Kolumne
Wie viel im Leben haben Sie verpasst?

Unsere Autorin Simone Meier denkt diese Woche über die Dinge nach, die im Leben wirklich wichtig sind.

Simone Meier
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Dieses Jahr gab es am Filmfestival Locarno viel weniger Besucher.

Dieses Jahr gab es am Filmfestival Locarno viel weniger Besucher.

Bild: Keystone

Kennen Sie «Fomo»? Nun, der Begriff ist nicht ganz neu, eher von vorgestern, also von vor der Pandemie, und er ist die Abkürzung für «Fear of missing out», zu Deutsch die Angst, etwas zu verpassen. Eine Angst, die sich bekanntlich unter Corona zu nahezu einhundert Prozent erledigt hat. Es gab da einfach nicht so viel zu verpassen. Jedenfalls im Bereich der Aktivitäten, die unter Menschen stattfinden. Aber Aktivitäten nehmen wieder zu. Ich komme zum Beispiel gerade vom Filmfestival Locarno, und ich muss sagen, ich verspürte keinerlei Fomo. Ich war der Attraktionen und Reize geradezu überdrüssig.

Früher war das anders gewesen. Früher brach in Locarno ein irrer Aktivismus aus. Eine Freundin von mir, eine Schauspielerin, war besessen vom Gedanken, sie könnte den einen einflussreichen Produzenten oder den einen bedeutenden Regisseur verpassen, der aus ihr bereits übermorgen einem Filmstar machen könnte.

Wir hetzten von Apéro zu Premiere zu Party, oft war das betrüblich banal, und wenn es einmal aufregend wurde, konnten wir nicht bleiben, weil natürlich weder der Produzent noch der Regisseur dort waren. Wir jagten auf einer ansteigenden Fieberkurve durch die Nacht, und irgendwann fielen wir erschöpft in unsere schmerzhaft durchgelegenen Ferienwohnungsbetten und hatten nichts, aber auch gar nichts für die Zukunft meiner Freundin ausrichten können. Am nächsten Tag zupfte sie ein weiteres Kleidchen, in dem sie noch hübscher aussah, aus ihrem Rucksack, und alles ging von vorn los. An irgendeinem Ziel angekommen sind wir in jenen weit zurückliegenden Tagen nie.

Und jetzt? Nichts ausser Tagwerk, unterbrochen von Tellern mit gutem Essen, gefolgt von Tiefschlaf. Alles andere schaute ich mir auf der Leinwand an, das reichte vollkommen. Ich fragte einen Freund, wieso ich plötzlich solche Freude am Langweiligsein hätte, und er meinte, na ja in unserer Altersgruppe der 50- bis 60-Jährigen sei etwas mehr Gelassenheit normal, das hätte mit Langweiligsein nichts zu tun. Schliesslich seien wir doch inzwischen ganz gut bei uns selbst angekommen.

Ich fragte mich, wie es bei mir damit aussieht, und muss sagen: Tipptopp, danke, Leben, ich habe alles erhalten, was ich mir von dir gewünscht habe. Nämlich einen Menschen, mit dem ich alt werden will, und eine Tätigkeit, die mich glücklich macht. Haus, Hochzeit, Kinder, Auto, Boot, Pferd, Hund, eine Million, ein Flug zum Mond, Diamanten oder auch nur eine Pastamaschine standen nie auf meinem Wunschzettel. Ich hätte gerne für einen Tag schöne Beine gehabt, aber das lässt sich jetzt auch nicht mehr ändern.

Objektiv gesehen, habe ich gewiss vieles verpasst, einen Lottogewinn, eine Aufstiegschance, einen drei­fachen Regenbogen. Und auch mir macht Angst, was allen Angst macht, die Klimakrise und das Böse im Menschen. Doch das Glück, von dem ich in jungen Jahren geträumt habe, hat mich tatsächlich gefunden.

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