Verschlafen wirkt das 400-Seelen-Dorf Saint-Rhémy-en-Bosses im Tal des Grossen Sankt Bernhard nahe der Schweizer Grenze. Trotzdem strahlt der Ort weit über seine Grenzen aus. Nur hier wird das Original des «Jambon de Bosses», der rohe, mit Bergkräutern gewürzte Schinken hergestellt. Bruno Fegatelli und Alessandro Atibalti führen die Gäste sichtbar stolz durch ihren Kleinbetrieb.

Durch die Räume strömt ein aromatischer Duft. «Wir produzieren pro Jahr 5500 Schinken und verschicken sie in die ganze Welt», erzählt Atibalti. Die ersten Dokumente, die im Aostatal die Produktion des Bergschinkens bezeugen, gehen auf das 14. Jahrhundert zurück.

Fontina-Käse sowie der Weissspeck Lard d’arnad sind weitere ortstypische Spezialitäten. Die Küche in der kleinsten Region Italiens ist deftig und schmackhaft. Genau das Richtige, um sich anschliessend mit Reiseleiterin Dolores auf Besichtigungstour durch die Regionalhauptstadt Aosta zu machen. Sie spricht Deutsch. Das ist eher eine Seltenheit im Aostatal, wo die Hauptsprachen Französisch und Italienisch sind.

Der Zentrumsplatz wird vom neoklassischen Rathauspalast dominiert und wirkt etwas leer. Die Atmosphäre im rund 35'000 Einwohner zählenden Ort ist entspannt. Touristen sieht man wenige im Verhältnis zu den zahlreichen Sehenswürdigkeiten, die es in der ehemaligen römischen Festungsstadt gibt. Zum Beispiel die 22 Meter hohe Fassade des römischen Theaters mit den übereinander liegenden Bogenfenstern, die gut erhaltene sechs Meter lange römische Brücke über den Gebirgsbach Buthier, das Forum Romanum oder die eindrücklichen Säulengänge des Kryptoportikus. «Bauherren wird in Aosta oft ein Strich durch die Rechnung gemacht», sagt Dolores, «wo auch gegraben wird, stösst man auf spektakuläre Funde aus vorchristlicher Zeit.» In solchen Fällen hätten dann die Archäologen Vortritt.

120 Schlösser und Burgen

Neben urigen Dörfern mit ihren typischen Schiefersteindächern prägen über 120 Burgen und Schlösser das Bild des Aostatals. Die meisten gehörten einst den Familien Challant und Savoyen. Einige der mächtigen Bauten sind heute Museen und können besichtigt werden. Zum Beispiel das Schloss von Issogne mit seinem mystischen Granatapfelbrunnen, farbigen Fresken und graffitiartigen Inschriften. Am wuchtigsten präsentiert sich die Festung von Bard auf einem Felsen im Flusstal der Dora Baltea. Sie ist heute Sitz des Alpenmuseums.

Nach so viel Kultur zieht es einen raus in die Natur. Und die erweist sich im Aostatal als spektakulär. Die Reise mit der sich drehenden Skyway Monte Bianco bis zur 3466 Meter hoch gelegenen Helbronner Spitze ist überwältigend. Von der Terrasse bietet sich ein 360-Grad-Panorama auf die schneebedeckten Viertausender der Westalpen inklusive Montblanc und Monte Rosa. Der 1989 gegründete Naturpark Mont Avic mit Besucherzentrum, Hotels und über 100 Kilometer Wanderwegen ist das Reich von Ranger Roberto Facchini. Er zeigt Wanderern und Schulklassen die reiche Flora und Fauna des 5800 Hektaren grossen Gebietes, das einst durch den Abbau von Eisenerz und Kupfer fast ruiniert wurde. «Mein Arbeitstag beginnt morgens um 6 Uhr», erzählt er, «ich mache Pflege- und Reparaturarbeiten, kümmere mich um Artenschutzmassnahmen, nehme Proben und erfasse Daten.» Der fitte 49-Jährige begleitet uns auf der rund zweistündigen Wanderung steil bergauf zur Hütte der Familie Bal.

Vor dem Kaminfeuer auf der Alp

Das Geschwisterpaar Simone und Didier Bal lebt mit seinen Kühen vom Juni bis September auf der Alp: «Statt das Vieh nur hoch- und runterzubringen, betreiben wir seit einigen Jahren Agrotourismus.» Das rustikale Holzhaus ist mit Geranien geschmückt. Zwei Zimmer wurden zu gemütlichen Schlafgemächern umgewandelt. Am grossen Holztisch vor dem prasselnden Kamin serviert Simone Bal Selbstgemachtes. Es gibt Fontina- und Frischkäse, Würste mit Randen, Trockenfleisch, Lardo, frischgebackenes Brot und Polenta.

Die geräumige Hütte gehörte einst einem englischen Minenbesitzer und wird deshalb «la maison du lord» genannt. Sie ist umgeben von Tannenwäldern und steilen Hängen. Die ideale Ausgangslage für weitere Wanderungen und Trekkings, um die Bergwelt des Aostatals zu erkunden.