Gestern

Auch im biblischen Alter kämpft er für Frieden: Jetzt erscheint die Biografie von Ben Ferencz

Ben Ferencz in seinem Haus in Delray Beach in Florida. In zwei Wochen feiert er seinen 100. Geburtstag.

Ben Ferencz in seinem Haus in Delray Beach in Florida. In zwei Wochen feiert er seinen 100. Geburtstag.

Er war Chefankläger der Nürnberger Prozesse, jagte SS-Generäle und kämpft auch noch mit 100 für den Weltfrieden. Nun wird Ben Ferencz mit einer Biografie über sein aussergewöhnliches Leben geehrt.

Es war ein Sensationsfund. Der amerikanische Jurist Ben Ferencz entdeckte nach dem Zweiten Weltkrieg in den Trümmern der untergegangenen Reichshauptstadt Berlin einen Ordner mit minuziös aufbereiteten «Ereignismeldungen» von den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdiensts. Die Dokumente von ideologisch geschulten Sondereinheiten, die Heinrich Himmler im Auftrag Adolf Hitlers aufstellen und einsetzen liess, entpuppten sich als Chronik des Massenmords.

Sie hielten fest, wie viele Männer, Frauen und Kinder die Einsatzgruppen in den eroberten Gebieten der Sowjetunion täglich ermordeten. Die Opfer waren vor allem Juden, aber auch kommunistische Funktionäre, Homosexuelle, psychisch Kranke und alle, welche die nationalsozialistischen Herrenmenschen als minderwertig betrachteten.

Ben Ferencz stockte der Atem, als er sich Anfang 1947 über die in nüchternem Verwaltungsdeutsch abgefassten Tötungsbilanzen beugte.

Ferencz war damals Leiter des Berliner Büros des OCCWC, jener amerikanischen Militärbehörde, die einigen der schlimmsten Nazi-Verbrecher in Nürnberg den Prozess machte. Nachdem er sich einen Überblick über das Ausmass der kriminellen Taten verschafft hatte, informierte er Telford Taylor über seinen schockierenden Fund.

Der US-General war der Architekt der zwölf sogenannten Nachfolgeprozesse, die die Amerikaner nach dem internationalen Tribunal gegen Hermann Göring oder Albert Speer durchführten. Ferencz überzeugte seinen Vorgesetzten, dass die in den «Ereignismeldungen UdSSR» beschriebenen Gräueltaten ein neues, eigenes Verfahren nötig machten. Dabei übernahm er gleich selbst die Rolle des Chefanklägers im grössten Mordprozess der Geschichte – mit gerade einmal 27.

Noch heute – 75 Jahre nach Kriegsende – erinnert sich Ben Ferencz an die Vorgänge, als ob es gestern gewesen wäre. Dabei wird er am 11. März 100! Er gilt längst als lebendes Symbol der Kriegsverbrechertribunale und hat darüber hinaus wichtige Etappen der Zeitgeschichte an vorderster Front mitgeprägt, von der deutschen Wiedergutmachungspolitik bis zum Aufbau des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag.

Ich habe Ben Ferencz zu Gesprächen in seinem Bungalow in Florida getroffen und die umfangreichen Materialien aus seinem Privatarchiv ausgewertet, die er dem United States Holocaust Memorial Museum in Washington vermacht hat. Daraus ist die erste umfassende Biografie dieses faszinierenden Jahrhundertzeugen entstanden.

Ben Ferencz (Mitte) brachte Mitglieder der Einsatzgruppen vor Gericht, die über eine halbe Million Juden, Sinti und Roma ermordet hatten.

Ben Ferencz (Mitte) brachte Mitglieder der Einsatzgruppen vor Gericht, die über eine halbe Million Juden, Sinti und Roma ermordet hatten.

Als Fahnder in deutschen KZ

«Benny», wie er in der Familie gerufen wurde, emigrierte mit seinen jüdischen Eltern und seiner Schwester Pearl noch als Kleinkind aus Ungarn in die USA. In einfachsten Verhältnissen in New York aufgewachsen, absolvierte er die Harvard Law School, eine der besten juristischen Fakultäten der Welt. Doch noch während seines Studiums wurden die Vereinigten Staaten durch den japanischen Überfall auf den Flottenstützpunkt Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 in den Krieg gerissen.

Ben verfolgte die Nachricht am Radio in seiner Studentenbude in Cambridge, Massachusetts. Sofort meldete er sich zum Dienst. Er kämpfte in verschiedenen Schlachten des Zweiten Weltkriegs, von der Normandie über die Ardennen bis zur Überquerung des Rheins. Ab Dezember 1944 wurde er in der Verfolgung von Kriegsverbrechern eingesetzt – womit er seine Bestimmung fand.

Als Ermittler der US-Armee untersuchte er die Fälle von abgeschossenen oder notgelandeten alliierten Piloten, die meist durch einen aufgebrachten deutschen Mob gelyncht wurden. Im April 1945 verlagerte sich seine Fahndungstätigkeit auf die Konzentrationslager. Als einer der ersten Augenzeugen nach der Befreiung jagte er Täter, befragte er Opfer und stellte Beweise sicher. Darüber berichtete er auch in erschütternden Briefen an seine spätere Frau Gertrude. Wenn er davon erzählt, schiessen ihm heute noch Tränen in die Augen.

Ein grosser Fisch ging ihm im Juni 1945 ins Netz, als er in Würzburg Karl Haberstock verhörte, Hitlers persönlichen Kunsthändler. Die heisse Spur führte in eine Salzmine in den österreichischen Alpen. Dort lagerten von den Nationalsozialisten gestohlene Kunstschätze im Wert von Milliarden. Sie waren für das Führermuseum in Linz gedacht und konnten vor der Zerstörung durch blindwütige Parteikader bewahrt werden.

Auf die Frage, wie er mit all dem Schrecken, den er erlebte, umgehe, sagt Ferencz:

Tatsächlich vergeht auch in seinem hundertsten Lebensjahr kein Tag, an dem er sich nicht mit dem Geschehenen beschäftigen würde. Gerechtigkeit, erklärt er, könne nicht dadurch hergestellt werden, dass man die unvorstellbare Zahl der Opfer gegen das Leben von einigen Dutzend Tätern aufwiege:

Der Versuch, so etwas wie Gerechtigkeit herzustellen, umfasst für ihn weit mehr: Nachdem Hitler besiegt und die Täter zur Rechenschaft gezogen worden waren – sämtliche Angeklagten im Einsatzgruppenprozess wurden verurteilt –, widmete er sich der Entschädigung der Opfer. Und er setzte sich konsequent dafür ein, dass sich Massenverbrechen wie der Holocaust nicht wiederholen. Das «Nie wieder!» ist bei ihm keine Phrase, sondern Lebensaufgabe.

Schon in seinem Eröffnungsplädoyer im Einsatzgruppenprozess im September 1947 hatte er die Richtung gewiesen und damit ein neues Kapitel der Rechtsgeschichte aufgeschlagen. Er führte den Begriff «Genozid» in die Gerichtspraxis ein, der heute geläufig und Bestandteil einer breit akzeptierten UNO-Konvention ist, damals aber einen völlig neuen juristischen Tatbestand ins Auge fasste: die Ermordung ganzer Bevölkerungsgruppen. Neben dem unsagbaren Leid sprach er auch von der Hoffnung, die mit den Nürnberger Prozessen verbunden sei – darauf, das Fundament für eine neue internationale Ordnung zu legen. Sie sollte garantieren, dass ähnliche Grossverbrechen in Zukunft verhindert würden.

Den Haag gilt als sein Baby

Für sein hochgestecktes Ziel kämpft Ben Ferencz auch noch in seinem biblisch anmutenden Alter. Er verfasste mehrere kilogrammschwere wissenschaftliche Abhandlungen zum Thema, aber auch populäre Bestseller, trat in Talkshows auf, schrieb Zeitschriftenartikel und Leserbriefe. Zeitweilig führte er sogar ein eigenes Friedensinstitut. Bei der UNO in New York und Genf lobbyierte er hartnäckig als NGI, als «Non Governmental Individual». Weil er sich so vehement für die Ächtung des Angriffskriegs einsetzte, erhielt er bald den Spitznamen «Mister Aggression».

Philipp Gut: Jahrhundertzeuge Ben Ferencz . Chefankläger der Nürnberger Prozesse und leidenschaftlicher Kämpfer für Gerechtigkeit Piper Verlag, München 352 Seiten Fr. 33.90

Philipp Gut: Jahrhundertzeuge Ben Ferencz . Chefankläger der Nürnberger Prozesse und leidenschaftlicher Kämpfer für Gerechtigkeit Piper Verlag, München 352 Seiten Fr. 33.90

Der unermüdliche Einsatz lohnte sich schliesslich. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Nürnberg wurde er Zeuge eines weiteren Meilensteins: Die Eröffnung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag am 11.März 2003. Er war neben Königin Beatrix, UNO-Generalsekretär Kofi Annan und anderen Prominenten als Ehrengast geladen.

Der niederländische Premierminister Jan Pieter Balkenende trug die Hauptrede vor, begrüsste Ben speziell und gab einen Toast auf ihn aus. Der ehemalige Nürnberg-Chefankläger feierte an diesem Tag seinen 83. Geburtstag, und er hatte eines der grossen Ziele erreicht, denen er sein aussergewöhnliches Leben verschrieb. Ein schöneres und passenderes Geschenk konnte er sich wirklich nicht wünschen. Nicht umsonst gilt Den Haag in diesem Sinn auch als sein Baby.

* Der Autor ist Historiker, Journalist und Buchautor. Er hat Werke über Thomas Mann, Winston Churchill und Hermann Hesse geschrieben und lebt in Lenzburg.

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