Jahrestag

20 Jahre «Lothar»: Wie der Sturm der Stürme die Schweizer Wälder veränderte

Der Sturm der Stürme hat vor 20 Jahren Schneisen in die Schweizer Wälder geschlagen. «Lothar» kostete etwa eine Milliarde Franken.

Es ist der Morgen des 26. Dezember 1999. Der Orkan Lothar pfeift an diesem warmen Stephanstag mit Rekordtempo übers Land. Mit bis zu 200 Kilometern pro Stunde reissen die Windböen die Bäume aus den Böden, decken Häuser ab und lassen herumfliegen, was nicht niet- und nagelfest ist.

Die Schäden sind beträchtlich, die Kosten mit einer Milliarde Franken auch. «Lothar» reisst grosse Schneisen in die Wälder, deren Bäume empfindlich sind, weil wegen der Wärme die Böden nicht gefroren und vom Regen aufgeweicht sind.

Orkan Lothar: Die Schadensbilanz vom Folgetag, 27. Dezember 1999

Orkan Lothar: Die Schadensbilanz vom Folgetag, 27. Dezember 1999

Nach dem Sturm fallen die Borkenkäfer über die Bäume her. Die Schutzwälder verlieren nach «Lothar» vorerst ihre Funktion. Doch für den Wald hat der Orkan auch positive Wirkungen, wie Forscher der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL nun 20 Jahre später festhalten.

Dort, wo damals der Wald am Boden lag, stehen heute wieder 10 bis 15 Meter hohe Jungwälder. Nach dem Sturm haben sich Pioniergehölze wie Weiden, Birken und Vogelbeeren sowie jene Baumarten durchgesetzt, die vor dem Sturm dominierten.

Artenreichere Wälder als vor «Lothar»

Gemäss dem WSL wächst im Mittelland und in den Voralpen vor allem die Buche nach, in höheren Lagen die Fichte. Und die Wälder sind artenreicher als früher. «Vieles deutet darauf hin, dass hier klimarobuste Wälder nachwachsen, mit zusätzlichen Arten wie Eiche, Kirschbaum und Spitzahorn», erklärt Peter Brang vom WSL.

Diese Baumarten vertragen Trockenheit besser als Buche und Fichte. Katastrophen wie Lothar können in einer solchen Situation also langfristig stabilisierend wirken.

Bedeutet das, dass ein neuer «Lothar» keinen Milliardenschaden mehr anrichten würde? Doch, sagt Thomas Wohlgemuth, Störungsökologe beim WSL: «Ein ähnlich starker Sturm wie Lothar würde vermutlich ähnliche Kosten verursachen, weil die beiden Faktoren Windböenspitzen und Holzvorrat die wichtigsten Treiber von Schäden sind.»

Und der Holzvorrat, also die Holzmenge im Schweizer Wald, habe nicht abgenommen seit 1999. Nur dort, wo wegen «Lothar» im Mittelland heute weniger Fichten stehen, wären die Schäden geringer.

«Nadelbäume haben ihr Laub durchs ganze Jahr. Deshalb bieten sie zur Winterzeit, wenn die typischen Winterstürme toben, mehr Angriffsfläche als die Laubbäume, die ihr Laub schon im Herbst abwerfen», sagt Wohlgemuth. Gefährdet sind bei einem Orkan vor allem grosse Bäume mit grossem Wind­widerstand.

Wenn es in einem Wald einen grossen Holzvorrat hat, besteht dieser genau aus den sturmanfälligeren Baumriesen. Wenigstens würde der Borkenkäfer nach einem zweiten «Lothar» weniger Schäden anrichten als vor 20 Jahren, weil im Mittelland die Fichten fehlen, an denen er sich gütlich tut. «Die Gefahr der Borkenkäferschäden dürfte aber in höheren Lagen bestehen bleiben.

Aus ‹Lothar› lernte man, sturmbeschädigte Fichten raschmöglichst zu entfernen, damit sich Borkenkäfer weniger stark ausbreiten», sagt Wohlgemuth. Auf jeden Fall hat «Lothar» die Schweizer Wälder stark umgekrempelt, mehr als das Forstbetriebe in zwei oder drei Jahren tun. Innert 30 Minuten hat der Orkan grosse Waldflächen vollständig verändert. Kein Wunder, denn 20 bis 50 Prozent aller Baumbestände sind gleichzeitig am Boden gelegen.

«Lothar» wird zur Normalität

Im Zusammenhang mit dem Klimawandel geht man davon aus, dass Extremereignisse wie «Lothar» zunehmend zur Normalität werden – und damit auch der grössere Insektenbefall der Bäume. Da stellt sich die Frage, welcher Wald solchen Extremereignissen am besten trotzt. Es sei unklar, welche Extremereignisse den Wald gestalten.

In der Regel sind das Klima, Wasser- und Nährstoffverfügbarkeit dafür verantwortlich. Die Extremereignisse dürften nur eine unwesentliche Verschiebung der Artenzusammensetzung bewirken. Solange Samen produziert werden und aus den Samen ­wieder Jungbäume entstehen, werden die Bäume aufwachsen.

Wind und Brände seien keine grossen Waldgestalter. Markante Umgestaltungen werden aber durch Hitzewellen erwartet, so wie 2018. «Durch vermehrte Sommertrockenheit werden weniger raschwüchsige und resistente Baumarten bevorteilt. Zum Beispiel Eichen. Diese haben dank ihrer Eigenschaften auch eine höhere ­Resistenz gegenüber Sturmwinden.» Wehrlos sind die Bäume aber nicht. Jene am Waldrand halten den Wind besser aus, da sie ihre Wurzeln verstärken.

Generell besteht gemäss Wohlgemuth die Chance, dass aus der natürlichen Waldverjüngung nach einem Orkan ein ­Bestand entsteht, der den Umweltbedingungen der Zukunft besser entspricht. Denn in Waldlichtungen und -öffnungen bringen Wind, Vögel und Nager Samen verschiedener Baumarten rein, welche die Artenvielfalt sowie auch die Resistenz zum Beispiel gegen Sommertrockenheit steigen lassen können.

«Lothar» hat in tieferen Lagen also zu klimarobusteren, artenreicheren Laubmischwäldern geführt. Ob dieser dem hohen Tempo des Klimawandels widersteht, wird sich erst zeigen.

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