Profisport

Ihre Sportart wird von Männern dominiert: Profisurferin Alena Ehrenbold über ihren Kampf gegen Vorurteile

Alena Ehrenbold: Die Surferin kämpft nicht nur gegen Wellen, sondern auch gegen Vorurteile.

Alena Ehrenbold: Die Surferin kämpft nicht nur gegen Wellen, sondern auch gegen Vorurteile.

Frauen sind auf dem Surfbrett mindestens so zahlreich wie Männer. Dennoch haben sie es schwer, erzählt eine Schweizer Profisurferin.

Früher gab es nur sie, das Brett und die Welle. Stundenlang hat Surferin Alena Ehrenbold draussen auf dem Meer an Technik und Tricks gefeilt. Harte Arbeit, aber schöne Arbeit. Sie erzählt:

Ehrenbold ist eine der besten Schweizer Surferinnen und seit zehn Jahren Mitglied der Nationalmannschaft.

Heute hat die 37-Jährige am Strand nicht mehr nur ihr Brett dabei, sondern auch die Babytrage. Und sogar wenn sie eine perfekte Welle nimmt, sind ihre Gedanken manchmal am Strand. Der Grund: ihr vier Monate alter Bub.

Ein «ganz liebes Anfängerbaby» zwar, wie die Luzernerin sagt. Aber doch eines mit Bedürfnissen. Schreit es nach der Brust, paddelt Ehrenbold auch nach zehn Minuten schon wieder zurück ans Ufer. «Und dann Neopren runter, duschen, stillen», sagt sie und lacht. Noch ist Ehrenbold weit weg von ihrer alten Form. «Es ist wie nach einer schweren Verletzung», sagt sie. Ausserdem erschwere die Situation rund um Covid-­19 das Aufbau- und Fitnesstraining.

Mama surft, das Kind sucht Muscheln am Strand: Eine Szene, die immer häufiger zu beobachten ist, gerade an Weltmeisterschaften, wie Ehrenbold zufrieden feststellt. «Eine logische Entwicklung, wenn es immer mehr pro­fessionelle Surferinnen gibt.» Etwa 30 Prozent aller Surfprofis seien unterdessen weiblich. «In den letzten fünf Jahren hat sich viel getan», sagt Ehrenbold, die am liebsten in ihrer Wahlheimat Frankreich trainiert. So erspart sie sich lange Reisen, wenn die Flusswelle bei Bremgarten nicht mehr genügt.

Frauen erhalten erst seinem Jahr gleich viel Preisgeld

Zwar surften Frauen schon immer mit, doch lange waren sie nicht viel mehr als schöner Nebenschauplatz. 1965 berichteten Surfmagazine über die männlichen Weltmeister, die weiblichen Kolleginnen blieben unerwähnt.

1975 fanden über ein Dutzend Anlässe statt, bei denen Surfer Preisgeld ergattern konnten, für Frauen gab es ganze drei. Er bekam 1500 Dollar, sie 200. Genug mit diesen Ungerechtigkeiten, meinten die Surferinnen Mary Setterholm und Mary Lou Drummy und gründeten die Women’s International Surfing Association. Ihr Anliegen: «Wellen behandeln jeden gleich. Die Branche soll es auch.» Dennoch gilt bei Surfwettbewerben erst seit 2019 Equal Pay.

Joyce Hoffman, einer der ersten weiblichen Surfstars.

Joyce Hoffman, einer der ersten weiblichen Surfstars.

Für Ehrenbold ist Surfen mehr Sport als Lifestyle. Bei vielen verhält es sich umgekehrt: Sie wollen Teil sein der Gemeinschaft, die frei, entspannt, naturverbunden, tolerant wirkt. Der Eindruck, Surfen sei eine easy Sportart, täusche, sagt Ehrenbold. Nur jeweils einer kann die Welle reiten. Sie sagt:

Steht sie am Line-up an (wo die Welle zu brechen beginnt), mustern männliche Surfer sie zuerst unhöflich direkt und drängen sie dann ab, ob in Frankreich, Hawaii, Südafrika oder Indonesien.

Besser gar nicht erst hinfallen, nimmt sie sich deshalb vor. Zwar hat sie erst mit 21 mit dem Sport begonnen, dafür mit einer Leidenschaft, die viel Versäumtes wettmacht. Unter der Woche lehrte sie am Gymnasium Wirtschaft und Recht, am Freitag nach Schulschluss stieg sie ins Flugzeug oder Auto und reiste ans Meer. Manchmal noch mit Algen im Haar kehrt sie vor die Klasse zurück, wie sie zu erzählen pflegt. Kein Trainer, kein Trainingsplan, kein Physiotherapeut, dafür Disziplin und harter Wille.

Nur wenige Surfprofis können vom Sport leben. Ehrenbold geht von 20 bis 30 Frauen weltweit aus. Sie selber werde auf Brett und Welle reich im Herzen, aber das Portemonnaie fülle sich nicht. Deshalb schreibt Ehrenbold für Fachmagazine, moderiert Veranstaltungen, trainiert Amateursurferinnen, dreht Filme über den Sport, den sie liebt, und hat das Swiss Surf Film Festival gegründet.

Ehrenbold bessert ihre Finanzen mit Fotoshootings für Sponsoren auf.

Es gibt Tage, da fühlt sie sich deswegen als Sportlerin nicht ernst genommen. Und ärgert sich über das Schönheitsideal der mageren Surferin, das viele Marken propagieren.

Schmale Schultern und ungenügende Neoprenanzüge

Ihre Nachfolgerinnen sollen es einfacher haben, deshalb kämpft sie weiter. Im besten Fall bis zu Olympischen Spielen. Derweil nimmt sie sich ein Vorbild an Surferinnen wie der US-Amerikanerin Lisa Andersen, einer vierfachen Weltmeisterin und Mutter. Wegen ihr führte die Surfmarke Quiksilver die Frauenlinie Roxy ein.

Männer, erklärt Ehrenbold, hätten anatomische Vorteile. Die breiteren Schultern bringen sie beim Paddeln schneller voran. Doch auch bei der Ausstattung gab es Unterschiede. «Surferinnen mussten lange frieren, weil Neoprenanzüge für Frauen nicht hielten, was sie versprachen.» Dass das Surfen keine Männerdomäne mehr ist, hat auch der Verlag Gestalten bemerkt. Das Buch «She Surf» feiert die erfolgreichsten Surferinnen dieser Welt und erzählt ihre Geschichten.

Lauren L. Hill She Surf Gestalten, 2020 256 Seiten, Fr. 49.-

Lauren L. Hill She Surf Gestalten, 2020 256 Seiten, Fr. 49.-

Geschichten von Prinzessinnen auf Brettern im alten Hawaii, von den ersten weiblichen Surfstars wie Joyce Hoffman in den 1960er-Jahren, von modernen Wellenfrauen, die heute als Profisportlerin in ihren Ländern Gesetze der Weiblichkeit neu schreiben.

Ganz nebenbei stellt der Bildband die schönsten Surforte vor. Auch Lisa Andersen, die Heldin Ehrenbolds, kommt darin vor. Sie habe die Lücke zwischen typisch männlichem und weiblichem Surfstil geschlossen, ist zu lesen. Und: «Sie hat den Surftraum an kleine Mädchen verkauft und Frauen auf der ganzen Welt inspiriert.»

In den 1990er-Jahren ist der Surfboom plötzlich vorbei, die Umsätze brechen ein. Und so besinnt sich die Industrie doch noch auf einen Markt, für den sie sich bisher zu schade gewesen ist: die Frauen. Dafür braucht es weibliche Markenbotschafterinnen, Andersen ist eine von ihnen. Nun sind Surferinnen auch Bikinimodel. Sie verdienen mit Werbekampagnen hohe Summen, die Preisgelder an Wettkämpfen bleiben aber tief.

Die knapp geschnittene Badebekleidung, sie ermächtigt Surferinnen einerseits, schwächt ihren sportlichen Siegeszug andererseits. Po in Nahaufnahme, das Brett nur unter dem Arm: Welche ernsthafte Sportlerin will schon für ihr Aussehen belohnt werden statt für ihre Leistung?

Lauren L. Hill, Profisurferin und Autorin von «She Surf», zeigt mit ihrer Auswahl: Frauen gehören auf das Surfbrett wie Männer, Vertreterinnen aus rückständigen Staaten ebenso wie jene aus dem modernen Kalifornien. Ishita Malaviya, Indiens erste Profisurferin, musste viele Vorschriften übergehen, um ihren Traum vom Surfen zu leben.

Sie trägt den Bikini, in ihrer Heimat ein anstössiges Kleidungsstück, den ganzen Tag. Jeden Tag. Ihre Haut ist vom Draussensein unanständig dunkel statt anständig weiss.

Wer an der Dorfschule freiwillig Englisch unterrichtet, bekommt das Wellenreiten umsonst beigebracht. Surfen kann mehr als Sport sein, mehr als cooler Lifestyle, nämlich soziales Engagement. Auch wenn viele tausend Kilometer sie trennen, in einem sind sich Ishita Malaviya und Alena Ehrenbold gleich. Sie machen jungen Surferinnen Mut, sich auch auf der grössten Welle richtig zu fühlen.

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