Das Duo «It’s raining elephants» hat gemeinsam an der Hochschule Luzern Illustration studiert. Genau wie Francesca Sanna (*1991). Die junge Frau mit sardischen Wurzeln und Wohnort Zürich ist Preisträgerin einer der wichtigsten internationalen Preise, der Gold-Medaille der Society of Illustrators New York. Zu Recht. Ihre Bilderbücher «Die Flucht» (2016), «Ich und meine Angst» (2019), «Geh weg, Herr Berg» (2018) erzählen in opulenten Bildern, ornamentalen Formen und satten Farben von schwerwiegenden Themen wie der Flucht einer Familie oder der Angst eines Migrantenkindes in der neuen Schule.

Kann das funktionieren? Und ob! Schliesslich bricht Francesca Sanna keine Tabus. Sie denkt Geschichten nur neu – ausgehend vom Bild statt vom Wort. Dadurch kann ihre Version einer Flucht zugleich schaurig und schön sein. Auch im Buch «Ich und meine Angst» bleibt Angst kein abstraktes Gefühl. Sondern ist ein fluffig-weisses, kleines Wesen und zunächst Freundin der Protagonistin.

Erst in der fremden Umgebung wächst sie zum Monster heran. «Ich wünschte, da wäre weniger Spalt», sagt Francesca Sanna beim Treffen in ihrem Zürcher Atelier. Mit Spalt meint sie die Trennung zwischen Autorin und Illustratorin. Im angelsächsischen Raum existiere der Spalt kaum. Und gerade die Doppelrolle öffne ihr wie ihren Kolleginnen Möglichkeiten, den ganzen Verlauf von Geschichten zu gestalten.

Eine Revolution? Als die Bilder 1895 laufen lernten, brach eine neue Ära an. Erzählen lernen müssen Bilder nicht mehr – das können sie schon lange. Vielleicht trägt aber die junge Illustratorinnen-Generation dazu bei, dass Geschichten mithilfe von Bildern neu gedacht, neu erfunden – und neu erzählt werden.