Das perfekte Verbrechen
Kriminologen über die Schulter geschaut: Wie lügt man richtig?

Einen Kongress für Kriminologen nutzten wir als Schnupperkurs für böses Verhalten. Und zwar Lügerei. Am allerwichtigsten hierbei: Nicht was man sagt, sondern wie man es sagt.

Max Dohner
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Leute mit bösen Plänen lernen aus TV-Krimiserien wie CSI. Aber selbst das erkennen Kriminologen an Tatorten.

Leute mit bösen Plänen lernen aus TV-Krimiserien wie CSI. Aber selbst das erkennen Kriminologen an Tatorten.

SONJA FLEMMING/CBS

Man kann sich nicht helfen: Reden Kriminalpolizisten von ihren Erfahrungen mit Verbrechern, hört unweigerlich ein anderer Mensch zu. Nicht wirklich wir selber hören zu, was wir doch hoffen oder glauben. Nein – was Kriminaler sagen, interessiert und fasziniert den anderen Kerl in uns: den Kobold, den wir oft verleugnen. Vielleicht das Teufelchen. Jedenfalls fühlt sich die böse Seite animiert, wenn Polizisten von bösen Taten reden. Man gerät ins Grübeln: Hm, und wenn das perfekte Verbrechen, trotz dieser Schlaumeierei der guten Seite, nicht doch gelänge?

Wenn ja, müsste man als perfekter Verbrecher sich jahrelang erst mal üben im perfekten Lügen. Wo soll man das bitteschön lernen? Zum Beispiel an einem Fachkongress von Kriminologen.

Grösster Verräter ist die Visage

Der diesjährige Kongress der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Kriminologie widmete sich dem Thema Wahrheitsfindung. Begab sich also ins wilde Gestrüpp der Lügen. Wobei Gestrüpp ein falsches Bild ist, angesichts dessen, was Kriminaler übers Lügen sagten. Gestrüpp kann man von Grasland unterscheiden, Lügen aber anfangs nicht von landläufigen Redeblüten.

Da macht der Novize in der Welt des Verbrechens bereits seinen ersten gravierenden Fehler: Er konzentriert sich im Verhör aufs Gefasel, während sich der Polizist auf die Art konzentriert, wie er faselt. Der Lügner verwendet alle Mühe darauf, eine Geschichte plausibel zu erzählen – und verrät sich in dem, was er nicht bedenkt: Gesten, Blinzeln, Blickrichtung, Sitzhaltung, Stellung der Arme/Hände und so weiter. Es gibt massenhaft Zeichen am Körper, die uns verraten. Am meisten aber demaskiert uns die eigene Visage.

Die Grundlektion im Schnupperkurs zum perfekten Verbrechen also lautet: Die Lüge steckt im Wie, nicht im Was. Zuerst lerne man, jede Faser am Gesicht zu beherrschen, jede Fingerbeere, ehe man eine Unschuldsstory auftischt. Am härtesten dürfte das Training der Augen werden. Ausgebuffte Betrüger, sagen Kriminalbeamte, nicht ohne Unterton von Bewunderung, «schauen dir direkt in die Augen, ohne einmal zu blinzeln, während sie dir aus lauter Lügen die Welt neu schichten.»

Details sind die grössten Fallen

Am Kongress nahmen natürlich Kriminalbeamte, Anwälte und Richter teil. Aber auch Forensiker (an Leichen und Tatorten werden mitunter viele Dinge verfälscht), Psychologen und Psychiater, Vertreter von Kranken- und Unfallversicherungen. Auf der Liste hatte sich auch eine Gefängnisseelsorgerin aus dem Kanton Solothurn eingetragen.

Entsprechend breit war der Hintergrund der Vielzahl von Referenten während der drei Kongresstage. Die knappe Redezeit von rund einer halben Stunde beschleunigte manchen Vortrag auf Kosten der Verständlichkeit. Jene, die zum Thema auch publiziert hatten, verwiesen für «weiterführende Erläuterungen» aufs eigene Buch, durchaus mit Billigung der Veranstalter.

Aus der Praxis vieler Verhöre erzählte etwa Olivier Guéniat, der Polizeichef des Kantons Neuenburg. Lügner, sagte er, habe die Polizei nicht ungern. Lügen und Widersprüche seien nützlich bei der Aufklärung von Verbrechen. Und daneben auch eine packende Angelegenheit für den Befrager selber.

Schon in den ersten Augenblicken sei der Fahnder mit einem Haufen von Lügen konfrontiert, nicht zuletzt vonseiten der Opfer. Nicht immer bewiesen Lügen, dass jemand ein Verbrechen begangen hat. Und umgekehrt: Jemand könne weitgehend die Wahrheit sagen – und dennoch der Mörder sein. Günstig für den Fahnder sei es, wenn Leute auf dem Verhörstuhl ausufernd reden und viele Details zum Besten geben, vor allem auch solche, die ihnen unwichtig schienen. Tage später darauf angesprochen, würden sich selbst gute Lügner in den Details verheddern.

Damit haben wir die zweite Lektion gelernt im Schnellkurs zum perfekten Verbrecher: keine Details erwähnen! Oder nur wahre. Ganz nach dem aussermoralischen Rezept Nietzsches: Lügen soll man darum nicht, weil man sich an die Details ohnehin nicht erinnere. Im Verhör einfach die Zähne nicht auseinanderkriegen. Bocken und schweigen. Was man wirklich sagt, vorher tausendfach überlegen.

Nach der Tat nichts nachbessern

Schreckliche Bilder von Mordopfern tauchten an der Leinwand auf, als auf der Kurhausbühne Christiane Trapp auftrat. Die deutsche Dozentin für Kriminologie an der Universität Freiburg redete vom Entsetzlichen in einer munteren Sachlichkeit, als spräche sie vom Tortenbacken. Einmal klingelte im Publikum ein Handy. Trapp unterbrach ruhig und fragte: «Wer beschwert sich denn da aus dem Jenseits?»

Es ging um das sogenannte Staging: die Verschleierung einer Tat, indem Täter Dinge manipulieren und inszenieren. Was den Leuten hierbei an Ruchlosigkeit einfällt, ist bizarr. Über menschliche Abgründe macht man sich kaum adäquate Vorstellungen. Selbst schwarze Mutmassungen bleiben fromm.

Da trifft die Polizei vor einem Haus einen aufgelösten rasenden Mann, der wie von Sinnen sogar eine Mauer hochkraxelte. Drin lag auf dem Teppich seine verblutete Frau. Trotzdem war genau der angeblich so Verstörte der Mörder seiner Frau. Eine Tat, die der Schauspieler schierer Verzweiflung ebenso umsichtig geplant hatte, wie er dann den Tatort sorgfältig veränderte, um alles wie einen Raubmord aussehen zu lassen. Mit einem fast schon lächerlichen Fehler: Er agierte vom Hausinneren nach aussen, nicht umgekehrt, wie ein Räuber gegangen wäre.

Die Kriminologin amüsierte sich etwas über Leute, die an Tatorten Tricks anwenden, die sie in TV-Krimiserien wie CSI gesehen hatten. Es genügt offenbar bei weitem nicht. Die Polizei achtet auf Dinge, die wenig bekannt sind. So weiss die Kriminologie zum Beispiel, dass «Stager» meist drei Wochen nach der Tat ihre damalige Verschleierung wieder «nachbessern». Das ist für Fahnder das Zeichen, den Mann jetzt erst recht genauer zu prüfen.

Womit auch der dritte Teil unserer Schnellbleiche zum perfekten Verbrecher klar ist: Hände weg vom Verbrechen, vor allem drei Wochen später.