Essay

Ist Hoffnung aus der Mode gekommen? Was das grosse Gefühl mit dem Virus gemeinsam hat

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Wenn nichts mehr ist, wie es mal war, wenn alle Stricke reissen und alles dunkler wird, dann bleibt noch ein letztes, grosses Gefühl, das uns durchs Leben trägt.

Vielleicht finden wir nie wieder einen Weg aus dieser Krise. Vielleicht gibt es kein Leben nach dem Virus. Vielleicht werden wir uns nie wieder umarmen können. Nie wieder fliegen. Vielleicht kommt alles noch viel schlimmer als es jetzt schon ist.

Hoffentlich aber, hoffentlich nicht.

Was dem Menschen bleibt, wenn alles um ihn herum zusammenbricht, ist Hoffnung. Ironischerweise ist auch die Hoffnung von blossem Auge nicht sichtbar, auch die Hoffnung schwebt da irgendwo, und wer sie einatmet, den verändert sie, ein bisschen wie das Virus, mit einem entscheidenden Unterschied: Sie ist Leben.

Jedes Aufstehen am Morgen beginnt mit einer Hoffnung. Bei jedem von uns. Die Hoffnung ist der Motor des Lebens, der Antrieb unserer Existenz. Wir hoffen auf die Zusage für einen neuen Job. Auf das Boot, das uns vor dem Krieg rettet. Auf das lang ersehnte Kind. Darauf, dass die Fallzahlen sinken. Jemand einen Impfstoff findet. Darauf, dass alles gut kommt.

Als Kind stand ich am Fenster und hoffte auf den Schnee, der fällt. Ich hoffte, dass die Ferien länger dauern, dass die Sonne noch nicht untergeht, dass Mama und Papa mich doch noch länger aufbleiben lassen. Ich presste meine Augen ganz fest zu und ballte meine kleinen Hände zu Fäusten und stellte mir mit aller Kraft vor, was ich mir so sehr ersehne und war mir sicher: Meine Gedanken und meine Sehnsucht allein lassen alles Wirklichkeit werden. Doch aus dem Zauber wird, werden wir älter, plötzlich harte Realität. Und so haftet der Hoffnung bald etwas Naives an. Wer noch hofft, ist die Meinung, hat nicht viel verstanden. Weiss nicht, wie hart die Realität sein kann. Will sich dem Leben nicht stellen.

Irgendwann heisst es: Hoffe nicht, das erspart dir die Enttäuschung

Die Hoffnung ist aus der Mode gekommen, in unserer Welt, wir strotzen in der westlichen Wohlstandsgesellschaft ja nicht wirklich vor Stolz auf Mystisches und Feinstoffliches, wir sind eher geprägt von Zynismus oder brüsten uns mit vermeintlicher Vernunft und Realitätssinn, wir wollen Fakten, Fakten, Fakten, und wenn wir grad verlassen wurden, dann raten uns Freunde: Halte dich nicht mit Hoffnung auf, das verblendet dir nur die Sinne!

Lieber nichts erhoffen, das erspart dir die Enttäuschung, so lautet die landläufige Meinung, und die andere: Hoffe nicht, sondern mach’ mal was, als wäre das Hoffen einfach der Wunsch ohne Leistung, nichts für Gewinner, nur etwas für Träumerinnen. Die aktuelle Krise spielt den Fatalisten dabei gerade in die Hände, Weltuntergang war ja sowieso schon länger angekündigt, Klimakrise, Wirtschaftskrise und Trump-Präsidentschaft waren da nur die Vorboten einer Apokalypse, was soll’s, geht doch sowieso alles den Bach runter. Und viele Unternehmen manipulieren Kundinnen und Partner mit der Hoffnung auf Glück, Geld, Wohlstand und Belohnung - und weckt damit Erwartungen, die nur enttäuscht werden. Die Hoffnung endet in der Sackgasse. Und wirkt somit kontraproduktiv.

Doch was uns da von Klein an begegnet, hat evolutiv einen grossen Sinn. Und ist für unser körperliches und mentales Wohlbefinden von entscheidender, messbarer Bedeutung. Hoffnung setzt Kräfte frei. Das wohl bekannteste Experiment in diesem Bereich stammt aus dem Jahr 1957. Amerikanische Forscher liessen Ratten in einem Wasserbecken um ihr Leben schwimmen. Diejenigen, die nie gerettet worden waren, strampelten 15 Minuten, ehe sie aufgaben und ertranken. Die Ratten, die davor die Erfahrung gemacht hatten, dass sie gerettet werden, strampelten zwischen 40 und 60 Stunden um ihr Leben. Sie hatten Hoffnung gefunden.

Hoffnung bewirkt nicht Wunder, macht uns aber nachweislich gesünder

Und so ist es auch bei uns Menschen. Wer hofft, der leistet länger und mehr. Zuversicht beflügelt uns und hilft uns, auch in Krisenzeiten stabiler zu bleiben. Herzpatienten, die im Vorfeld ihrer Operation Pläne für die Zeit nach dem Eingriff machten, hatten deutlich geringere Entzündungsmarker und Stresshormone im Blut. Es ist der berühmte Placebo-Effekt, die selbsterfüllende Prophezeiung, die hier wirkt: Bei Vielem kann bereits der Gedanke, etwas gegen ein Problem unternommen zu haben, starke positive Wirkungen auslösen und dem Menschen ungeahnte Kräfte abringen. Hoffnung wirkt.

Mit der Hoffnung ist es aber wie mit so Vielem, was uns psychologisch hilft: Wer viel davon hat, dem fällt alles im Leben leichter. Hat man wenig davon, braucht man Geduld und Energie, sich Hoffnung anzueignen. Doch das Gute: Auch sie ist bis zu einem gewissen Grad erlernbar. Indem wir uns antrainieren, in einer Situation auch das Positive zu sehen. Und uns darauf besinnen, dass Vieles, wovor wir in der Vergangenheit Angst hatten, am Ende doch irgendwie gut ausgegangen ist.

Dieses Übergeben können an ein Nichts, jenseits von Kontrolle

Das ist das Perfide an der Hoffnung: Sie gibt Sicherheit, indem man sich auf das Unsichere einlässt. Man muss sich fallen lassen können in eine bodenlose Unkontrollierbarkeit, und bevor man aufschlägt, rechtzeitig daran glauben, dass irgendwie alles doch noch gut kommt, jenseits der eigenen Wirksamkeit. Dieses Übergeben können der Kontrolle, nichtmal an eine konkrete Instanz, sondern einfach an ein Nichts, an einen Geist, an eine Idee, was auch immer, nichtmal eine Form, ist das wohl Schwierigste überhaupt daran.

Genau in so einer Phase ist die Menschheit mit der Corona-Krise gerade: Wir müssen auf einen Weg aus der Krise hoffen, weil wir nicht alles selber unter Kontrolle haben. Manchmal, zugegeben, habe ich auf dieses ganze Hoffen keine Lust mehr. Es ist anstrengend, zu schweben. Manchmal wünschte ich, es wäre ganz klar, dass wir alle heil aus dieser Krise finden, dass du mich liebst und für immer bei mir bleibst, ich wünschte, es wäre klar und auf sicher, dass ich nicht dement werde und nicht zu früh sterbe, ich wünschte, es wäre klar, dass alle Menschen meine Freunde bleiben, die mir was bedeuten.

Ich wünschte, es würde mal jemand kommen und mir abschliessend versichern, dass es einen Gott gibt oder eben keinen, mir endlich mal sagen, was eigentlich aus mir wird und wie mein Leben aussehen würde, wenn ich morgens früher aus dem Bett käme. Ich wünschte manchmal, es würde irgendwo geschrieben stehen, welche Regeln nun für eine ganze Menschheit zu gelten haben und ich wünschte, alle wären sich mit einem Schlag sicher, dass sie sich auf genau diese Version von Realität einigen wollen, dann wäre vielleicht endlich mal Frieden und wir alle wüssten, was zu tun ist, auf diesem Planeten, und fertig.

Doch das wird nicht passieren, so ist das Menschsein nicht gedacht. Es ist ein Chaos, eine Mischung aus Wahnsinn, Willkür und Streben nach Kontrolle, es ist vielleicht genau deshalb so langweilig und so magisch und so widersprüchlich und so klar, weil es eben keine Sicherheit gibt. Und wenn doch, wenn die Gewissheit schon so lange in einer Ecke hockt, dass uns ganz langweilig wird, beginnen wir bald von ganz alleine damit, sie Stück für Stück zu dekonstruieren. Wir wollen immer die grossen Wahrheiten und die abschliessenden Befunde, und dann halten wir sie selbst als Erste nicht mehr aus. Hoffen wir also das Beste.

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