Leben

Älter werden ist nicht schwierig – es ist alles eine Frage des Stoffwechsels

Immer älter, immer fitter – wo ist die biologische Altersgrenze des Homo sapiens?

Immer älter, immer fitter – wo ist die biologische Altersgrenze des Homo sapiens?

Sind es die Gene, die Thymusdrüse oder die Antioxidantien wie Wein oder Schokolade, die uns ein paar zusätzliche Jährchen bringen könnten?

Dass Menschen hundert Jahre alt werden, hat man schon gehört. Doch 500? Oder gar 1000? Geht es nach Aubrey de Grey, soll dies in absehbarer Zeit möglich sein. Der im kalifornischen Silicon Valley arbeitende Forscher sagt: «Alle halten das Altern für einen natürlichen und unvermeidlichen Prozess. Doch tatsächlich lässt es sich sehr weit, möglicherweise sogar unendlich weit herauszögern. So wie bei den Autos, von denen vor hundert Jahren auch niemand geglaubt hätte, dass sie so lange funktionieren würden, wie sie es heute tun.»

Aubrey de Grey (56), Informatiker und Doktor der Biologie ehrenhalber.

Aubrey de Grey (56), Informatiker und Doktor der Biologie ehrenhalber.

De Grey ist zwar kein gelernter Mediziner oder Biologe, sondern Informatiker. Doch er ist auch kein Spinner, dem niemand Gehör schenken sollte. Denn sein Credo lautet: Eigentlich sei schon länger erforscht, wie man das Altern stoppen könnte – doch das würde nicht richtig in die Praxis umgesetzt. Und diesen Transfer sehe er, der eigentlich aus dem technischen Bereich kommt, als seine Auf­gabe.

Der 56-jährige, charismatische Vollbartträger hat eine Stiftung wider das Altern gegründet, unter deren Dach er anerkannte Forscher und Ingenieure versammeln konnte. 2000 verlieh ihm die University of Cambridge den Doktortitel in Biologie, für sein Buch «Die mitochondriale Theorie der freien Radikale des Alterns».

Frühzeitig den Güsel ­rausstellen – das hilft

De Greys Grundthese: Man müsse frühzeitig die Abfall­produkte attackieren, die sich beim Stoffwechsel anhäufen und die dem Körper früher oder später das Leben schwer machen. Dadurch könnte man einen 60-Jährigen in den biologischen Zustand eines 30-Jährigen versetzen, und später dann, wenn er biologisch 60 geworden ist, erneut in den Zustand eines 30-Jährigen versetzen. «Auf diese Weise kann man 60 Jahre alt werden, obwohl man bereits 150 Jahre auf dem Buckel hat», erzählt de Grey.

Bei der Wahl der Mittel, um den stoffwechselbedingten Altersfrass im Körper zu stoppen, ist er prinzipiell offen für alles. Das könnten dann auch Antioxidantien aus Grüntee, Rotwein, Schokolade und andere pflanzliche Nahrungsmittel sein.

Graues Haar wuchs dunkel wieder nach

Oder eine medikamentöse Verjüngungskur für den Thymus, die de Grey kürzlich auf der alljährlichen Konferenz der Life Extension Advocacy Foundation in New York vorstellte. In der unter dem Brustbein sitzenden Thymusdrüse trainiert und sortiert das Immunsystem seine Abwehrzellen aus. Doch nach dem Jugendalter verkümmert sie und verwandelt sich langsam, aber sicher in Fett. Was nicht nur anfällig für Krebs, Entzündungen und Infekte macht, sondern auch Auto­immun­re­ak­tio­nen fördert. Würde es gelingen, den Verfall der Thymusdrüse zu stoppen, sie zu verjüngen, würde man zwei Motoren des Alterns ausgeschaltet haben.

Also verabreichte ein Forscherteam um den US-amerikanischen Pharmakologen Greg Fahy neun Freiwilligen einen Mix aus Wachstumshormonen und dem Diabetesmittel Metformin, das die Nebenwirkungen der Hormone puffern sollte. Den Probanden wuchs innerhalb von zwölf Monaten neues Thymusgewebe, und ihr Immunzellenprofil glich schliesslich dem eines deutlich jüngeren Menschen. Sie waren – wie ein Genetiker ausrechnete – biologisch nicht etwa ein Jahr älter, sondern 18 Monate jünger geworden. Eine der Versuchspersonen berichtete, dass ihr ursprünglich graues Haar dunkel nachgewachsen sei.

Begrenzte Aussagefähigkeit der Verjüngungskur

Bleibt festzuhalten, dass die Studie lediglich mit neun – ausschliesslich männlichen – Personen durchgeführt wurde, und eine Langzeitbeobachtung, um potenzielle Schäden nach der einjährigen Behandlung festhalten zu können, gab es auch nicht. Von einem Durchbruch auf der Suche nach dem heiligen Gral kann also keine Rede sein. Und ob wirklich einmal die Schallmauer von 1000 Jahren Lebenserwartung durchbrochen wird, sehen dann doch die meisten Forscher skeptisch.

So arbeitet Sebastian Grönke in Köln am Max-Planck-In­stitut für Biologie des Alterns schon länger an Techniken zur Verlängerung des Lebens. Nämlich an einfachen Organismen wie Mäusen, Fadenwürmern und Taufliegen, deren Alterungsprozesse sich leichter beeinflussen lassen als beim Menschen. Beispielsweise dadurch, indem man ihre Gene verändert, was beim Homo sapiens in der Regel nicht nur schwierig, sondern auch verboten ist. «Trotzdem ist es immer noch diese Grenze von 30 Prozent Lebenszeitverlängerung, die man nicht überschreiten kann», betont Grönke.

Weniger sitzen verlängert das Leben

Was kann der Einzelne zu seiner Lebensverlängerung beitragen? Peter Katzmarzyk von der State University im US-amerikanischen Baton Rouge hat ausgerechnet, dass es zwei zusätzliche Lebensjahre bringt, wenn man pro Tag weniger als drei Stunden am Schreibtisch verbringt. Wobei dies unabhängig davon sei, mit welcher Aktivität und in welchen Intervallen die sitzfreie Zeit verbracht wird. «Und wer es dann noch schafft, zwei Stunden Fernsehsessel von seinem Tagesplan zu streichen, gewinnt noch weitere 1,4 Jahre hinzu.»

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